G8: Turboschule statt Geigentrio

G8: Turboschule statt Geigentrio

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Mehrere Chemiebücher liegen im Chemiesaal der Humboldtschule in Hannover.

Ganz Deutschland jammert über „G8“. Dabei schaffen Schüler anderswo ihr Abitur in acht Jahren – und überleben auch den Nachmittagsunterricht.

Oft kommt Ute Reh nachmittags um fünf nach Hause – und Tochter Meret ist noch nicht da. Das sind die Tage, an denen die Zwölfjährige bis vier Uhr nachmittags Unterricht hat und danach noch Gitarrenstunde, Badminton oder Theatergruppe. „Meine Tochter muss ein höheres Wochenpensum bewältigen als ich“, sagt Reh, die im Außendienst des Berliner Gasversorgers Gasag arbeitet. Denn Meret besucht die spanische Europaschule in Berlin-Friedrichshain, eine Ganztagsschule. Dort herrscht Anwesenheitspflicht bis 16 Uhr. Familie Reh hat sich daran gewöhnt: Freunde treffen oder an den See fahren – das geht nur am Wochenende oder in den Ferien. „Das ist doch normal“, findet Meret.

Wenn Meret im Sommer – wie in Berlin zur siebten Klasse üblich – auf das Gymnasium wechselt, wird sich für sie daran nicht viel ändern. Auch weiterhin wird sie ihre Nachmittage in der Schule verbringen. Daran allerdings müssen sich ihre neuen Mitschüler und Mitschülerinnen erst mühsam gewöhnen. Denn auch Berlin hat den Weg zum Abitur seit 2006 verkürzt. Wie inzwischen fast überall in Deutschland, sollen die Schüler in acht statt neun Jahren ihre Hochschulreife erlangen. Für die Kinder heißt das: Statt sechs Stunden Kernzeit täglich sind jetzt sieben die Regel, der Unterricht zieht sich manchmal bis spät in den Nachmittag hinein.

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Unzumutbar sei das, finden viele Eltern. Der Schulstress raube den Schülern die Zeit für Geigentrio und Fußballverein. Vor allem im Westen Deutschlands, wo Kinder oft noch zum Mittagessen nach Hause kommen, ist der Unmut groß. G8, die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre, ist zum Reizwort geworden, zum Synonym für verkorkste Bildungspolitik. „Hände weg von unserer Kindheit“, warnt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. In der „Zeit“ ist von „Kinderarbeit“ und „Neoliberalismus im Klassenzimmer“ die Rede. TV-Talkmaster Reinhold Beckmann behauptet, den Schülern würde „die Kindheit gestohlen“.

Dabei gilt die Wut weniger der Reform an sich. G8 war eine Reaktion auf den Pisa-Schock 2001. Und die Wirtschaft forderte schon länger eine Straffung der Schulzeit, weil sie in den langen Ausbildungszeiten einen Wettbewerbsnachteil sieht. Wenn die Globalisierung der Arbeitswelt mehr Effizienz notwendig macht, kann dann die Schule davon verschont bleiben?

Was Eltern, Lehrer und Schüler jetzt aufregt, ist die dilettantische Umsetzung der Reform in den Bundesländern. Ohne viel Diskussion legten die Kultusminister einer nach dem anderen fest, dass das Abitur nun auch in ihrem Land in acht statt neun Jahren am Gymnasium zu erreichen sei. Besonders undurchsichtig gebärdeten sich dabei die Bayern. Noch 2004, kurz vor der Reform, antwortete die damalige Bildungsministerin Monika Hohlmeier auf E-Mail-Anfragen besorgter Lehrer, an eine Verkürzung der Schulzeit sei nicht gedacht.

Weder wurden die Lehrpläne gestrafft noch der notwendige Umbau der Schulen zur Auflage gemacht. Stattdessen wurde » der Stoff von neun in acht Schuljahre gepresst – und um den zu bewältigen, müssen die Schulen die Unterrichtszeit in den Nachmittag hinein verlängern, worauf die meisten nicht vorbereitet sind. „Es gibt keine Mensa, kaum Räume, wo sich die Kinder in Ruhe aufhalten können“, klagt Michael Wüstenberg, Rektor des Lessing-Gymnasiums in Berlin-Mitte. Seine Schule hilft sich mit einer Cafeteria aus: einem umgebauten Klassenraum, in dem Eltern belegte Brötchen, eine kleine warme Mahlzeit und Getränke verkaufen.

