Gerhard Schröder: "Die Rente mit 63 hätte man niemals versprechen dürfen"

InterviewGerhard Schröder: "Die Rente mit 63 hätte man niemals versprechen dürfen"

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Gerhard Schröder über Deutschland, Europa und die Bundesregierung

von Henning Krumrey und Max Haerder

Der Altkanzler spricht über Europas Zukunft, die umstrittenen Pläne der Großen Koalition – und darüber, was er Angela Merkel voraus hat.

Herr Schröder, die Schweizer wollen weniger EU-Bürger ins Land lassen, in manchen EU-Mitgliedsländern könnten nationalistische Parteien stärkste Kraft bei der Europawahl werden. Steht der Kontinent am Wendepunkt zurück zu autonomen Nationalstaaten?

Es gibt solche Tendenzen leider in vielen Ländern, und ich will nicht ausschließen, dass es diese Stimmungen auch in Deutschland gibt. Umso mehr aber haben alle Demokraten von der rechten bis zur linken Seite die Verantwortung, leidenschaftlich für ein integriertes Europa zu streiten. Der Europawahlkampf muss über eine Frage geführt werden: Wollen wir eine Renationalisierung zulassen, oder sind wir bereit, für mehr Europa zu kämpfen – richtig zu kämpfen?

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Zur Person

  • Gerhard Schröder

    Schröder, 69, führte als Bundeskanzler von 1998 bis 2005 die erste rot-grüne Regierung. Zuvor war der SPD-Politiker acht Jahre lang niedersächsischer Ministerpräsident.

Und trauen Sie der großen Koalition diesen Willen zu?

Ich will nicht verhehlen: Diese Auseinandersetzung wird sehr schwierig. Die Ängste, die in der Schweiz deutlich geworden sind, gibt es überall. Deshalb sollte man auch mit Blick auf die Schweiz den Knüppel im Sack lassen.

Welche Ängste führen zum Erstarken der Populisten auf so breiter Front?

Die Schweizer haben vor allem Angst, dass durch den Zuzug qualifizierter Kräfte das Lohnniveau sinkt, dass man sich also zusätzliche Konkurrenz ins Land holt. Eine wirklich problematische Einstellung. Die besondere ökonomische Bedeutung der Schweiz liegt ja gerade darin, dass sie ein Eldorado für gut ausgebildete Fachkräfte geworden ist.

Eigentlich also ein gutes Beispiel für uns.

Wer jedenfalls glaubt, man könnte unser demografisches Problem und die daraus resultierende Fachkräftemisere mit einer Kampagne gegen Einwanderung lösen, der irrt gewaltig. Wir müssen um qualifizierte Einwanderer werben, um das wirtschaftliche Niveau zu halten. Da geht es nicht nur um Moral und Ethik, sondern um ganz handfeste Vorteile. Die CSU wird ihre Wähler am rechten Rand nicht halten, indem sie gegen die Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien wettert. Das wird vielmehr Wasser auf die Mühlen der AfD sein.

Wie würden Sie denn dagegen angehen?

Die vernünftigen Köpfe in Wirtschaft, Kultur und Politik müssen sich jetzt äußern. Ich fordere ein großes überparteiliches proeuropäisches Bündnis, das herausstellt, welches überragende ökonomische und politische Interesse Deutschland an Europa hat. Die SPD ist viel dafür kritisiert worden, dass sie sich zu leicht habe vereinnahmen lassen für die Europapolitik von Frau Merkel. Dieser Vorwurf war und ist falsch. Dass die relevanten Kräfte in Deutschland in Sachen Europa prinzipiell übereinstimmen, ist ein Riesenvorteil.

Der SPD-Spitzenkandidat für die Europawahl, Martin Schulz, hat auf dem jüngsten Parteitag aber für eine Renationalisierung etlicher Politikbereiche geworben.

Das ist ja auch richtig. Die zentralen Bereiche – Wirtschaft, Finanzen, Soziales – müssen europäisch koordiniert werden. Auch die schädliche Standortkonkurrenz innerhalb der EU über Steuersätze müssen wir ausschließen. Wenn die EU hier zu weit auseinanderdriftet, brauchen Sie sonst immer in letzter Instanz die EZB, um die Währung zusammenzuhalten. Die wirtschaftlichen Disparitäten sind ja eine der Ursachen unserer Probleme. Aber in anderen Bereichen, etwa in der Kultur, brauchen wir keine Koordination, wir schätzen doch das Europa der Vielfalt. Und denken Sie an diese lächerliche Geschichte mit dem Versuch, europaweit Ölkännchen in den Restaurants zu verbieten. Das zeigt doch: Was nicht unmittelbar die ökonomische Prosperität des Ganzen gefährdet, sollte national geregelt werden.

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8 Kommentare zu Gerhard Schröder: "Die Rente mit 63 hätte man niemals versprechen dürfen"

  • Bitte nicht schon wieder diesen Nichtskönner, Schröder!

    Basta bla bla bla und dampf !
    y
    Unfähigkeit hat einen Namen!

  • Fakten Herr Schröder:
    Europas Milliardäre besitzen mehr Vermögen als alle Staatsschulden ausmachen, Tendenz steigend.
    85 der reichsten globalen Familienclans besitzen 48% aller Vermögenswerte.
    90% aller Schulden und somit Zinszahlungen landen ausschließlich bei den großen Vermögensbesitzern.
    Die Zeche für die manipulierte Währungs- und Schuldenpolitik zahlen fast ausschließlich die normalen Bürger durch schleichende Enteignung ihrer kleinen Spargelder inkl. privater Altersvorsorge, während die Verursacher, einschl. der kompletten Finanzwirtschaft sich weiterhin massiv bereichern an den "Luftgeschäften".
    Gewinne werden weiterhin massiv privatisiert während die Verluste auf den Steuerzahler abgewälzt wird.
    Die Masse der Bürger/Verbraucher zahlt über den Preis der Waren und Dienstleistungen neben den Schuldzinsen der Unternehmen, die Unternehmenssteuern, die Investitionskosten, die Unternehmenssubventionen, die komplette Ausbildung der Mitarbeiter usw. usw.
    Die Liste ungleicher und gefährlicher Vermögensballung ließe sich beliebig verlängern und ich als Bürger wäre dankbar, wenn Sie "ihren Horizont" in Bezugs auf tatsächlichen die Realitäten weiter entwickeln könnten, um sachgerecht die tatsächlichen Probleme als Ursache zu erkennen. Kaum ein normaler Bürger hat was gegen Zuwanderung, aber dann müssen auch Programme zur Qualifizierung für den Arbeitsmarkt her und auch der Arbeitsmarkt muss Beschäftigung bieten können. Inzwischen leben in der EU 28 Millionen Menschen ohne Job. Träum weiter Gerd.

  • Schröder sagt: "Der Europawahlkampf muss über eine Frage geführt werden: Wollen wir eine Renationalisierung zulassen, oder sind wir bereit, für mehr Europa zu kämpfen – richtig zu kämpfen?"

    Wenn man nun "kämpfen" durch "bezahlen" ersetzt, stimmt es!

    Wer dazu nicht bereit ist: Im Mai AfD wählen!

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