Freytags-Frage: Wo steht Deutschland 25 Jahre nach der Wiedervereinigung?

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Wo steht Deutschland 25 Jahre nach der Wiedervereinigung?

Kolumne von Andreas Freytag

Am Samstag feiert Deutschland den 25. Jahrestag der Wiedervereinigung – und noch immer ist der Prozess nicht vollendet. Zeit, mit einigen Klischees über arrogante Wessis und schmarotzende Ossis aufzuräumen.

Im Vorfeld des Jubiläums der Wiedervereinigung am 3. Oktober feuern die Fernsehkanäle aus allen Rohren. Zeitzeugen kommen zu Wort, die alten Bilder wecken Erinnerungen, und aus verschiedenen Perspektiven wird Bilanz gezogen. Wie fällt diese Bilanz im Großen und Ganzen aus?

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Natürlich sieht es jeder anders; deshalb muss eine solche Bilanz vor dem Hintergrund der realistisch bestehenden Möglichkeiten gezogen werden. In dieser Kolumne geht es dabei ausschließlich um das Verhältnis zwischen Ost und West und die daraus folgenden wirtschaftspolitischen Schlüsse. Allgemeine wirtschaftspolitische Befunde bleiben weitestgehend ausgeblendet; mit Blick auf Demographie, Sozial- und Europapolitik fiele das Urteil nämlich etwas nüchterner aus.

Gehaltsunterschiede Tariflöhne in Ost und West nähern sich an

25 Jahre nach der Wiedervereinigung verschwinden die Lohnunterschiede zwischen Ost und West - zumindest in den Tarifverträgen. In den Branchen ohne Tarif ist die Lücke dagegen weiterhin riesig.

huGO-BildID: 26442635 ARCHIV - Ein Mitarbeiter des Autobauers Mercedes Benz hält am 24.02.2011 in Sindelfingen vor dem Werk ein Plakat mit der Aufschrift «Gleiche Arbeit? Gleiches Geld!» in die Höhe. In der deutschen Metall- und Elektroindustrie bekommen nun auch die mehr als 240 000 Leiharbeiter mehr Geld. IG Metall und die Arbeitgeber der Zeitarbeit einigten sich in der Nacht zum Dienstag (22.05.2012) in Frankfurt auf einen Stufenplan, der den Leiharbeitern ab der sechsten Woche Branchenzuschläge auf ihren Tariflohn sichert. Foto: Uwe Anspach dpa (Zu dpa «Mehr Geld auch für Metall-Leiharbeiter» vom 22.05.2012) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Also: Das Wort von den „blühenden Landschaften“ in bereits wenigen Jahren war natürlich zu optimistisch; dennoch überwiegt das Positive.

  • Zum Ersten haben sich all diejenigen geirrt, die fürchtet hatten, das wiedervereinigte Deutschland würde ein nationalistisches und größenwahnsinniges Deutschland werden. Es ist vielmehr in den vergangenen 25 Jahren gelungen, mit Verantwortungsbewusstsein und Augenmaß die relative Stärke (vor allem in Europa) einzusetzen. Wenn man etwas kritisieren kann, dann vielleicht die bisweilen zu zögerliche Haltung deutscher Regierungen bei der Unterstützung von Krisenregionen und der Lösung internationaler Konflikte. Hinzu kommt ein etwas verstörendes Verhältnis einiger Deutscher zur Demokratie und deren Institutionen (Stichworte sind etwa „Lügenpresse“ oder „Volksverräter“) sowie zur Sozialen Marktwirtschaft. Die rechtsstaatlichen Institutionen sind offenbar ein wenig vernachlässigt worden und bedürfen der Stärkung.
  • Zweitens kann die Stimmung nur als gut bezeichnet werden. Obwohl die Menschen in Ost und West durchaus unterschiedlich denken, weil sie in ganz unterschiedlichen Umfeldern aufgewachsen sind, haben sie vieles gemeinsam. Auf jeden Fall kann man als Westdeutscher gut im Osten leben, wie ich es seit nunmehr zwölf Jahren tue.

So verschieden sind Ost und West

  • Wirtschaft

    „Blühende Landschaften“ gibt es im Osten eher wenige. Die Wirtschaftskraft liegt ein Drittel unter dem Niveau der westdeutschen Länder. Und: Die Lücke schließt sich seit einiger Zeit kaum noch. (Quelle: dpa)

  • Verdienst

    Ostdeutsche verdienen viel weniger. So betrug der mittlere Bruttomonatslohn im Westen zuletzt 3094 Euro, im Osten nur 2317 Euro.

