Gesprächsprotolle von Helmut Kohl: Tribunal statt Tribüne

Gesprächsprotolle von Helmut Kohl: Tribunal statt Tribüne

von Henning Krumrey

Die Präsentation der stark verkürzten Gesprächsprotolle von Helmut Kohls Lebenserinnerungen befasst sich nicht mit dem Altkanzler - sondern der zweifelhaften Entstehung des Buches.

 

Es sollte eine richtig schöne Tribüne werden, und der Ort hätte kaum zentraler sein können: Ins noble Westin Grand Hotel Unter den Linden/Ecke Friedrichstraße hatte der Heyne Verlag gebeten, um die „Kohl-Protokolle“ zu präsentieren. Die rummeltaugliche Essenz von hunderten Stunden mitgeschnittenen Gesprächen des Journalisten Heribert Schwan mit Altkanzler Helmut Kohl, gepresst zwischen zwei Buchdeckel.

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Wie zu einem Starauftritt zog Schwan mit seinem Co-Autoren Tilman Jens zwischen Kameras hindurch in den Saal ein. Doch statt einer Tribüne für den erhofften Umsatzrenner „Vermächtnis“ wurde aus der Pressekonferenz ein Tribunal.

Die meisten Fragen rankten sich nämlich nicht um den Inhalt, sondern um die zweifelhaften Umstände, unter denen das gut 250 Seiten starke Werk entstanden ist. In den Jahren 2001 und 2002 trafen sich Kohl und Schwan zu 105 Sitzungen im Oggersheimer Bungalow Kohls, um dessen Lebensgeschichte aufzuarbeiten. Kohl selbst hatte den damaligen WDR-Mitarbeiter Schwan darum gebeten, seine Erfahrungen und Hunderte Dokumente aufzuarbeiten.

Drei Bände Lebenserinnerungen

Daraus entstanden bislang drei dicke Bände „Lebenserinnerungen“, die in den Jahren 2004, 2005 und 2007 erschienen. Der vierte Band wurde nicht fertiggestellt – wohl vor allem, weil es zu einem Zerwürfnis zwischen Schwan und Kohls neuer Ehefrau Maike Kohl-Richter kam.

Dieser Streit, der unlängst in einer Gerichtsentscheidung über die Herausgabe der Tonbandmitschnitte jener 105 Gespräche gipfelte, scheint auch einer der Gründe zu sein, weshalb Schwan jetzt sein eigenes Buch vorstellte.

Darin verwendet er unter anderem jene Aussagen von Kohl, die dieser für seine Memoiren ausdrücklich nicht freigegeben hatte. Werbewirksam ließ der Verlag vorab schon mal allerlei Schmähungen politischer Gegner und vor allem natürlich eigener Parteifreunde Kohls durchsickern.

Gleich mehrmals begründete Schwan in der Pressekonferenz, Kohl habe oft gesagt: „Schwan, das kannst Du später mal schreiben, wenn ich tot bin.“ Nur: Helmut Kohl ist nicht tot, er ist jedoch sprachlich jeweils nur für kurze Zeit artikulationsfähig.

Die Journalisten wollten von Schwan denn auch vor allem wissen, wie sich sein Veröffentlichungsdrang mit der Vertraulichkeit der Gespräche im Bungalow vereinbaren lässt. Etwas spitzfindig rechtfertigte sich Schwan, dass nur in dem Vertrag für die Herausgabe der Kohl-Memoiren verabredet worden sei, dass der Altkanzler das letzte Wort darüber habe, welche Formulierungen freigegeben und gedruckt würden.

Keine Schweigepflicht unterschrieben

Für alles sonst Gesprochene gelte das nicht, zumal Kohl ihn ja – siehe oben – geradezu ermuntert habe, andere Sprüche später ebenfalls zu publizieren. „Ich hätte niemals eine Schweigepflicht unterschrieben“, beharrte Schwan – obwohl er genau dies mit Blick auf die Memoiren gemacht hatte. Und Kohls „später mal“, erklärt Schwan auf eine weitere Frage, „habe ich so verstanden, dass es nach dem Erscheinen des vierten Bandes gemeint war“. Erschienen ist der allerdings bisher auch nicht.

Angesichts des vorangegangenen Prozesses und der offensichtlich erwarteten Kritik hatte der Verlag denn auch gleich seinen Justiziar mit zum Termin im Westin Grand gebracht. Der erklärte, man habe den Autoren extra geraten, sie sollten immer „nur kurz zitieren“, damit es keinen Ärger wegen des Kohlschen Urheberrechts gebe.

Auch habe man vermieden, „Intimes“ zu veröffentlichen – es sei denn, Kohl habe es bereits selbst zuvor an anderer Stelle ausgeplaudert. Das alles passt allerdings nicht zur Behauptung, Kohl habe die Veröffentlichung seiner sonstigen Schmähungen über Parteifreunde zu Lebzeiten befürwortet.

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Umgekehrt pocht Schwan auf sein enges Verhältnis zum Altkanzler: „Der Helmut Kohl hat mir vertraut.“ Schwierig sei es erst mit Kohls neuer Ehefrau geworden. Die habe die Deutungshoheit über das Geschichtsbild des Kanzlers in der Öffentlichkeit erringen wollen, obwohl doch er, Schwan, von Kohl für diese Rolle vorgesehen gewesen sei.

2009, als er gerade die erste Hälfte des vierten Memoiren-Bandes fertiggestellt hatte, habe ihn Maike Kohl-Richter quasi vor die Tür gesetzt; Kohls Anwälte teilten mit, er sei fortan unerwünscht. Damit sei dann die Zusammenarbeit beendet gewesen.

Das hat Schwan offensichtlich nicht verwunden. Fast sieht er sich nicht nur als Opfer Kohl-Richters, sondern auch der Gesellschaft, wenn er seufzt: „Helmut Kohl ist mein Lebensthema geworden, das habe ich mir ja nicht ausgesucht.“ Der Satz könnte von Kohl sein.

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