Gastbeitrag: Langer Weg

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Dohnanyi, 79, war von 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister von Hamburg. Zuvor war der SPD-Politiker rund zwölf Jahre Mitglied des Deutschen Bundestages und von 1972 bis 1974 Bundesminister für Bildung und Wissenschaft.

Der Aufstieg Hamburgs ist eine Geschichte voller Brüche und Neuanfänge. Der langjährige Erste Bürgermeister Klaus von Dohnanyi über Historie und Perspektiven seiner Stadt.

Als ich 1981 zum Bürgermeister Hamburgs gewählt wurde, fand ich die Stadt in einer äußerst schwierigen Lage. Erneut hatten rezessive Tendenzen in der Weltwirtschaft tiefe Spuren im Hamburger Arbeitsmarkt hinterlassen und die früh vorhersehbaren Verluste im Schiffbau und seiner Zulieferindustrie waren am Standort Hamburg in den Sechziger- und Siebzigerjahren nicht durch eine strategische Politik für neue Industrien kompensiert worden. Es galt also einen neuen Anlauf zu wagen.

Damals legten wir das Fundament für eine konsequente Standortpolitik, Stichwort „Unternehmen Hamburg“. Es war ein systematischer Ansatz zur Beseitigung der Schwächen Hamburgs im Bereich moderner Industrien, Dienstleistungen und Wissenschaft. Wir wussten: Das erfordert einen langen Atem auf einem langen Weg.

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Dieser Weg wurde und wird von allen meinen Nachfolgern mit viel Energie und Ideenreichtum auf jeweils eigene Weise fortgeführt. Dann aber kam der entscheidende Rückenwind, der heute zur Dynamik unserer Stadt wesentlich beiträgt: 1989. Dazu ein Blick in die Geschichte.

Hamburg hat im vergangenen Jahrhundert wie keine andere Stadt der „alten“ Bundesrepublik das Schicksal Deutschlands erfahren müssen. Selbstbewusst und weltoffen hatte das 20. Jahrhundert begonnen: Deutschland, die zukunftsträchtige Nation in Europa, erschloss sich die Welt, und Hamburg war das Tor. Handel und Schifffahrt prägten Dynamik und Charakter der alten Stadtrepublik, die größte Reederei der Welt hatte hier ihren Sitz, und Hamburger Kaufleute waren in aller Herren Länder zu Hause.

So war es vor 1914; so endete es 1918. Jetzt wurden Deutschlands Handelskräfte von den Siegern beschnitten, die Handelsflotte begrenzt, manches Hamburger Eigentum im feindlichen Ausland eingezogen. Hamburg brauchte wieder einen neuen Anfang. Man gründete den Überseeclub in den Zwanzigerjahren, und viele Reden dort ließen erkennen, dass den Hamburger Bürgern Weitblick und Weltoffenheit, Mut und Tatkraft trotz der bitteren Folgen des Ersten Weltkrieges nicht verloren gegangen waren.

Doch dann zerbrach die Republik an den Folgen der Weltwirtschaftskrise, die Nationalsozialisten regierten auch in Hamburg, vertrieben unser großes Judentum, und schließlich zerstörte der Krieg die Stadt im Feuerbrand.

Also 1945 wieder ein Anfang. Deutschland brauchte Rohstoffe und Waren für den Wiederaufbau – und natürlich den notwendigen Export, um die Einfuhren zu bezahlen. Hamburgs Handelsbeziehungen und sein Hafen waren hierfür die natürliche Drehscheibe. Während das Ruhrgebiet das Fundament für den investiven Aufbau bildete, war Hamburg der Partner für die Verbindungen in die Welt. Hafen und Umschlag kehrten zurück.

Doch Deutschland und Europa waren geteilt. Und die Länder östlich der Elbe, die über eine jahrhundertealte Geschichte ein wesentliches Fundament für Hamburgs Hafen und Handel gebildet hatten, wurden schon wenige Jahre nach dem Ende des Krieges eingemauert. Hamburg verlor so einen wesentlichen Teil seiner historischen Bedeutung. Der Rhein wurde zur verkehrspolitischen Schlagader des freien westlichen Europa und Rotterdam zum größten Haften des frei gebliebenen, westlichen Kontinents.

Während aber der Westen auch von der Teilung profitierte, weil Berlin und der deutsche Osten seine Betriebe und staatlichen Funktionen nach Westen verlagerte – Siemens aus Berlin nach München, die Banken nach Frankfurt, die Regierung nach Bonn – hatte Hamburg durch die Teilung einen wichtigen Teil seiner Rolle verloren.

Das alles wurde mit einem Schlage wieder anders, als 1989 die Mauer fiel und – wenn auch langsam und mit sehr reduzierter Kaufkraft – die östliche Hälfte Deutschlands und die mittel- und osteuropäischen Staaten wieder ein Teil des freien Europas wurden. Deutschland wurde wieder vereinigt – und Hamburg gewann sein Hinterland zurück. Erneut ein Anfang.

Das ist die Geschichte, die man im Kopf haben muss, wenn man den dynamischen Aufstieg Hamburgs unter den deutschen Großstädten im letzten Jahrzehnt verstehen will. Hafen und Handel waren wieder die Wurzel: Noch 1995 erreichte Hamburg nur knapp 50 Prozent des Rotterdamer Containerumschlags – 2007 waren es 90 Prozent. Wird Hamburg jetzt Rotterdam im Containerumschlag überholen? Das ist möglich, hängt aber wesentlich davon ab, ob die Elbvertiefung ebenso wie der Ausbau von Schiene und Straße Schritt halten werden. Dies ist eine große Aufgabe der kommenden Jahre.

Doch der Hafen ist nicht alles. Medien, Dienstleister und neue Industrien müssen dem neuen Wettbewerb begegnen. Der Ausbau des Wissensstandortes Hamburg hat erst begonnen. Nur auf diesem Weg wird Hamburg seine heutige Dynamik bewahren.

Hamburg ist heute vielleicht die attraktivste Stadt für die Jugend in Deutschland. Hierfür aber bleibt das „Unternehmen Hamburg“ die zentrale Aufgabe im wachsenden globalen Wettbewerb. Denn ohne Arbeitsplätze gibt es am Ende auch keine Studienplätze.

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