Gesundheitsreform: Pharmabranche will Prüfung light

Gesundheitsreform: Pharmabranche will Prüfung light

Bild vergrößern

Tabletten. Es soll neue Maßstäbe für die Prüfung von Arzneimitteln geben

Arzneimittel sind in Deutschland teuer, Milliarden ließen sich einsparen. Ab 2011 wird der Nutzen neuer Medikamente staatlich geprüft und der Preis festgelegt. Pharma-Lobby und Politik ringen nun um Prüfkriterien.

Kein Gesundheitspolitiker wünscht sich das: Reglos verharrte die siebenjährige Charlotte auf der Trage vor dem Amtssitz von Bundesminister Philipp Rösler (FDP) in Berlin, umringt von anderen diabeteskranken Kindern und deren Eltern. So demonstrierte die Gruppe schon im Frühjahr gegen Sparvorschläge staatlich bestellter Arzneiprüfer. „Diese Politik macht uns ohnmächtig“, stand an der Trage, auf die sich Charlotte gelegt hatte.

Der Zorn galt dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die Gutachter hatten über künstliches Insulin geurteilt, nicht bewiesen sei, dass der teurere, aber leicht dosierbare Stoff mehr nütze als natürlich gewonnenes Insulin. Dann hatte der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Kassen (GBA) entschieden, ein höherer Preis sei für Kassenpatienten nicht drin.

Anzeige

Konflikte dieser Art dürften sich häufen, wenn von 2011 an Pharmahersteller ihre neuen Pillen Tests des IQWiG unterziehen müssen, ob sie der Gesundheit mehr nützen als vorhandene Medizin.

Angst vor dem Wählerzorn

Was in Deutschland revolutionär wirkt, ist in Großbritannien oder Schweden Alltag. Dort müssen die Hersteller erst beweisen, dass neue Pillen und Pasten mehr können als herkömmliche Mittel: Leben Patienten länger? Steigt die Lebensqualität spürbar? Verringern sich Nebenwirkungen?

Bringt ein neues Mittel einen Fortschritt, entscheiden etwa in England Vertreter des staatlichen Gesundheitsdienstes, wie teuer es sein darf. Dabei wird zwischen Patienten unterschieden: Jedes gewonnene Lebensjahr rechtfertigt umgerechnet bis zu rund 35.000 Euro Behandlungskosten. In Schweden existieren „Stopplisten“: So sind chronische Rückenschmerzen oder gutartige Tumore kein Fall für die allgemeine Versicherung.

Maßstäbe geräuschlos festlegen

So weit soll es in Deutschland trotz des Milliardendefizits der Kassen nicht gehen. Zwar will die Koalition den zusätzlichen Nutzen neuer Mittel bestimmen lassen. Dann sollen die Kassen mit Pharmafirmen die Preise für patentierte Arznei aushandeln. Bisher konnten die Hersteller diese fast frei bestimmen. Wären Pillen hier so billig wie etwa in Schweden, könnten Kassen bis zu 9,4 Milliarden Euro von jährlich 32,4 Milliarden Euro für Arzneimittel sparen.

Doch die überfällige Umstellung sorgt für Unruhe bei den Verantwortlichen. Minister wie Abgeordnete fürchten den Wählerzorn, sollte ein verheißungsvolles Mittel beim Check durchfallen. Deshalb will die Bundesregierung die Maßstäbe für die Pillenprüfung am liebsten geräuschlos festlegen. Nicht der Bundestag oder die Fachleute des GBA sollen entscheiden, sondern der Gesundheitsminister per Verordnung.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%