Gesundheitssystem: Patienten als Opfer des Spar-Wahns - Seite 4

Gesundheitssystem: Patienten als Opfer des Spar-Wahns

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"Die Kliniken schieben gezielt ältere Menschen ins Pflegeheim an", Heinz Ludwig Unger Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
"Die Kliniken schieben gezielt ältere Menschen ins Pflegeheim an", Heinz Ludwig Unger Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Die sind seit dem 1. April 2007 eigentlich Pflichtleistungen der Krankenkassen. Im Sozialgesetzbuch steht: Reha geht vor Pflege. Die Patienten müssen wieder lernen, sich alleine anzuziehen oder ein Brötchen zu schmieren. Unger erlebt jedoch immer wieder das Gegenteil. Ein „völlig kurzsichtiges und unethisches Handeln“, sagt der Arzt. Denn „nahezu 90 Prozent der Patienten, die eine geriatrische Rehabilitation absolviert haben, können in ihr häusliches Umfeld zurückkehren“.

Wie die Soziologin Hilke Brockmann für das Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung herausfand, wird für hochbetagte schwerkranke Menschen am Ende ihres Lebens deutlich weniger Geld ausgegeben als für jüngere Schwerkranke. Brockmann hält zwei Erklärungen für möglich: Ärzte haben bei sehr alten Patienten Angst, der Tod könnte während der Behandlung eintreten und ihnen als Fehler angelastet werden. Oder Ärzte rationieren unbewusst: Der Hochbetagte hat von einer teuren Operation wahrscheinlich weniger lang Nutzen als der jüngere Patient.

Für Ursula Biermann, Autorin des gerade erschienenen Buches „Der Alte stirbt doch sowieso!“ steht fest, „dass ältere Menschen bei uns einem Gesundheitssystem ausgeliefert sind, das sie mehr und mehr außen vor lässt“. Die Konsequenzen dieser Sparpolitik sind dramatisch. So zeigt eine aktuelle Studie von Hamburger Rechtsmedizinern, dass sich viele ältere Menschen vor ihrem Tod in einem teilweise alarmierenden Pflege- und Gesundheitszustand befinden. 280 der 8500 nach ihrem Tod untersuchten Menschen hatten schwere Druckgeschwüre, viele hatten weder Zähne noch geeigneten Zahnersatz, manche waren unterernährt.

Überweisung in die Klinik - zu deutlich höheren Kosten

Ist Deutschland ein Entwicklungsland, wenn es um Hochbetagte geht? Bei der Versorgung mit Medikamenten sieht es nicht viel besser aus. Der renommierte Arzneimittelforscher Gerd Glaeske warnt, dass 80 Prozent der Älteren mit Schmerzmitteln unterversorgt seien. Glaeske gehört dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen an, der schon lange die in Deutschland parallel existierende Unter-, Über- und Fehlversorgung anprangert.

Pharma: Wie können bei Hochbetagten Schmerzmittel fehlen, wenn hierzulande im internationalen Vergleich extrem viel Geld für Pillen, Säfte und Salben ausgegeben wird – nämlich mehr als 29 Milliarden Euro 2008?

Die Ärzte fühlen sich oftmals in die Enge getrieben. So verschreibt etwa die Neurologin Gesine Schrader* aus Rheinland-Pfalz inzwischen immer seltener teure moderne Medikamente, obwohl sie von deren Nutzen überzeugt ist. Patienten, die an einer Schizophrenie leiden, bekommen von ihr nun nicht mehr das teure Präparat Zyprexa von Eli Lilly, sondern das rund sechsmal günstigere Fluanxol. „Zyprexa wirkt besser und hat weniger Nebenwirkungen“, berichtet die 51-jährige Ärztin, „aber es sprengt mein Budget.“

Noch höher sind die Kosten für die Behandlung der multiplen Sklerose mit dem ebenfalls neuen Medikament Tysabri. Pro Quartal und Versicherter verursacht Tysabri Kosten von knapp 9000 Euro. „Weil der Patient aber während der Injektion beobachtet werden muss, ist die Pauschale von 39 Euro, die ich dafür bekomme, schon nach der ersten Spritze aufgebraucht“, sagt Schrader, „ab dann arbeite ich umsonst, und zusätzlich läuft mein Arzneimittelbudget völlig aus dem Ruder.“ Deshalb überweisen Neurologen solche Patienten oft in Kliniken – zu deutlich höheren Kosten.

Häufig werden auch Medikamente durch vermeintlich baugleiche Generikaprodukte, die billiger sind, ersetzt. Klagen, die Nachahmerprodukte würden eben nicht so gut wirken wie die Originalpräparate, häufen sich – auch wenn es dafür keine wissenschaftlichen Belege gibt.

