Gesundheitssytem: Ärzte raus aufs Land

Gesundheitssytem: Ärzte raus aufs Land

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Eine Patientin beim Arzt. Für viele Versicherte letzte Chance zum Wechsel in den Basistarif

Die Menschen werden immer älter und ältere Menschen sind öfter und länger krank als junge. Auf diese Entwicklung müsse sich das Gesundheitssystem stärker als bisher einstellen, fordert der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen".

Die Experten - fünf Professoren und zwei Professorinnen aus Medizin, Ökonomie und Sozialpolitik - übergaben heute in Berlin ihr diesjähriges Gutachten an Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD).

Heute kommen auf 100 Erwachsene im erwerbstätigen Altern knapp vier Hochbetagte über 85. Bis 2050 könnte diese Zahl auf 20 steigen, sagte der Vorsitzende des Rates, Eberhard Wille. Der Anteil der über 65-Jährigen liege dann bei bundesweit 64 Prozent, in einigen Bundesländern wie Brandenburg sogar bei bis zu 90 Prozent. „Hier besteht die Gefahr, dass eine flächendeckende medizinische Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann“, warnte Wille. Der Beruf des Hausarztes sei schon heute nicht mehr attraktiv genug. „Wir stellen mir Sorge fest, dass es zu wenige Hausärzte gibt.“

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Ganz im Sinne von Ministerin Schmidt – deren Haus den Rat selbst berufen hat - betonen die Gutachter die Bedeutung der „Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen hausärztlichen Primärversorgung“. Sie schlagen vor, Ärzte aus naheliegenden Großstädten für zwei Tage in der Woche in dünn besiedelte ländliche Gegenden zu holen. Den Rest der Woche könnten die Mediziner einen Krankenhausjob etwa in Berlin ausüben. „Da müssten wir natürlich die entsprechenden finanziellen Anreize setzten“, so Wille. Von den Fachärzten fordern die Gutachter einen „funktionsgerechten Wettbewerb“ mit den Krankenhäusern. Die niedergelassenen Fachärzte sollten sich als Bindeglied zwischen Hausarzt und Krankenhaus verstehen. Dies sei derzeit noch viel zu wenig der Fall, es finde „eine ineffiziente und ineffektive Konkurrenz“ statt.

Der Sachverständigenrat plädiert außerdem für mehr Prävention: So könne der Ausbruch bestimmter chronischer Erkrankungen nach hinten verschoben werden. Das bringt den Betroffenen eine höhere Lebensqualität – und spart den Krankenkassen Geld.

Pillen von jedem Arzt

Ein weiteres Problem: Mit zunehmenden Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit der „Multimorbidität“ zu. Zwei Drittel der über 65-Jährigen weisen mindestens zwei chronische Erkrankungen wie Inkontinenz, Diabetes oder Demenz auf. Die Behandlung solcher Patienten erfolge bisher oft zu unkoordiniert, kritisieren die Experten: Jeder Facharzt verschreibe seine Pillen, ohne auf die Diagnose des Kollegen aus der anderen Praxis zu achten. 35 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen über 65 erhielten neun und mehr Wirkstoffe in Dauertherapie, berichten die Gutachter. „In diesem Kontext bilden unerwünschte Arzneimittelwirkungen ein Kernproblem der Versorgung älterer Menschen.“

Um die Anreize so zu setzen, dass die rund 260 Milliarden Euro in den Gesetzlichen Kassen möglichst zum Wohl der Patienten ausgegeben werden, sollten Mediziner noch stärker als bisher nach Pauschalen bezahlt werden – und nicht nach einzelnen Diagnosen und Behandlungen, empfehlen die Gutachter. Ratsmitglied Ferdinand Gerlach, Medizinprofessor an der Universität Frankfurt: „Dann verdienen Ärzte nicht mehr an Kranken, sondern an Gesunden.“

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