Gesundheitssystem: "Überall Reserven"

Gesundheitssystem: "Überall Reserven"

Bild vergrößern

Norbert Groß, ist zugleich Pastor und Direktor des Krankenhausverbandes der Diakonie

Der Direktor des evangelischen Krankenhausverbandes, Norbert Groß, über die Angst vor der Zuteilungsmedizin.

WirtschaftsWoche: Herr Groß, die niedergelassenen Ärzte warnen jetzt vor einer Rationierung medizinischer Leistung. Dabei zahlen allein die gesetzlichen Krankenkassen 2009 rund 160 Milliarden Euro. Wird wirklich zugeteilt, oder wollen die Ärzte schlicht mehr Geld?

Groß: In die Situation, dass medizinisch notwendige Leistungen rationiert werden müssten, werden wir so schnell nicht kommen. Insofern werden da Horrorszenarien beschworen. Aber die Lage der Ärzte und Krankenhäuser hat sich verschärft, weil der Behandlungsaufwand in einer alternden Gesellschaft seit Jahren schneller steigt als die zur Verfügung gestellten Mittel. Die Ärzte empfinden es zu Recht als unzumutbar, sich ständig fragen zu müssen: Gehen die Kosten für die jetzt angezeigte Behandlung letztlich zu meinen Lasten? Denn die Vergütungen sind von vorneherein begrenzt.

Anzeige

Würden Mediziner effizienter arbeiten, könnte das zehn Milliarden Euro einsparen. Dann wäre die Debatte obsolet, ab welchem Alter sich welche Therapie nicht mehr lohnt.

Wie effizient wir auch arbeiten, die solidarisch aufgebrachten Mittel werden immer hinter unseren Ansprüchen und Behandlungsmöglichkeiten zurückbleiben. Tatsächlich stecken überall im System noch Reserven. Noch immer könnten manche Kliniken durch klügere Prozesse, Einkaufsgemeinschaften und Verzicht auf Lagerhaltung erhebliche Kosten einsparen, ohne dass ein Patient darunter litte. Aber selbst enorme Effizienzsteigerungen verhindern im Krankenhausbereich leider keine Unterfinanzierung.

Gibt es eine Lösung?

Es gibt eine Herausforderung: Politiker müssen weniger versprechen, Mediziner weniger fordern, Patienten weniger als selbstverständlich beanspruchen. Und wir können sicher mehr als bisher für Gesundheit ausgeben.

Wer ist „wir“?

Wir als Bürger und Solidargemeinschaft. Warum muss ein Versicherter, der sein Einkommen aus einem 40-Stunden Job erzielt, Kassenbeiträge zahlen, jemand, der sein Leben aus Kapitalgewinnen bestreitet, aber nicht? Solidarität bedeutet, dass jeder so viel beiträgt, wie er kann. Und für die Politik gilt: Beitragsstabilität ist nicht alles.

Laut Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe soll man Krankheiten nach Dringlichkeit klassifizieren.

Wir müssen zwischen solidarisch finanzierten und privat abzusichernden Behandlungen differenzieren. Letzteres gilt auch für Menschen, die bewusst hohe Risiken zum Beispiel bei bestimmten Sportarten eingehen. Und um Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen flächendeckend anzubieten, muss ihr Nutzen klar bewiesen sein.

Ist das deutsche System, in dem Patienten zwischen Facharzt und Klinik pendeln, überhaupt sinnvoll?

Die Kooperation mit den Hausärzten klappt gut, aber Fachärzte und Kliniken gönnen sich oft gegenseitig die Leistungen nicht. Seit die Kliniken verstärkt ambulant behandeln dürfen, ist es noch schlimmer geworden. In der Folge können Patienten auf der Strecke bleiben.

Sagt der Klinik-Lobbyist.

In Italien, Holland oder Großbritannien ist die Facharztversorgung viel stärker als bei uns an die Kliniken angebunden. Wichtig ist, dass ein Facharzt auskömmlich bezahlt wird, egal, ob angestellt im Krankenhaus oder selbstständig. Bessere Verzahnung steigert die Versorgungsqualität und spart das Geld, das an anderer Stelle fehlt.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%