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Gesundheitssystem: Patienten als Opfer des Spar-Wahns

von Katharina Koufen

Wie Kassen und Ärzte an den Patienten sparen – und zur gleichen Zeit Milliardensummen zum Fenster rauswerfen.

168 Milliarden Euro geben die Quelle: dpa/dpaweb
168 Milliarden Euro geben die gesetzlichen Krankenkassen in diesem Jahr für Gesundheitsleistungen aus - doch bei vielen Patienten kommt immer weniger an. Quelle: dpa/dpaweb
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Heinz Ludwig Unger, Chefarzt an der Brohltal-Klinik im rheinland-pfälzischen Burgbrohl, verschrieb einer hochbetagten Patientin ein etwas teureres Medikament gegen ihre Halluzinationen. Am nächsten Morgen beschimpfte ihn deren Hausarzt am Telefon: „Ob ich sein Praxisbudget sprengen wolle“, erzählt der Neurologe, der sich auf die Behandlung alter Menschen spezialisiert hat, die viele Krankheiten gleichzeitig haben.

Immer wieder erlebt Unger, dass niedergelassene Hausärzte nicht bereit sind, von ihm empfohlene Tabletten weiterzuverordnen. So werden immer mehr Patienten Opfer einer klammheimlichen Leistungskürzung im Gesundheitssystem – über die aber kaum einer offen spricht. In einer aktuellen Umfrage des Medizinethikers Georg Marckmann von der Universität Tübingen räumten drei Viertel der befragten Klinikärzte ein, sie hätten Patienten schon mal eine medizinisch sinnvolle Leistung vorenthalten, um Geld zu sparen. Jeder achte gab sogar an, dies komme öfter als einmal in der Woche vor.

Die Versicherten bekommen das zu spüren. Rund ein Drittel hatte schon einmal das Gefühl, nicht ausreichend medizinisch versorgt zu werden, ergab eine Studie des Marktforschers GfK. Gründe gibt es zuhauf: Verschreiben die niedergelassenen Ärzte mehr Medikamente und Hilfsmittel als staatlich vorgegeben, müssen sie aus der eigenen Tasche draufzahlen. Die Krankenhäuser trimmen ihre Mitarbeiter auf effiziente Abläufe, denn Geld von der Krankenkasse gibt es heute pro Fall, und häufig lohnt es sich, Patienten früher nach Hause zu entlassen.

Schleichend werden Leistungen verweigert

Zwar bleibt hierzulande kein Todkranker sterbend im Wartezimmer liegen. Doch schleichend werden Leistungen verweigert – „subtil“, nennt es Klaus Bittmann, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, dem Verband der niedergelassenen Ärzte: Notwendige Untersuchungen werden ins nächste Quartal geschoben, Wartezeiten verlängert und bei Medikamenten „kann es vorkommen, dass der Arzt aus Kostengründen nur das zweitbeste verschreibt“. Vor allem bei Älteren, die sich nur selten wehren.

Wie kann das sein? Da geben die Deutschen immer mehr Geld für ihre Gesundheit aus, allein die gesetzlichen Krankenkassen rund 168 Milliarden Euro in diesem Jahr. Gleichzeitig ertönt der Ruf nach einer öffentlichen Debatte über Leistungsverweigerungen. Bloß die Politiker in Berlin wollen nichts von dem ethisch höchst delikaten Thema wissen. „Es gibt keine Rationierung und auch keine Mangelversorgung“, behauptete Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium beim Deutschen Ärztetag in Mainz.

Zugleich stoppen die Politiker die Verschwendung nicht. Dabei geht es um herausragende Summen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen kommt auf bis zu zehn Milliarden Euro Einsparpotenzial – ohne dass die Patienten deshalb schlechter versorgt würden. Die Unternehmensberatung BCG The Boston Consulting Group schätzt die Summe bis 2025 auf bis zu 20 Milliarden Euro.

Deutschlands Gesundheitssystem, eines der am höchsten entwickelten der Welt, hat kein Geld-, sondern ein Verteilungsproblem – und das lässt sich bei allen Mitspielern des Systems nachweisen: bei Krankenkassen, Fachärzten, Kliniken und der Pharmaindustrie.

