G20-Gipfel: Zwischen Kultur und Linksauslegern

G20-Gipfel: Zwischen Kultur und Linksauslegern

, aktualisiert 05. Juli 2017, 18:41 Uhr
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Aktivisten in Lehmkleidung ziehen in Hamburg während der Kunstprotestaktion 1000 Gestalten über den Rathausmarkt.

von Christoph KapalschinskiQuelle:Handelsblatt Online

Das G20-Treffen belebt die Hamburger Stadtgesellschaft. Es könnte ein nachdenklich-fröhliches Fest der pluralistischen Demokratie sein – wäre da nicht die Furcht vor Ausschreitungen.

HamburgSind das Menschen? Zombiegleich schlurfen graue, lehmverklumpte Gestalten durch Hamburger Straßen. Es müssen Hunderte sein. Schleichend nähern sie sich einem Platz zwischen den backsteinbauten des Weltkulturerbes Kontorhaus-Viertel in der Altstadt. Die Performance „1000 Gestalten“ strafte am Donnerstagnachmittag all diejenigen Lügen, die meinen, die Medien kämen nur zu gewalttätigen Protesten. Selbst eine Kamera auf einer Hebebühne filmte das Geschehen, dazu Dutzende weiterer Fernsehteams und Fotografen. Was die Gestalten jeden Alters sollen? „Sie stehen für eine Gesellschaft, die sich ihrer Hilflosigkeit vor den komplexen Zusammenhängen der Welt ergeben hat und nur noch für das eigene Vorankommen kämpft“, erklärte das Künstler-Kollektiv.

Der G20-Gipfel mitten in der Zweimillionenstadt Hamburg erntet heftige Kritik. Zu teuer sei es, die Sicherheit mit knapp 20 000 Polizisten zu gewährleisten, Geschäfte müssten schließen, etliche Arbeitgeber freie Tage geben. Doch der Metropolen-Gipfel hat auch eine andere Seite: Schon seit Monaten beflügelt die Aussicht auf das Weltereignis kreative, Wissenschaftler und Unternehmer in der Stadt. Denn Hamburg hat, was die deutschen G8-Gipfelorte Elmenau und Heiligendamm nicht zu bieten hatten: eine höchst lebendige Stadtgesellschaft.

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Zum Beispiel mit dem experimentellen freien Theater Kampnagel. Ein altes Fabrikgelände bietet schon seit 1982 Störendes und Verstörendes auf der Bühne. Donnerstag und Freitag tagen hier Teilnehmer eines Alternativ-Gipfels. Das Programm ist Kampnagel-typisch alles andere als massentauglich, dennoch lockt es Teilnehmer aus der ganzen Welt. Im Programm steht nicht nur eine Rede von Vandana Shiva, Trägerin der Alternativen Nobelpreises. Darüber hinaus bearbeiten zahlreiche Gruppen Themen mit linker Schlagseite – von „Friedenspolitik jenseits von Nato und EU“ bis hin zum Klimaschutz. Mit dabei sind vor allem Vertreter von Nichtregierungsorganisationen. Bis zu 1000 Teilnehmer kündigten die 75 Organisatoren, darunter die Grünen-nahe Böll-Stiftung, an. Es könnten sogar noch mehr Menschen werden.

Überhaupt bewirkt der Gipfel, dass in der Stadt über Politik gesprochen wird. Der umtriebige Unternehmer Michael Otto, Inhaber der Otto Group, verlangte im Hamburger Rathaus diese Woche nach einem Treffen von Stiftungen in der Initiative F20 den Ausstieg aus der Kohlenutzung. Zuvor hatten in Hamburg bereits die offiziell eingeladenen Vertreter von gesellschaftlichen Gruppen in der Zivilgesellschaftsplattform C20 des Gipfels Forderungen an Bundeskanzlerin Angela Merkel überreicht, die eigens nach Hamburg gekommen war. Der Ökonom Dennis Snower koordiniert von Kiel aus die weltweite Arbeit der Think-Tanks für die Konferenz. Die Forderungen, wie die Weltwirtschaft resistenter gegen Krisen werden kann, tragen deutlich die Handschrift des in Wien aufgewachsenen Amerikaners – und seines Teams.