Derweil fallen den Landesregierungen ihre Hauruck-Aktionen auf die Füße. In Hessen wurde Unions-Ministerpräsident Roland Koch bei der jüngsten Landtagswahl auch für schlechte Bildungspolitik abgestraft. Seine Kultusministerin Karin Wolff (CDU) trat vergangene Woche entnervt zurück. In Hamburg, wo Bürgermeister Ole von Beust nächsten Sonntag um seine Wiederwahl fürchten muss, avancierte das „Turbo-Abitur“ zum Top-Wahlkampfthema. In Bayern, wo im Herbst gewählt wird, droht dasselbe. Laut einer Umfrage des Bayerischen Rundfunks sind 70 Prozent der Bayern unzufrieden mit der Bildungspolitik.

„Ich fand die Idee am Anfang nicht schlecht, aber so, wie es jetzt läuft, finde ich es nicht mehr gut“, sagt Gabriele Henger, Mathelehrerin am Luisen-Gymnasium in München. In Mathe würden viele Themen „nur noch angerissen, aber die Zeit zum Üben fehlt“. Man hätte den Lehrplan einfach nur „zusammengequetscht“, kritisiert die Lehrerin, aber nicht „entrümpelt“.

Die Frage ist nur: Wo wird entrümpelt? Als vergangene Woche Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) vorschlug, bei Chemie, Physik und Biologie zu kürzen, war dies auch wieder nicht recht, und er trat prompt eine neue Welle der Empörung los: „Hanebüchen“ seien solche Vorschläge, findet Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. „Und so was im Jahr der Mathematik!“ Aber auch „im musischen und sportlichen Bereich“ will Demmer keine Kürzungen. „Gerade diese Fächer sind wichtig für den Aufbau der Persönlichkeit.“ Und so wird sich für jedes Fach eine Lobby finden.

Wenn mit „entrümpeln“ nur „fantasieloses Streichen“ gemeint sei, habe sie prinzipiell etwas dagegen, sagt die GEW-Frau. „Wir haben jetzt schon europaweit die wenigsten Stunden bis zum Abitur.“ 9500 Stunden dauert die Schule hierzulande bis zur Hochschulreife, in Frankreich und England sind es mehr als 11.500.

Auch die Wirtschaft warnt: „Auf keinen Fall dürfen mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Fächer in der Stundentafel zusammengefahren werden.“ Sie seien „die Lebensversicherung für den Standort Deutschland“, betont die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Die Straffung der Gymnasialzeit sei „völlig richtig und dem europäischen Standard entsprechend“. G8 müsse aber genutzt werden, um die Lehrpläne grundlegend zu verbessern. Statt in allen Fächern einen bestimmten Stoff „abzuarbeiten“, sollte den Schülern ein „substanzielles Grundlagenwissen und -können“ vermittelt werden.

„Sind die Kinder in anderen Ländern dümmer als unsere?“, fragt Helmut Klein, Bildungsexperte am Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln – und liefert die Antwort gleich mit: „Nein.“ Fast überall im Ausland erreichen Schüler nach zwölf Jahren die Hochschulreife. Aber auch Klein kritisiert die Lehrpläne: „Wir sollten uns darauf konzentrieren, bei den Schülern Kompetenzen zu entwickeln, statt Inhalte zu pauken.“

Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, warnt vor der Rückkehr zum 13. Schuljahr. „Unser Land braucht gut qualifizierte, gerade auch junge Fach- und Führungskräfte.“ Braun plädiert für „Ganztagsschulen mit Mittagsverpflegung und professioneller Hausaufgabenbetreuung“.

