Gera: Eine Modellstadt gerät ins Wanken

Gera: Eine Modellstadt gerät ins Wanken

Bild vergrößern

Gut versorgt Die zwei Linien der Geraer Straßenbahn fahren im Sechs-Minuten-Takt

von Konrad Fischer

In Gera geht erstmals ein Stadtwerk pleite, plötzlich fehlt Geld für Grundfunktionen des öffentlichen Lebens. Es ist der Vorgeschmack auf einen Kollaps, der vielerorts droht.

Auf den ersten Blick funktioniert das Leben in Gera nach wie vor reibungslos, vielleicht sogar ein bisschen zu reibungslos. Es ist ein schöner Julitag, Flaneure, Stühle und Kaffeetische auf den verkehrsberuhigten Altstadtstraßen zeugen davon. Weder türmen sich die Abfallberge in den Straßen, noch bilden sich Warteschlangen an den Taxiständen. Die Straßenbahn fährt. Sogar alle sechs Minuten, und das in einer Stadt mit 95.000 Einwohnern, Tendenz fallend.

Doch das ist nur noch Kulisse. Axel ist Straßenbahnfahrer, seit 20 Jahren schon. Zu seinem Arbeitgeber will er nichts sagen, erst recht nicht unter seinem vollen Namen, doch schon nach der ersten Nachfrage hält er das nicht mehr durch. „Wir haben alle Angst hier“, sagt Axel, als die Endstation Bieblach-Ost erreicht ist. Unter der sportlichen Sonnenbrille werden müde Augen sichtbar, die viel ertragen und wenig erreicht haben. Axel ist angestellt bei den Geraer Verkehrsbetrieben, einer Tochtergesellschaft der Stadt Gera. Das klingt nach einem bombensicheren Job. Axels Lohn aber wird seit zwei Wochen aus dem Insolvenzgeld bezahlt, Sicherheit gibt es nur bis Ende September.

Anzeige

Deutsche Schuldenhochburgen

  • Oberhausen

    Dem Finanzreport 2013 der Bertelsmann Stiftung zufolge ist Oberhausen die Stadt mit den höchsten Schulden. Auf einen Einwohner kommen 6.870 Euro Miese durch Kassenkredite. Die Stadt schloss Musikhäuser und machte bereits fünf der acht Schwimmbänder dicht.

  • Pirmasens

    Auf Platz zwei folgt Pirmasens in Rheinland-Pfalz mit 6.215 Euro Schulden pro Einwohner. Vor allem der Rückgang der Einwohnerzahl macht der Stadt zu schaffen.

  • Kaiserslautern

    In Kaiserslautern liegen die Schulden bei 6.040 Euro pro Einwohner.

  • Hagen

    Auch wenn sich der Schuldenstand im Vergleich zu 2007 etwas verringert hat - Hagen gehört mit 5.618 Euro Schulden pro Einwohner zu den Schuldenhochburgen. 19 der 30 besonders verschuldeten deutschen Städte liegen in Nordrhein-Westfalen.

  • Remscheid

    Remscheid, ebenfalls NRW-Kommune, hat es mit knapp unter 5.000 Euro Schulden pro Einwohner in die Top 5 geschafft.

  • Zweibrücken

    Das rheinland-pfälzische Zweibrücken ist mit rund 34.000 Einwohnern die kleinste kreisfreie Stadt Deutschlands und doch eine der Schuldenhochburgen. Auf einen Einwohner kommen 4.230 Euro Schulden durch Kassenkredite.

  • Wuppertal

    Wuppertal, berühmt durch seine Schwebebahn, steckt ebenfalls tief in der Miese. Pro Einwohner sind es 4.215 Euro Schulden.

  • Ludwigshafen

    Auf Platz acht folgt Ludwigshafen mit 4.043 Euro Schulden pro Bürger.

  • Mainz

    Von Platz acht auf neun ist die rheinland-pfälzische Hauptstadt Mainz mit 3.857 Euro Schulden pro Einwohner gefallen.

  • Essen

    An zehnter Stelle kommt Essen im Ruhrgebiet (3.766 Euro pro Einwohner). Die Stadt ist laut der Bertelsmann Stiftung mehr als dreimal so hoch verschuldet wie alle bayerischen, sächsischen und baden-württembergischen Kommunen zusammen.

Was dem Straßenbahnfahrer Axel da passiert, ist ein bundesweiter Präzedenzfall. Noch nie zuvor ist in Deutschland eine städtische Gesellschaft unkontrolliert in die Pleite gerutscht. Ende Juni aber ging der Holding des Geraer Stadtwerke-Konzerns das Geld aus. Entgegen den Beschwichtigungen von Politik und Management folgten nur Tage später der Betrieb des lokalen Flugplatzes und des öffentlichen Nahverkehrs. Seitdem schauen Bürgermeister und Kämmerer aus ganz Deutschland in den Osten Thüringens. Denn hier steht der Kern ihrer Glaubwürdigkeit auf dem Spiel: Kommunen gehen nicht pleite, so lautet ihr Mantra. Egal, wie schlecht es einer einzelnen Stadt auch gehen mag, wir werden die Bürger nicht im Stich lassen und dafür sorgen, dass alles funktioniert. Doch was sind solche Versprechen noch wert, wenn stattdessen genau die städtischen Gesellschaften dichtgemacht werden müssen, die für die wichtigsten öffentlichen Leistungen verantwortlich sind?

Größenwahn und Niedergang

Nun mal halblang, meint Ulrich Porst, wenn er sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir hier am Ende ohne öffentlichen Nahverkehr dastehen.“ Porst ist parteiloser Stadtrat in Gera, im Auftrag des Rates soll er in diesen Tagen herausfinden, wie es zu dem Fiasko bei den Stadtwerken kommen konnte. Auf den ersten Blick war es eine Liquiditätslücke, die der Aktiengesellschaft das Genick brach. Nach einer Wertberichtigung ihres Kraftwerksparks fehlten den Stadtwerken im Juni auf einmal 30 Millionen Euro für den Verlustausgleich und Schuldendienst. Also fragte man bei der Stadt an, ob die einspringen könne. Die Stadt erklärte sich bereit, vom Land Thüringen aber wurde sie zurückgepfiffen. So scheiterte die Hilfsaktion, der Kredit konnte nicht bedient werden, die Holding war insolvent.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%