  • Arbeitslose

    Die Kluft zwischen Ost und West wird immer kleiner. In Ostdeutschland ist die Arbeitslosenquote auf dem tiefsten Stand seit 1991. Trotzdem beträgt sie noch 9,1 Prozent, im Westen 5,8 Prozent.

  • Rente

    Wegen des früheren Berufseinstiegs in der DDR sind Renten im Osten meist höher. Zuletzt bekamen Männer im Schnitt 1096 Euro, Frauen 755 Euro. Im Westen: Männer 1003 Euro, Frauen 512 Euro.

  • Vermögen

    Ostdeutsche besitzen nicht einmal halb so viel. Während Erwachsene im Westen im Schnitt über 94 000 Euro verfügen, sind es im Osten nur 41 000 Euro. Der Durchschnittswert selbst genutzter Immobilien liegt im Westen bei 151 000, im Osten bei 88 000 Euro.

  • Kinderwunsch

    In Westdeutschland ist der Kinderwunsch deutlich ausgeprägter. Nach einer Forsa-Umfrage möchten 63 Prozent der jungen Erwachsenen hier auf jeden Fall Kinder, im Osten nur 47 Prozent.

  • Kinderbetreuung

    In der DDR gehörte die Krippe zum Alltag, das wirkt bis heute nach. 2013 war die Betreuungsquote im Osten mit 49,8 Prozent noch mehr als doppelt so hoch wie in den westdeutschen Ländern mit 24,2 Prozent.

  • Verkehrstote

    Ostdeutsche Straßen sind gefährlicher - und besonders gefährlich sind die in Brandenburg. Bei Verkehrsunfällen starben 2013 dort 69 Menschen pro eine Million Einwohner, in Sachsen-Anhalt 61. Im Bundesdurchschnitt waren es gerade mal 41.

  • Musik

    Ob Helene Fischer oder Tim Bendzko: Musik mit deutschem Text ist im ganzen Land beliebt, nach einer Umfrage im Osten (84 Prozent) aber noch deutlich stärker als im Westen (74 Prozent).

  • Sterbehilfe

    Rund 82 Prozent der Ostdeutschen wünschen sich einer Forsa-Umfrage zufolge bei einer schweren Erkrankung Sterbehilfe. In Westdeutschland sind es nur 67 Prozent.

  • Studenten

    Sie können sich im Osten wegen niedrigerer Mieten mehr leisten. Laut Umfrage zahlt jeder zweite weniger als 300 Euro Miete, im Westen nur jeder dritte. Für Ausgehen oder Hobbys geben Studenten im Osten im Schnitt 178 Euro aus, 16 Euro mehr als die Kommilitonen im Westen.

  • Kirche

    Die historisch gewachsene Kluft bleibt groß: 2011 waren noch 25 Prozent der Menschen im Osten Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche, im Westen 70 Prozent.

  • Stimmung

    Nach einer Umfrage von Infratest dimap bewerten etwa 75 Prozent der Ostdeutschen die Wiedervereinigung positiv. In Westdeutschland sieht dagegen nur rund die Hälfte der Befragten (48 Prozent) mehr Vor- als Nachteile.

  • Drittens haben die Reparaturarbeiten nach über 40 Jahren Sozialismus den neuen Ländern optisch sehr gut getan. Die Umweltqualität ist hoch, die Infrastruktur ist gut (zum Teil besser als im Westen), die Bauten sind zum Großteil renoviert. Äußerlich hat der Osten stark aufgeholt, an einigen Stellen den Westen sogar überholt (dieses Mal mit Einholen!).
  • Viertens hat der Osten auch einen Großteil der Produktivitätslücke zum Westen aufgeholt. Es war zwar nicht exakt zu berechnen, doch dürfte der Rückstand im Jahr 1990 riesig gewesen sein. Realistisch betrachtet dürfte die totale Faktorproduktivität damals in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) bei weniger als einem Drittel der alten Bundesrepublik gelegen haben. Heute sind es zwischen 75 und 80 Prozent.
  • Dieser noch bestehende Rückstand kann fünftens nicht mit der Arbeitsproduktivität der Menschen erklärt werden. Diese dürfte in Ost und West etwa gleich sein. Die Ausbildung in Betrieben und an Hochschulen aller Art ist von ähnlicher Qualität, was man daran erkennt, dass die Absolventen ostdeutscher Ausbildungsstätten ähnlich gute Chancen am (internationalen und nationalen) Arbeitsmarkt haben, wie diejenigen aus dem Westen. Die Gründe liegen vornehmlich in der Konzentration der Firmensitze und Forschungszentren in den alten Ländern; dies zu ändern wird dauern.
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