Gesellschaft: Die Mittelschicht schrumpft

Gesellschaft: Die Mittelschicht schrumpft

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Familie mit Kindern: Die mittlere Einkommensschicht gerät unter Druck

Neue Zahlen belegen: Die Mittelschicht schrumpft, die Gesellschaft driftet auseinander. Der Befund schockt – kommt aber wenig überraschend.

Da haben die Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) offenbar einen Nerv getroffen: Kaum war ihre Studie über die schrumpfende Mittelschicht in Deutschland heraus, hallte ein Aufschrei durchs Land. Plötzlich wimmelt es in den Polit-Magazinen im Fernsehen von Normalbürgern, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können, und die Berliner „taz“ sieht schon die „Klassengesellschaft“ heraufziehen.

Die neuen Zahlen des DIW sind tatsächlich beeindruckend. Sie zeigen, dass die Einkommen in Deutschland in den vergangenen Jahren immer weiter auseinandergedriftet sind. Dadurch bröckelt die Mitte, definiert als die Bevölkerungsgruppe mit einer relativen Einkommensposition von 70 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens: Gehörten dazu im Jahr 2000 noch 62 Prozent der Deutschen, waren es 2006 nur noch 54 Prozent.

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Das wäre ja nicht weiter schlimm, wären die Menschen alle reicher geworden. Solche gibt es auch: Zwischen 2002 und 2006 sind 11,1 Prozent aus der Mittelschicht in die Gruppe der Besserverdiener aufgestiegen, die mehr als 150 Prozent des mittleren Einkommens verdient. Aber häufiger ging die Reise nach unten – 14,4 Prozent sind im gleichen Zeitraum aus der Mittelschicht in die Gruppe der „armutsgefährdeten“ Bevölkerungsteile abgerutscht. In der Zeit von 1996 bis 2000 waren es nur elf Prozent. Dazu kommt: In der aktuellen Untersuchung blieben mehr als in vorangegangenen Zeiten in der unteren Einkommensgruppe hängen. Verharrten dort zwischen 1996 und 2000 noch 53,6 Prozent der Menschen, waren es zwischen 2000 und 2006 schon 66,2 Prozent – es sei „eine klare Verfestigung der Einkommensschichten festzustellen“, schreiben die Autoren. Diese Zahlen korrespondieren mit einer zunehmenden Verunsicherung der Menschen (siehe Grafik).

Droht Deutschland seine Mitte abhanden zu kommen, und damit seine soziale Stabilität? Markus Grabka, einer der Autoren der Studie, befürchtet das: „Da geht etwas verloren, worauf sich die Bundesrepublik jahrzehntelang gestützt hat“, sagt er. Zwar räumt Grabka ein, dass sich hinter den Zahlen auch Entwicklungen verbergen, die nicht unbedingt mit einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft in Verbindung gebracht werden können. So kann der Trend zu Doppelverdiener-Haushalten die Einkommensverteilung auseinanderziehen, wenn beide Partner überdurchschnittlich oder unterdurchschnittlich verdienen. Auch stehen getrennt lebende Paare in der Regel schlechter da, weil sie die Vorteile des gemeinsamen Wirtschaftens aufgeben – der Trend zur Single-Gesellschaft trägt also ebenfalls zur Ungleichheit bei. Und entscheidend für das tatsächliche Befinden ist auch weniger das individuelle Einkommen, sondern das, welches im Haushalt insgesamt erzielt wird.

Auch ist die Frage, ob die Zeiträume, die das DIW gegenüberstellt, wirklich vergleichbar sind: Dass 1996 bis 2000 weniger Menschen aus der Mittelschicht nach unten durchgereicht wurden als 2002 bis 2006, ist wenig überraschend, weil damals höheres Wachstum herrschte und die Arbeitslosigkeit niedriger war. Um die Auswirkungen des Aufschwungs der letzten zwei Jahre zu beurteilen, fehlen dagegen noch die Daten.

Dennoch: Das alles reicht nicht aus, um den bedrohlichen Befund des DIW zu relativieren. Denn für Ökonomen kommt es gar nicht überraschend, dass die Mittelschicht unter Druck gerät – es ist die logische Folge der Globalisierung und der Tatsache, dass zunehmend auch qualifizierte Tätigkeiten in Niedriglohnländer ausgelagert werden können. Um zu verhindern, dass dies die Gesellschaft immer weiter auseinanderdividiert, müsste die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft erhöht werden: „Wir sollten dazu übergehen, die Menschen zu beschützen, nicht die Arbeitsplätze“, sagt Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Der hochregulierte Arbeitsmarkt, Flächentarife und Mindestlöhne bewirkten dagegen genau das Gegenteil. Sein Gesamturteil über die deutsche Politik: „Verheerend für die Gesellschaft.“

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