Doch ob neu tatsächlich auch immer besser ist, darüber streiten Kassen, Gesundheitspolitiker und die Pharmabranche heftigst. 27 neue Wirkstoffe kamen in Deutschland im Jahr 2006 auf den Markt, nur 17 von ihnen seien wirklich neu, kritisiert der Experte Glaeske im Arzneimittelreport 2008. Die anderen seien Scheininnovationen – aber die Kassen zahlen für sie trotzdem den hohen Preis, der für neue Produkte üblich ist. Erstaunlich ist in der Tat: Die Niederländer geben pro Nase 240 Euro jährlich für Medikamente aus, die Deutschen 340 Euro – und laut WHO-Statistik leben die Niederländer länger.

Es ist paradox: Viele Ärzte verschreiben teure Medikamente, obwohl es ebenso geeignete günstigere gibt, und darum fehlt anderen Ärzten das Geld, ein spezielles, hochpreisiges Arzneimittel zu verordnen. Die willkürliche Verweigerung ist nicht nur ungerecht und gesundheitsschädlich. So verwies ein Landshuter Internist kürzlich seine unter chronischer Diabetes leidende Patientin Karin Ludwig*, 45, an ihre Hausärztin: Er könne ihr aus Budgetgründen keine Streifen mehr für ihre täglichen Blutzuckertests verschreiben. Sie möge sie sich woanders organisieren oder selber zahlen. Bei 50 Teststreifen für die lebenswichtige Kontrolle geht es um gerade mal 26 Euro. Die Behandlung einer dauerhaft falsch eingestellten Zuckerkranken geht schnell in die Tausende.

* Namen geändert

10 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 22.08.2009, 12:34 UhrAnonymer Benutzer: Einauge

    in den USA befürchtete man 1941-1945 wegen der Reduzierung der med. Versorgung einen Anstieg der Sterblichkeitsrate. Es kam anders, die Rate ging zurück. Weshalb nur ? Warten wir ab, ob sich das wiederholt.

  • 22.08.2009, 10:35 UhrAnonymer Benutzer: ML

    Diese Debatte wird so lang weitergefuehrt bis das System unbezahlbahr ist. Studie von Goldmann Sachs beziffert Gesundheitskosten in Deutschland wenns so weitergeht wie bisher auf 47% des GDPs im Jahr 2020. Vielleicht sollte man doch ueberlegen ob man sich nicht dem englishen National institut for Clinical Excellence annaehern sollte und eine breitgefaecherte Evedence basierende Medizin einfuehren sollte und v.a. in die Kultur der behandelnden Aerzte einzubauen, um Overtreatment (z.b. unnuetze OPs und untersuchungen) zu vermeiden und dafuer nuetzliche (evidence basierende) Therapien fuer jedermann zugaenglich machen? Und im gegensatz zu ihrem artikel hat ein gut ausgebildetes Allgemeinarztsystem nachweislich die qulitaet erhoet und die Kosten gesenkt, natuerlich muss es gut organisert sein und nicht wie in D ueblich, dass Patient am anfang des Quartals bei Hausarzt schlange stehen um sich ihre ueberweisungen zu 10 Fachaerzten abhohlen? Hm, nur die Politik kann es loesen und sollte sich unabhaengig machen von all den Lobbyisten. Wenn man das alles liest und hoert ist vielleicht Vorsorge das beste?

  • 22.08.2009, 10:12 UhrAnonymer Benutzer: Tralala

    Nun, ich weiß nicht, ob man die Nicht-Leistungen nur an den Ältern festmachen sollte. Gerade als Haupt-beitragszahler (Vollzeitarbeitnehmer) erlebt man doch beim Arzt immer wieder, daß gerade Nicht-beitragszahler (mitversicherte Mütter und Kinder) noch am besten versorgt werden und man selbst das alles nicht bekommt, was diese noch erhalten (Naturheilmittel, (Mutter-Kind)-Kuren..) - während man selbst immer wieder erlebt: hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Und auch bei Älteren: während mein Vater 3 x die Woche beim Hausarzt vorstellig wird - manchmal habe ich den Verdacht, weil er sonst nichts anderes zu tun hat - war ich die letzten 2 Jahre nicht dort und habe meine Wehwechen selbst versorgt. So what? -
    Die Haupt-beitrags- oder auch Steuerzahler sind doch in diesem Lande diejenigen, welche überhaupt keine Lobby haben und nur abgezockt werden. Dem gegenüber stehen: die Rentner-Lobby, die Familien-Kinder-Lobby, die beamten-Lobby (einschl. Abgeordnete und Minister), die Ärzte-Rechtsanswalts- und Apotheker-Lobby, die industrie- und Großaktionärs-Lobby ... - und ein paar kleine abgezockete beitrags- und Steuerzahler, welche all das finanzieren sollen!!!

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