Gesundheitspolitik: Röslers Irrtum von den kranken Alten

Gesundheitspolitik: Röslers Irrtum von den kranken Alten

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Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler

Gesundheitsfürsorge wird teurer, weil das Volk altert und der Fortschritt viel kostet, behauptet Minister Rösler. Darauf gründet seine Reform. Doch für diese These fehlt jeder Beweis.

Seit die schwarz-gelbe Bundesregierung sich entschlossen hat, den Arbeitgeberbeitrag zur Krankenversicherung einzufrieren und den künftigen Anstieg der Gesundheitsausgaben allein von den Versicherten über Zusatzbeiträge zahlen zu lassen, laufen die Kanzlerin und ihr Gesundheitsminister mit einer zentralen Botschaft durch das Land: An steigenden Gesundheitsausgaben führe keine noch so ausgeklügelte Strukturreform vorbei, weil in der alternden deutschen Gesellschaft der Therapiebedarf steige und der medizinische Fortschritt das System immer teurer mache.

Um zu verhindern, dass dieser unvermeidbare Kostenanstieg das Wirtschaftswachstum stranguliert, dürfe die Wirtschaft nicht länger über steigende Lohnzusatzkosten an seiner Finanzierung beteiligt werden. Es gehört zu den erstaunlichsten Phänomenen der aktuellen Debatte, dass bislang kaum Zweifel an dieser Kernthese schwarz-gelber Gesundheitspolitik laut geworden sind.

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Länger gesund

So glauben nach einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung 80 Prozent der Bevölkerung, dass die Gleichung, mehr Alte bedeutet höhere Gesundheitskosten, zutrifft. Dabei weckt schon ein Blick in die Ausgabenstatistik der Krankenkassen Zweifel. Seit Jahren steigt in der Krankenversicherung der Rentner (KVdR) die Zahl der angeblich krankheitsanfälligeren über 80-Jährigen, allein in den vergangenen fünf Jahren um über zehn Prozent.

Trotzdem ist der Anteil der Ausgaben der KVdR an den Gesamtausgaben der Kassen seit der letzten Umstellung der Statistik im Jahr 2002 nur von 47 auf 49 Prozent gestiegen. Seither haben sich aber die Gesamtausgaben um dramatische 20 Prozent erhöht und werden dieses Jahr um weitere zehn Prozent steigen. Wer immer dafür verantwortlich ist, die Demografie ist es nicht.

In der wissenschaftlichen Forschung gibt es längst zahlreiche Hinweise, warum das so ist. Dort hat man nämlich herausgefunden, dass ein längeres Leben mit mehr gesunden Lebensjahren einhergeht und nur gegen Lebensende die Therapiekosten stark steigen. Dazu passt der erstaunliche Befund, dass in den alternden Industriegesellschaften das individuelle Risiko, pflegebedürftig oder behindert zu werden, seit Jahren sinkt. Insgesamt werde die deutsche Gesellschaft immer gesünder, fand das Robert-Koch-Institut heraus. Grund ist nicht der medizinisch-technische Fortschritt, sondern die immer gesündere Lebensweise der Menschen.

Überschätzter Kostentreiber

Auch dessen Rolle als unvermeidbarer Kostentreiber wird überschätzt. Zwar sind es in der Tat vor allem neue Medikamente, neue Operationsverfahren und Medizintechnik für Therapie und Diagnostik, die die Ausgaben der Kassen steigen lassen. Doch ein großer Teil dieses Fortschritts ist von zweifelhaftem Nutzen, also verzichtbar. Der Anteil der Kassenleistungen, für die es 2008 einen Nutzen- und Wirksamkeitsnachweis gab, lag nach einschlägigen Studien nur zwischen 34 und 43 Prozent.

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