Gedenken in Berlin: „Euer Hass ist unser Ansporn“

Gedenken in Berlin: „Euer Hass ist unser Ansporn“

Mit starken Worten verurteilte Bundespräsident Gauck Terroristen und Fanatiker. Die Mahnwache am Brandenburger Tor wurde zu einem beeindruckenden Signal für religiöse Toleranz und gegen Terror.

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Mit der Mahnwache gedachten in Berlin etwa 10.000 Menschen den Opfern von Charlie Hebdo

Bundespräsident Joachim Gauck hat alle Menschen in Deutschland unabhängig von Religion und Herkunft zum Einsatz für Demokratie und Weltoffenheit aufgerufen. „Wir alle sind Deutschland“, sagte Gauck am Dienstag bei einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor in Berlin nach den islamistischen Anschlägen von Paris mit 17 Toten.

„Wir schenken Euch nicht unsere Angst. Euer Hass ist unser Ansporn“, sagte er an die Adresse von Terroristen und Fanatikern. Gauck bezog sich dabei auf Sätze, die er zu Beginn seiner Amtszeit den Rechtsextremisten zugerufen hatte. „Der Terror ist international, aber das Bündnis der Freien und Friedfertigen ist es erst recht. Die Welt rückt zusammen.“

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Das Staatsoberhaupt dankte allen Muslimen, die sich vom Terror im Namen des Islam distanzierten. „Das ist ein patriotisches „Ja“ zu dem Land, im dem wir gemeinsam leben - unserem Land“, sagte Gauck. Die übergroße Mehrheit der Muslime fühle sich der offenen Gesellschaft zugehörig „und sie, diese Mehrheit, ist auch bereit, dafür einzutreten“.

Zugleich verurteilte Gauck die mehr als 550 jungen Männer und Frauen, die aus Deutschland im Namen des Islam als Kämpfer für den „Islamischen Staat“ nach Syrien und in den Irak gezogen sind. „Was für ein Missbrauch. Was für eine Pervertierung von Religion.“

Ohne die Anti-Islam-Bewegung Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) beim Namen zu nennen, ergänzte Gauck: „Wir gemeinsam stellen uns jeder Art von Dämonisierung und Ausgrenzung entgegen.“ Er würdigte die Menschen, die sich bei den Gegendemonstrationen zu Pegida gegen Fremdenfeindlichkeit und und für eine offene Gesellschaft stark machen. „Wir alle zeigen Gesicht!“

Angesichts der Brandanschläge auf Moscheen und von antisemitischen Parolen in Deutschland rief Gauck alle Bürger zu Solidarität auf. Es sei nicht allein Sache der Muslime und der Juden, sich dagegen zu wehren, „es ist unser aller Sache“. Zugleich kritisierte er: „Distanz zwischen Einwanderern und Einheimischen, die Distanz auch manchmal zwischen Eingewanderten unterschiedlicher Herkunft, sie wird noch zu selten überwunden.“ Die Menschen rief er hier zu mehr Offenheit auf: „Lassen Sie uns die Begegnung der Verschiedenen bewusst suchen.“ Und Gauck versicherte: „Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren.“

Die Attentate von Paris haben nach den Worten Gaucks gezeigt, wie verwundbar die offene Gesellschaft ist. Sie hätten aber eine Neubesinnung bewirkt. „Die Terroristen wollten uns spalten. Erreicht haben sie das Gegenteil. Sie haben uns zusammengeführt.“ Freiheit und Menschenrechte seien nicht nur westlich, sondern universell. Der Gegenentwurf zum Fundamentalismus der islamistischen Gewalttäter laute: „Demokratie, Achtung des Rechts, Respekt voreinander, Wahrung der Menschenwürde. Das ist unsere Lebensform!“

Vizekanzler Sigmar Gabriel hat die religions- und parteiübergreifende Mahnwache am Brandenburger Tor nach dem Terror von Paris als „starkes Zeichen“ gewertet. „Wir alle haben heute gemeinsam - und über Parteiengrenzen hinweg - gezeigt, dass wir uns vom Terror nicht in Angst versetzen oder auseinanderdividieren lassen“, schrieb der SPD-Chef und Bundeswirtschaftsminister am Dienstagabend auf seiner Facebook-Seite.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte im ZDF-„heute journal“, es sei wichtig gewesen, ein Zeichen zu setzen, dass die Terroristen keinen Erfolg damit haben, Hass und Zwietracht unter den Menschen und den Bevölkerungsgruppen zu säen. „Was wir brauchen, ist eine Solidarität mit der Mehrheit der Muslime, die sich mit den friedliebenden Zielen des Islam identifiziert und mit den Werten unserer offenen Gesellschaft ohnehin.“

Mit der Solidaritätsdemonstration hatten die Spitzen von Staat und Religionen am Dienstag ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben gesetzt. Bundespräsident Joachim Gauck rief alle Bürger unabhängig von Religion und Herkunft dazu auf, sich für Demokratie und Weltoffenheit einzusetzen. „Wir alle sind Deutschland“, sagte Gauck. „Wir schenken Euch nicht unsere Angst. Euer Hass ist unser Ansporn.“

Etwa 10.000 Menschen waren nach Polizeiangaben zu der Mahnwache für ein „weltoffenes und tolerantes Deutschland und für Meinungs- und Religionsfreiheit“ gekommen. Dazu aufgerufen hatte der Zentralrat der Muslime. Damit sollte der insgesamt 17 Terroropfer in Paris gedacht und islamfeindlichen Bestrebungen entgegengetreten werden. Am Montagabend hatte die anti-islamische Pegida-Bewegung in Dresden wieder 25 000 Menschen auf die Straße gebracht.

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Der Politikwissenschaftler Klaus Schubert von der Universität Münster wertete die Mahnwache als Indiz für einen gesellschaftlichen Wandel. „Das bürgerschaftliche Engagement übernimmt die Führung und gibt der Politik eine Bühne“, sagte er der dpa. „Die Aussage dahinter ist: Die wichtigen Dinge nehmen wir selbst in die Hand.“

An der Kundgebung, die mit einer Kranzniederlegung vor der französischen Botschaft am Pariser Platz begann, nahmen alle im Bundestag vertretenen Parteien teil, die Bundesregierung mit Kanzlerin Angela Merkel an der Spitze, Bundestagspräsident Norbert Lammert, der französische Botschafter Philippe Etienne sowie Vertreter der jüdischen Gemeinde und der christlichen Kirchen. Auch der frühere Bundespräsident Christian Wulff war dabei, dessen Zitat von 2010 sich Merkel am Montag ausdrücklich zu eigen gemacht hatte: „Der Islam gehört zu Deutschland.“

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