Genossenschaften: Große Begeisterung für die Kiez-Kapitalisten

Genossenschaften: Große Begeisterung für die Kiez-Kapitalisten

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Aino Simon, 33

Die Berliner Genossenschaft Möckernkiez hat 1070 Mitglieder. Bis 2014 entsteht auf einem früheren Bahngelände ein ökologisches Quartier mit 400 Wohnungen. Simon steuert im Vorstand das Mammut- Projekt, das Einzelne in Kreuzberg unsozial nennen. Für 100 m² Wohnraum werden 60 000 Euro Einlage fällig.

von Cordula Tutt

Sie haben der Finanzkrise getrotzt und erleben nun eine Renaissance. Konservative Dörfler, alternative Städter und Erzeuger alternativer Energien finden sich zu Kooperativen zusammen – sie bestimmen in ihren Unternehmen mit, investieren lokal und langfristig.

Die Bäume werden fallen. Den Naturschützer mit dem zauseligen Haar schmerzt das sichtlich. Versprechen doch die Genossen vom geplanten Möckernkiez, alles besser zu machen als andere Investoren. Auch die mürrische Frau vom Haus gegenüber wird ihre Aussicht auf die wilde Brache mitten in Kreuzberg verlieren. Immerhin soll Grün über die geplante neue Fassade wuchern und Straßenlärm schlucken. Und der ältere Herr von nebenan erwartet große Parkplatznot, wenn ein Quartier mit 400 Wohnungen und 1000 Bewohnern, aber nur 104 Tiefgaragenplätzen entsteht. Die künftigen Nachbarn wehren ab, die meisten hätten unterschrieben, fortan aufs Auto zu verzichten.

Die Genossenschaft Möckernkiez

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Wer in Berlin-Kreuzberg baut, macht sich nicht nur Freunde. Die Genossenschaft Möckernkiez hat ins Rathaus geladen. Ihre 1070 Mitglieder wollen ein Viertel aus ökologischen und barrierefreien Passivhäusern errichten – mit Hotel und Gastronomie, Kita und Biomarkt. Die Neulinge wollen gute Nachbarn und bessere Kapitalisten sein. „Würde hier ein Investor bauen, wäre alles viel teurer“, wirbt Aino Simon, die mit 33 Jahren als eins von drei Vorstandsmitgliedern das Projekt steuert.

Sie kam zu ihrem Job als Leiterin einer Großbaustelle, weil sie samt Mann und Töchterchen bezahlbar und ökologisch wohnen wollte. Im Möckernkiez soll die Miete bei zehn Euro warm pro Quadratmeter liegen – unschlagbar für einen Neubau fußläufig zum Potsdamer Platz.

Die Kiez-Kapitalisten vertreten eine Bewegung, die konservative Dörfler wie alternative Städter eint. Ihre Genossenschaft haben sie 2009 gegründet. Vorher, bei einem Kreuzberger Straßenfest, fasste eine Handvoll von ihnen die leicht größenwahnsinnige Idee, das drei Hektar große frühere Bahngelände zu kaufen. Acht Millionen Euro hat die Genossenschaft vor zwei Jahren gezahlt und sich gegen kommerzielle Investoren durchgesetzt. Zu Beginn wurden die Bauwilligen belächelt, kurz vor Baustart werden sie anerkennend bestaunt. 2014 sollen die Bewohner einziehen. Gutes Leben – selbst gemacht.

Der Weg zur Gründung einer Genossenschaft

  • Partner finden

    Wer ein neues Quartier bauen oder erneuerbare Energien erzeugen möchte, sollte Mitstreiter sammeln. Neben Privatleuten können das auch Unternehmen oder Kommunen sein. Mindestens drei Beteiligte sind nötig.

  • Konzept ausarbeiten

    Ein Ziel und gemeinsame Interessen sind notwendig, aber nicht hinreichend. Vor der Gründung müssen die Unternehmer ein Konzept samt Geschäftsplan und Finanzierung ausarbeiten und Schritte skizzieren, wie Partner oder Nachbarn eingebunden werden sollen.

  • Gründung beschliessen

    Zur Gründung kommen die (potenziellen) Mitglieder zusammen und beschließen die Satzung, die Geschäftsgrundlage wird. Ein festes Mindesteigenkapital gibt es nicht, die Ausstattung richtet sich nach dem Zweck.

  • Führung bestimmen

    Die Gründer wählen Aufsichtsrat und Vorstand, die aus den Reihen der Mitglieder stammen. Der Vorstand führt die Geschäfte und hat weitreichende Befugnisse. Bei mehr als 20 Mitgliedern muss ein Aufsichtsrat kontrollieren.

  • Gutachten einholen

    Die Genossenschaft wird Mitglied eines genossenschaftlichen Prüfungsverbands. Dessen Berater prüfen zum Beispiel die wirtschaftliche Tragfähigkeit. Ist deren Gutachten positiv, folgt der Eintrag ins Genossenschaftsregister.

  • Mitglieder einbeziehen

    Die Genossen sind Eigner und Nutznießer. Ohne großen Aufwand können sie ein- und austreten. Jeder zeichnet einen oder mehrere Geschäftsanteile. Sie haften nur bis zur Summe ihrer Anteile. Bei Austritt wird die Einlage ausbezahlt.

Dabei galten Genossenschaften lange als verstaubt und verschnarcht, klangen nach Raiffeisen, Futtermittel oder Eisenbahner-Bauverein. Sie alle basieren auf dem Prinzip der Selbsthilfe. Das funktionierte schon 1847, als Friedrich Wilhelm Raiffeisen in Weyerbusch im Westerwald den ersten Hilfsverein für die notleidende ländliche Bevölkerung ins Leben rief. Er gründete 1864 den „Heddesdorfer Darlehnskassenverein“, ein Vorläufer heutiger Genossenschaftsbanken.

Zur selben Zeit kümmerte sich Hermann Schulze-Delitzsch im sächsischen Delitzsch um in Not geratene Handwerker. Er gründete 1849 die „Rohstoffassoziation“ für Tischler und Schuhmacher und 1850 den „Vorschussverein“, den Prototyp heutiger Volksbanken.

Solide und risikoscheu – so werben Genossenschaftsbanken bis heute. Eher ungerupft kamen sie durch Börsenturbulenzen und Finanzkrise. Sie vereinen den Großteil der Genossen in Deutschland. Immerhin sind fast 21 Millionen Menschen Mitglieder. Da fällt die Zahl derer, die Aktien oder Aktienfonds besitzen, mit etwa zehn Millionen Menschen bescheiden aus.

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