Gesellschaftliche Verantwortung: Regierung plant Nachhaltigkeits-Label für die Wirtschaft

Gesellschaftliche Verantwortung: Regierung plant Nachhaltigkeits-Label für die Wirtschaft

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Die Bundesregierung werkelt an einer Corporate-Social-Responsibility-Strategie. Arbeitsminister Olaf Scholz liebäugelt mit einer Positivliste. Die Wirtschaft reagiert entsetzt.

Wer Gutes tut, sich gesellschaftlich engagiert, der erwartet nicht immer Lob. Doch die Watsche, die ihnen Kajo Wasserhövel verpasste, schmerzt. Corporate Social Responsibility (CSR), also nachhaltiges, gesellschaftlich verträgliches Wirtschaften von Unternehmen, dürfe „keine ewige PR-Party bleiben“, nörgelte der Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium vor engagierten Mitarbeitern von Unternehmen und Organisationen. Der SPD-Politiker Wasserhövel tat dies quasi als Hausherr, denn den Kongress „Unternehmen in Verantwortung – Ein Gewinn für alle“ veranstaltete das Arbeitsministerium.

Eher als Verlierer fühlten sich viele Teilnehmer, als Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) auftrat. Dieser brachte eine sogenannte „Positivliste“ ins Spiel: Unternehmen, die sich auf einen noch zu erarbeitenden Verhaltenskodex verpflichten, sollen künftig auf einer Internet-Seite lobend erwähnt werden, womöglich mit einem CSR-Label versehen. Damit nicht genug, kündigte der Minister auch einen CSR-Beirat an, der ihn in Sachen Nachhaltigkeit zur Seite stehen solle.

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Kritik, Regulierung, Bürokratie – unglücklicher hätte die Veranstaltung am Berliner Alexanderplatz aus Sicht der Wirtschaft kaum gestaltet werden können, die den Auftakt zur Entwicklung einer regierungsamtlichen CSR-Strategie bildet. Auch Sänger Bob Geldorf, der sonst zum Kampf gegen Hunger und Elend in der Welt aufruft, konnte die Stimmung nicht aufhellen. Schon die Vorgeschichte verlief unter keinem guten Stern. Kein Minister wollte zugreifen, als Kanzlerin Angela Merkel vor anderthalb Jahren im Kabinett fragte, wer denn für das Thema CSR verantwortlich zeichnen wolle. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos, bei dem gesellschaftlich verantwortliches Handeln von Unternehmen gut aufgehoben wäre, verzichtete. So hob am Ende Franz Müntefering die Hand, der Amtsvorgänger von Scholz.

Nun befürchten die CSR-Strategen in der Wirtschaft, vom Staat geschurigelt zu werden. Die Konferenz atme „obrigkeitsstaatliches Denken“, kritisierte Reinhold Kopp, Direktor des Europäischen Instituts für Wirtschaft und Ethik in Potsdam, der zuvor das CSR-Netzwerk Econsense leitete. Und Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), warnt: „Man kann durch viele Regeln viel kaputt machen.“

Besonders auf Staatssekretär Wasserhövel konzentriert sich die Kritik. Wer das soziale Engagement des industriellen Mittelstandes als PR-Party verunglimpfe, empört sich der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, Manfred Wittenstein, der habe den CSR-Ansatz deutscher Firmen nicht verstanden. Den Unternehmen gehe es nicht um Werbung, sondern um die Beziehungen zu den Menschen in ihrem jeweiligen Umfeld, etwa bei Kooperationen mit Schulen oder bei Initiativen wie der Wissensfabrik, wo Schüler für Mathematik und Technik interessiert werden. Nichts davon eigne sich jedoch für CSR-Labels. Wittenstein: „Herr Scholz und seine Mannschaft sind auf dem Holzweg.“

Den richtigen Ton trifft derweil Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Die deutsche Wirtschaft genieße weltweit einen hervorragenden Ruf, lobte Steinmeier in Berlin, weil sie langfristigen Erfolg suche. So sei das duale Ausbildungssystem in aller Welt heiß begehrt, weiß Steinmeier von seinen vielen Auslandsreisen. Er sieht im gesellschaftlichen Profil deutscher Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil.

Deutlicher auf Distanz zum Arbeitsministerium geht derweil das Wirtschaftsministerium. Es dürfe keine CSR-Regulierung geben, machte Staatssekretär Hartmut Schauerte klar.

Alles klar? Offenbar herrscht innerhalb der Bundesregierung noch beachtlicher Arbeitsbedarf, um zu einer gemeinsamen CSR-Strategie zu kommen. Eine Arbeitsgruppe „Label“ soll in den nächsten Monaten ein Konzept für eine mögliche öffentliche Kennzeichnung erarbeiten. Daneben wollen das CSR-Beratungsunternehmen Ifok und die PR-Agentur Pleon nach Auswertung der Konferenzergebnisse bis zum Sommer wissenschaftliche Empfehlungen für eine nationale CSR-Politik erstellen. Kein leichtes Unterfangen.

Unterdessen blüht in Deutschland der Gedanke der Nachhaltigkeit weiter auf, stellt die Berliner CSR-Wissenschaftlerin Anke Hassel fest. Ihre Empfehlung an die Politik lautet: „Wir brauchen in Deutschland keine neuen Institutionen!“

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