Gesundheitssystem: Patienten als Opfer des Spar-Wahns

Gesundheitssystem: Patienten als Opfer des Spar-Wahns

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168 Milliarden Euro geben die gesetzlichen Krankenkassen in diesem Jahr für Gesundheitsleistungen aus - doch bei vielen Patienten kommt immer weniger an.

Wie Kassen und Ärzte an den Patienten sparen – und zur gleichen Zeit Milliardensummen zum Fenster rauswerfen.

Heinz Ludwig Unger, Chefarzt an der Brohltal-Klinik im rheinland-pfälzischen Burgbrohl, verschrieb einer hochbetagten Patientin ein etwas teureres Medikament gegen ihre Halluzinationen. Am nächsten Morgen beschimpfte ihn deren Hausarzt am Telefon: „Ob ich sein Praxisbudget sprengen wolle“, erzählt der Neurologe, der sich auf die Behandlung alter Menschen spezialisiert hat, die viele Krankheiten gleichzeitig haben.

Immer wieder erlebt Unger, dass niedergelassene Hausärzte nicht bereit sind, von ihm empfohlene Tabletten weiterzuverordnen. So werden immer mehr Patienten Opfer einer klammheimlichen Leistungskürzung im Gesundheitssystem – über die aber kaum einer offen spricht. In einer aktuellen Umfrage des Medizinethikers Georg Marckmann von der Universität Tübingen räumten drei Viertel der befragten Klinikärzte ein, sie hätten Patienten schon mal eine medizinisch sinnvolle Leistung vorenthalten, um Geld zu sparen. Jeder achte gab sogar an, dies komme öfter als einmal in der Woche vor.

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Die Versicherten bekommen das zu spüren. Rund ein Drittel hatte schon einmal das Gefühl, nicht ausreichend medizinisch versorgt zu werden, ergab eine Studie des Marktforschers GfK. Gründe gibt es zuhauf: Verschreiben die niedergelassenen Ärzte mehr Medikamente und Hilfsmittel als staatlich vorgegeben, müssen sie aus der eigenen Tasche draufzahlen. Die Krankenhäuser trimmen ihre Mitarbeiter auf effiziente Abläufe, denn Geld von der Krankenkasse gibt es heute pro Fall, und häufig lohnt es sich, Patienten früher nach Hause zu entlassen.

Schleichend werden Leistungen verweigert

Zwar bleibt hierzulande kein Todkranker sterbend im Wartezimmer liegen. Doch schleichend werden Leistungen verweigert – „subtil“, nennt es Klaus Bittmann, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, dem Verband der niedergelassenen Ärzte: Notwendige Untersuchungen werden ins nächste Quartal geschoben, Wartezeiten verlängert und bei Medikamenten „kann es vorkommen, dass der Arzt aus Kostengründen nur das zweitbeste verschreibt“. Vor allem bei Älteren, die sich nur selten wehren.

Wie kann das sein? Da geben die Deutschen immer mehr Geld für ihre Gesundheit aus, allein die gesetzlichen Krankenkassen rund 168 Milliarden Euro in diesem Jahr. Gleichzeitig ertönt der Ruf nach einer öffentlichen Debatte über Leistungsverweigerungen. Bloß die Politiker in Berlin wollen nichts von dem ethisch höchst delikaten Thema wissen. „Es gibt keine Rationierung und auch keine Mangelversorgung“, behauptete Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium beim Deutschen Ärztetag in Mainz.

Zugleich stoppen die Politiker die Verschwendung nicht. Dabei geht es um herausragende Summen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen kommt auf bis zu zehn Milliarden Euro Einsparpotenzial – ohne dass die Patienten deshalb schlechter versorgt würden. Die Unternehmensberatung BCG The Boston Consulting Group schätzt die Summe bis 2025 auf bis zu 20 Milliarden Euro.

Deutschlands Gesundheitssystem, eines der am höchsten entwickelten der Welt, hat kein Geld-, sondern ein Verteilungsproblem – und das lässt sich bei allen Mitspielern des Systems nachweisen: bei Krankenkassen, Fachärzten, Kliniken und der Pharmaindustrie.

Krankenkassen: Seit es den Einheitsbeitrag von 14, 9 Prozent gibt, können nur sparsame Kassen ihre Kunden über eine jährliche Gutschrift bei Laune halten und einen Wettbewerbsvorteil ausspielen. Es gilt, Zusatzbeiträge zu vermeiden und zu knausern, wo es eben geht. Viele Kassen fusionieren, um die im internationalen Vergleich ohnehin recht niedrigen Verwaltungskosten weiter zu reduzieren. Oder sie schließen Rabattverträge mit der Pharmaindustrie. Auf viele Kosten jedoch haben die Versicherungen gar keinen Einfluss: Wenn, wie gerade geschehen, die Bundesregierung zur Befriedung der Ärzte im Wahljahr die Honorare großzügig erhöht, müssen die Kassen zahlen. Größer ist das Sparpotenzial bei Leistungen, bei denen Versicherte oft vom guten Willen eines Sachbearbeiters abhängen: bei Heil- und Hilfsmitteln, Kuren, Zahnbehandlungen, naturheilkundlichen Verfahren. Bei Patientenberatungen häufen sich die Beschwerden der Versicherten. Sie müssen abgelehnte Anträge nicht akzeptieren – oft können sie sich erfolgreich wehren.

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