Krankenkassen: Seit es den Einheitsbeitrag von 14, 9 Prozent gibt, können nur sparsame Kassen ihre Kunden über eine jährliche Gutschrift bei Laune halten und einen Wettbewerbsvorteil ausspielen. Es gilt, Zusatzbeiträge zu vermeiden und zu knausern, wo es eben geht. Viele Kassen fusionieren, um die im internationalen Vergleich ohnehin recht niedrigen Verwaltungskosten weiter zu reduzieren. Oder sie schließen Rabattverträge mit der Pharmaindustrie. Auf viele Kosten jedoch haben die Versicherungen gar keinen Einfluss: Wenn, wie gerade geschehen, die Bundesregierung zur Befriedung der Ärzte im Wahljahr die Honorare großzügig erhöht, müssen die Kassen zahlen. Größer ist das Sparpotenzial bei Leistungen, bei denen Versicherte oft vom guten Willen eines Sachbearbeiters abhängen: bei Heil- und Hilfsmitteln, Kuren, Zahnbehandlungen, naturheilkundlichen Verfahren. Bei Patientenberatungen häufen sich die Beschwerden der Versicherten. Sie müssen abgelehnte Anträge nicht akzeptieren – oft können sie sich erfolgreich wehren.

10 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 22.08.2009, 12:34 UhrAnonymer Benutzer: Einauge

    in den USA befürchtete man 1941-1945 wegen der Reduzierung der med. Versorgung einen Anstieg der Sterblichkeitsrate. Es kam anders, die Rate ging zurück. Weshalb nur ? Warten wir ab, ob sich das wiederholt.

  • 22.08.2009, 10:35 UhrAnonymer Benutzer: ML

    Diese Debatte wird so lang weitergefuehrt bis das System unbezahlbahr ist. Studie von Goldmann Sachs beziffert Gesundheitskosten in Deutschland wenns so weitergeht wie bisher auf 47% des GDPs im Jahr 2020. Vielleicht sollte man doch ueberlegen ob man sich nicht dem englishen National institut for Clinical Excellence annaehern sollte und eine breitgefaecherte Evedence basierende Medizin einfuehren sollte und v.a. in die Kultur der behandelnden Aerzte einzubauen, um Overtreatment (z.b. unnuetze OPs und untersuchungen) zu vermeiden und dafuer nuetzliche (evidence basierende) Therapien fuer jedermann zugaenglich machen? Und im gegensatz zu ihrem artikel hat ein gut ausgebildetes Allgemeinarztsystem nachweislich die qulitaet erhoet und die Kosten gesenkt, natuerlich muss es gut organisert sein und nicht wie in D ueblich, dass Patient am anfang des Quartals bei Hausarzt schlange stehen um sich ihre ueberweisungen zu 10 Fachaerzten abhohlen? Hm, nur die Politik kann es loesen und sollte sich unabhaengig machen von all den Lobbyisten. Wenn man das alles liest und hoert ist vielleicht Vorsorge das beste?

  • 22.08.2009, 10:12 UhrAnonymer Benutzer: Tralala

    Nun, ich weiß nicht, ob man die Nicht-Leistungen nur an den Ältern festmachen sollte. Gerade als Haupt-beitragszahler (Vollzeitarbeitnehmer) erlebt man doch beim Arzt immer wieder, daß gerade Nicht-beitragszahler (mitversicherte Mütter und Kinder) noch am besten versorgt werden und man selbst das alles nicht bekommt, was diese noch erhalten (Naturheilmittel, (Mutter-Kind)-Kuren..) - während man selbst immer wieder erlebt: hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Und auch bei Älteren: während mein Vater 3 x die Woche beim Hausarzt vorstellig wird - manchmal habe ich den Verdacht, weil er sonst nichts anderes zu tun hat - war ich die letzten 2 Jahre nicht dort und habe meine Wehwechen selbst versorgt. So what? -
    Die Haupt-beitrags- oder auch Steuerzahler sind doch in diesem Lande diejenigen, welche überhaupt keine Lobby haben und nur abgezockt werden. Dem gegenüber stehen: die Rentner-Lobby, die Familien-Kinder-Lobby, die beamten-Lobby (einschl. Abgeordnete und Minister), die Ärzte-Rechtsanswalts- und Apotheker-Lobby, die industrie- und Großaktionärs-Lobby ... - und ein paar kleine abgezockete beitrags- und Steuerzahler, welche all das finanzieren sollen!!!

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