Gesundheitsökonom Neubauer : "Hausarztversorgung muss zentriert werden"

Gesundheitsökonom Neubauer : "Hausarztversorgung muss zentriert werden"

Der Gesundheitsökonom Günter Neubauer über den Honorarstreit der Ärzte und mehr Marktwirtschaft im deutschen Gesundheitswesen.

WirtschaftsWoche: Herr Neubauer, die Ärzte erhalten in diesem Jahr einen Honorarzuwachs von bis zu 3,9 Milliarden Euro – und gehen trotzdem auf die Barrikaden. Haben Sie dafür Verständnis?

Neubauer: Teilweise schon. Diese Erhöhung bezieht sich auf 2009 im Verhältnis zu 2007. Wenn man die Zahl durch zwei teilt, sind es nur 1,95 Milliarden pro Jahr. In manchen Regionen sind zudem die Ausgaben der Ärzte stärker gewachsen als die Honorare.

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Aber es gibt auch Regionen, die profitieren.

Sicher. Wir haben Honorarzuwächse von bis zu 18 Prozent in Thüringen und Sachsen. Dem stehen null Prozent zum Beispiel in Baden-Württemberg gegenüber.

Haben die Ärzte also vor allem ein Verteilungsproblem untereinander?

Das auch, aber zuerst haben wir in der Tat ein Volumenproblem. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erhöhen sich analog zu den beitragspflichtigen Einkommen – und die sind in letzter Zeit gerade mal in Höhe der Inflationsrate gestiegen. Und in ähnlicher Höhe haben auch nur die Honorare der Ärzte zugelegt. Das ist für jemanden, der sich für einen Leistungsträger hält und viele Ausbildungsjahre hinter sich hat, ein Grund zur Unzufriedenheit.

Jetzt sagen sich die Ärzte: Meine Sprechstundenhilfen haben im letzten Jahr vier Prozent mehr Gehalt erkämpft, die ich bezahlen soll – und mein eigenes Einkommen steigt kaum.

Gesundheitsministerin Schmidt wollte mit der Honorarreform mehr Gerechtigkeit für die Ärzte im Osten und strukturschwache Gegenden attraktiver machen. Macht das nicht Sinn?

Sicher, wo man Ärzte haben will und keiner hingeht, muss man mehr bezahlen. Aber ich fürchte, dass dies mit dieser Reform nicht gelingt. Es macht wenig Sinn, die Ärzte zu den Patienten zu bringen, und viel Sinn, die Patienten zu den Ärzten.

Was meinen Sie damit?

Wichtig ist, dass eine qualitativ gute Versorgung erreichbar ist. Ein Hausarzt mit teurer eigener Praxis in jedem Dorf – dieses Konzept ist nicht zukunftsfähig. Bei den Fachärzten geht der Trend schon zur Gemeinschaftspraxis, und auch die Hausarztversorgung muss zentriert werden. Es wäre in vielen Fällen klüger, Patienten mit einem Praxisbus ins nächste Zentrum zu fahren und dort zu behandeln.

Wie könnte man die im Honorartopf vorhan-denen Gelder besser verteilen?

Das neue System ist ein Rückschritt, weil es das Geld nach dem Motto „alle sind gleich“ verteilt. Osten und Westen werden auf eine Norm gebracht, aber auch Ärzte mit vielen und Ärzte mit wenigen Patienten. Wenn sie mehr Leistungen erbringen als im sogenannten Regelleistungsvolumen vorgesehen, werden sie bestraft. In der freien Wirtschaft bekommt man für Überstunden mehr Geld. Dem Arzt werden 80 Prozent abgezogen.

Von was für einem System reden wir eigentlich, einem Sozial- oder Wirtschaftssystem?

Das ist die Frage! Wenn wir von einem Sozialsystem ausgehen, ist die bundesweite Angleichung richtig. Gehen wir von einem Wirtschaftssystem aus, ist sie falsch.

Ist das Gesundheitssystem nicht beides? Auf der einen Seite möchte man die Leistung der Ärzte leistungsgerecht honorieren. Auf der anderen Seite steht der Versorgungsauftrag.

Ja, aber der Ansatz ist falsch. In einer sozialen Marktwirtschaft sollte der Staat jeden mit der notwendigen Kaufkraft ausstatten, um sich auf dem Markt versorgen zu können. Unser Ansatz sieht aber so aus: Der Staat reguliert die Märkte so, dass sich jeder die Preise leisten kann.

Wie könnte man den marktwirtschaftlichen Ansatz im Gesundheitssystem verankern?

Nehmen Sie das Beispiel Wohnungsmarkt. Lange Zeit hat der Staat den Anbietern, also den Vermietern, günstige Kredite gewährt, damit sie Sozialwohnungen bauen. Das führte zu Missbrauch. Deshalb erhalten heute die Nachfrager etwa durch das Wohngeld mehr Kaufkraft, um sich am Markt eine Wohnung suchen zu können. Die muss bestimmten Kriterien genügen, darf nicht größer sein als 50 Quadratmeter – das ist quasi analog zum Basisleistungskatalog der GKV. Der Staat bestimmt aber nicht mehr den Preis der Wohnung.

Sie empfehlen also analog zum Wohngeld eine Art „Gesundheitsgeld“, mit dem sich der Versicherte medizinische Leistungen kaufen kann?

Jeder müsste bei einer Krankenversicherung einen Versicherungsschutz kaufen. Bei Geringverdienern müsste der Staat den fehlenden Betrag zuschießen. Auf der Anbieterseite soll Wettbewerb herrschen.

Und jeder Arzt könnte frei bestimmen, wie viel Geld er abrechnet?

Im Prinzip ja. Allerdings muss er ja Käufer finden, und die Versicherungen würden bestimmt nicht jeden Preis zahlen. Die Patienten müssten die Differenz dann aus der eigenen Tasche drauflegen. Das diszipliniert die Ärzte bei ihren Abrechnungen.

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