Schließlich beschäftigt der Gipfel auch junge Wissenschaftler in Norddeutschland. Die Universität Hamburg mit ihrem starken Gewicht bei Wirtschafts- und Sozialwissenschaften befasst sich in etlichen Vorlesungen mit dem Thema. Zugleich politisiert es die jungen Studenten über die Wissenschaft hinaus: Die Studentenvertretung AStA schaffte es immerhin, dass sich die Hamburgische Bürgerschaft vor einigen Wochen in einer Debatte noch einmal mit einer Petition zum Gipfel beschäftigen musste.


Von der Kultur bis zum Roten Aufbau

Klar, dass der Gipfel auch die Hamburger Kultur bewegt. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano probt im Staatsauftrag für ein Konzert in der Elbphilharmonie vor den Regierungschefs. Sonst geht es weniger staatstragend zu: Vergangene Woche etwa diskutierten am Schauspielhaus der 81-jährige Globalisierungskritiker Jean Ziegler und der Ex-RAF-Aktivist Karl-Heinz Dellwo vor einem gemischten Publikum. Am Dienstagabend dann öffnete das Haus seine Türen für mehrere Hundert Demonstranten auf der Suche nach einem Schlafplatz. Mehrere evangelische Pröbste stellten ihre Kirchen-Grundstücke für Camper zur Verfügung.

Selbst die Club-Kultur macht mit. Am Dienstagabend wummerten Bässe durch den Altbau-Stadtteil Ottensen. Junges Publikum mit Bier und Weinflaschen feierte vor den Türen der dortigen Szene-Kneipen ihren eher intuitiven Protest gegen den Gipfel mit Techno-DJs. Die Stimmung blieb weitgehend entspannt, die Polizei musste lediglich wegen eines Flaschenwurfs einschreiten. Für Mittwochabend ist eine Tanz-Demonstration ebenfalls mit Clubmusik von Trucks angekündigt.

Die größte Feier wird wohl das Benefiz-Konzert der Aktions-Plattform Global Citizen in der Hamburger Barcleycard-Arena: Am Donnerstagabend treten dort unter anderem Coldplay, Herbert Grönemeyer und Shakira auf. Da lässt es sich verschmerzen, dass Elton John ein für Sonntagabend geplantes Konzert verschieben musste, weil er zu spät eine Sonderlandeerlaubnis für den Hamburger Flughafen bekam.

Der G20-Gipfel könnte also tatsächlich ein nachdenklich bis fröhliches Fest der Demokratie sein, an dem eben auch 20 Regierungschefs teilnehmen. Doch es schwebt über allem die Furcht vor – oder die klammheimliche Hoffnung auf – Ausschreitungen. Die ungewisse Lage verhindert echte Feierlaune und verursacht Verbote etwa von Zeltplätzen. Blaulicht und Hubschrauberlärm drücken auf die Stimmung, selbst Schaufenster in der Einkaufsmeile Mönckebergstraße sind inzwischen sicherheitshalber verrammelt.

Das folgt einer zerstörerischen Logik: Politische Splittergruppen, die normalerweise kein Gehör finden würden, sind nur wegen ihrer Gewaltdrohung übermäßig sichtbar. Die vom Verfassungsschutz beobachteten Linksausleger Roter Aufbau und Interventionistische Linke sind im normalen Diskurs chancenlos und mit gutem Grund nicht Teil der offiziellen G20-Plattformen oder des Alternativgipfels – nun aber über Hamburg hinaus ein Begriff.

Und das desto mehr, je glaubwürdiger sie Schrecken verbreiten. Sie finden unfreiwillige Multiplikatoren: Geschäftsleute rund um die Messe hoffen sich mit Anti-G20-Plakaten, samt Bitte um Verschonung vor Zerstörungen retten zu können - eine Art politischer Schutzgelderpressung.

Weiteres Problem: Viele der bunten Gruppen distanzieren sich von den Gewalt-Andeutungen der extremen Linken nicht so stark wie von Trump, Erdogan und Merkel. Die Quittung könnte es bereits am Donnerstagabend geben: Die Demonstration „Welcome to Hell“ kündigt nicht nur Kultur mit Auftritten der ins Künstlerische abgedrifteten Alt-Punks der „Goldenen Zitronen“ und der festivalerprobten Hamburger „Zecken-Rapper“ von „Neonschwarz“ an. Die Veranstalter haben auch recht deutlich gemacht, dass gewalttätige Szenen im Laufe des Abends folgen könnten. Spaß macht das dann nur noch einer Minderheit.

Quelle:  Handelsblatt Online
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