Doch der Ausbau von Gymnasien zu Ganztagsschulen kostet Geld. Von 6,5 Milliarden Euro geht Ernst Rösner vom Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung aus. Das Institut der Wirtschaft (IW) in Köln beziffert den Bedarf pro Schule im Schnitt auf knapp 300.000 Euro. Hinzu kämen laufende Kosten in Höhe von 5,7 Milliarden Euro pro Jahr für neue Lehrer.

Mit vier Milliarden Euro stellte das Bundesbildungsministerium 2003 knapp zwei Drittel der für den Ausbau von Ganztagsschulen erforderlichen Investitionssumme zur Verfügung. Bisher allerdings riefen die Länder von dieser Summe nur 2,8 Milliarden Euro ab. Denn das Geld wird erst dann überwiesen, wenn eine Schule ihr Bauvorhaben beendet hat – und weil dies eher schleppend verläuft, hat das Ministerium die Frist bis Mitte 2009 verlängert. Nicht immer werden die Mittel auch dem eigentlichen Ziel entsprechend eingesetzt. So hätten viele Schulen die Bundesmittel „vor allem zur Sanierung alter Gebäude“ genutzt, kritisiert Bildungsökonom Klein. Zur Ganztagsschule wird man so nicht.

Doch ohne eine strukturierte Betreuung in den Nachmittag hinein ist G8 kaum machbar – und zu G8 gibt es keine Alternative. Zu viel spricht für die Reform: Deutsche Studenten gehören international zu den ältesten. Laut OECD sind sie im Schnitt 26 Jahre alt, wenn sie die Uni verlassen – der OECD-Mittelwert liegt bei knapp 23. Dabei haben die Ökonomen in Paris nur die laut Studienordnung vorgeschriebenen Semester für Studiengänge addiert und so den Durchschnittswert gebildet. Das Statistische Bundesamt, das sich an der tatsächlichen Studienzeit orientiert, stellt den Studenten ein noch schlechteres Zeugnis aus. Danach trödeln Studenten in Deutschland im Schnitt bis zum 28. Lebensjahr auf der Uni herum. Das ist schon fast die Halbzeit auf dem Weg zur Frühverrentung.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die lange Ausbildungszeit vor allem eine Verschwendung von Ressourcen. „Geht man von 35 bis 40 Jahren Berufstätigkeit aus, erhöht sich das Sozialprodukt Deutschlands langfristig um knapp drei Prozent, wenn jeder Jahrgang ein Jahr länger im Arbeitsleben bleibt“, sagt Ludger Wößmann, Bildungsökonom an der Uni München.

Hinzu kommt, dass die Jungakademiker insgesamt mehr Geld in die Sozialkassen einzahlen, wenn sie früher mit dem Berufsleben beginnen. Das ist bitter nötig: Kommen heute auf einen Rentner noch etwa zwei Beitragszahler, wird das Verhältnis 2050 schon eins zu eins betragen.

Auch dies ist ein Argument, warum die verkürzte Schulzeit sinnvoll ist: Gerade die von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) so umworbenen Akademikerfrauen schaffen es heute oftmals nicht, sich rechtzeitig nach der Uni um die Familiengründung zu kümmern. Viele hangeln sich von einem befristeten Job zum nächsten und gehen bei der ersten Festanstellung auf die 35 zu. Bei manchen reicht es dann nur noch für ein Kind mit Anfang 40.

Zu groß darf die Heilserwartung an G8 allerdings auch nicht sein: Die verkürzte Schulzeit ist nur ein notwendiger Schritt in Richtung einer Gesellschaft, die Bildung als lebenslanges Begleitprogramm begreift. Ein weiterer Schritt ist die Einführung von kürzeren Studiengängen und Zwischenabschlüssen, wie es mit den Master-Programmen schon geschehen ist. Noch ein weiterer Schritt könnte die Flexibilisierung am Gymnasium sein: Schnellläuferklassen für Hochbegabte, individuelle Förderung für langsamere Schüler. Und Geigenstunde und Fußball könnten in den Schulalltag integriert werden. Bei Meret Reh aus Berlin-Friedrichshain funktioniert das bereits: Der Gitarrenlehrer unterrichtet nachmittags in einem leeren Klassenzimmer.

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