Gesundheitswesen: Abrechnungssystem wird zum Exportschlager

Gesundheitswesen: Abrechnungssystem wird zum Exportschlager

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Behandlung im Krankenhaus: Ohne Kontrolle funktionieren die Fallpauschalen nicht

Erfolgsgeschichten im Gesundheitswesen sind rar, doch eine gibt es: Das umstrittene Abrechnungssystem der Krankenhäuser wird zum Exportschlager.

Früher stand Frank Heimig auf der anderen Seite. „Ich galt als einer der größten Wilddiebe der Republik“, erzählt der ehemalige Krankenhausarzt. Mit Tricks und Kniffen leitete er möglichst viel Geld von den Krankenkassen auf das Konto seines Arbeitgebers. Das war das Klinikum Saarbrücken. Im Fachjargon heißt das, „medizinische Abläufe erlöstechnisch optimieren“.

Heute optimiert Heimig immer noch, jedoch ganz anders. Der 43-jährige Mathematiker wacht darüber, wie die gut 50 Milliarden Euro, die jährlich in die Kassen deutscher Krankenhäuser fließen, auf die 2100 Kliniken verteilt werden. Als Geschäftsführer des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (Inek) betreibt Heimig das umstrittene Klinik-Abrechnungssystem, dessen Einführungsphase zum Jahresende ausläuft.

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„Von mir werden Sie nicht hören, dass unser System gut ist“, sagt Heimig. Doch zwei Aussagen würde er sofort unterschreiben: „Unser System wird von Jahr zu Jahr besser.“ Und: „Ich habe weltweit keines gefunden, das in seiner Gesamtheit besser ist.“

1192 Fallpauschalen im System

Das Lob gilt den sogenannten Fallpauschalen. Für bestimmte Behandlungen erhalten die Kliniken feste Vergütungen. Rund 2000 Euro etwa für eine komplikationsfreie Blinddarm-OP, 1500 Euro für eine komplikationslose Geburt, 45.000 Euro für eine Knochenmark-Transplantation. Doch als das neue Abrechnungsverfahren vor fünf Jahren eingeführt wurde, die „größte Strukturreform im Gesundheitswesen seit knapp 30 Jahren“ (so Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt), hagelte es erst einmal Protest. Ärzte und Krankenschwestern schlugen Alarm, weil sie befürchteten, dass sie keine Zeit mehr für die Patienten haben würden. Kranke würden viel zu früh entlassen, war ihre große Sorge. Und die Krankenhausverbände warnten vor Bürokratie und Abrechnungschaos.

Tatsächlich bedeuteten die Fallpauschalen für die Krankenhäuser eine Revolution. Denn bis dahin stellten die Kliniken den Krankenkassen schlicht die Anzahl der Tage in Rechnung, die Patienten in ihren Betten verbrachten. Obwohl sie rund ein Drittel der Ausgaben der Krankenkassen verschlingen, waren die Krankenhäuser früher eine Art Blackbox. Niemand wusste so genau, wo das viele Geld hinfloss. Schlimmer noch: Verschwendung und Schlendrian wurden belohnt. Durch unnötig lange Liegezeiten ließen sich die Einnahmen in die Höhe schrauben.

Doch inzwischen gibt es 1192 Fallpauschalen. Mit deutscher Gründlichkeit hat das 30-köpfige Inek-Team ein hochkomplexes System ausgetüftelt, ausgefeilt bis ins kleinste Detail. Kommt ein Patient ins Krankenhaus, errechnet ein Computerprogramm aus Diagnose, Behandlungsschritten und Schweregrad des Falles die entsprechende Fallpauschale – das passiert in Deutschland mehr als 17 Millionen Mal im Jahr.

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Das System hat bei den Kliniken eine ganz neue Dynamik entfacht. Sie machen sich Gedanken über die Kosten ihrer Behandlungen, rund ein Drittel der Häuser steht mächtig unter Druck. „Die Prozesse sind transparenter geworden, die Kliniken werden effizienter“, schwärmt Wulf-Dietrich Leber, vom GKV-Spitzenverband, dem Dachverband der Krankenkassenverbände. Viele Häuser spezialisieren sich auf bestimmte Leistungen, andere gehen den Weg der Privatisierung.

Gleichzeitig sinkt – wie von der Politik erhofft – die Verweildauer der Patienten. Auch wenn die Deutschen im internationalen Vergleich nach wie vor noch zu viele Tage in teuren Krankenhausbetten verbringen. Blutige Entlassungen, wie im Klinikjargon der verfrühte Rauswurf heißt, gibt es entgegen aller Befürchtungen nicht. Dafür sorgt ein Trick: Ab einer gewissen Untergrenze bei der Liegezeit erhält das Krankenhaus weniger Geld für die entsprechende Leistung.

Die Szene ist sich weitgehend einig: „Unter dem Strich war das eine gute Reform“, sagt Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft. „Wir haben eines der besten Systeme der Welt“, schwärmt gar Sascha Baller, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Medizincontrolling.

Natürlich gibt es einige Skeptiker, die sich der allgemeinen Euphorie nicht anschließen mögen. Einer von ihnen ist Klaus Kober von 4p Consulting, einem Stuttgarter Beratungsunternehmen im Gesundheitsbereich. Kober hat mit seinem Team Tausende von Krankenhausrechnungen geprüft und das System auf Plausibi-lität getestet. In vielen Fällen machen „die Ergebnisse keinen Sinn“, sagt er, das Prinzip Geld folgt Leistung werde häufig ad absurdum geführt. Außerdem sei die neue Abrechnungspraxis extrem manipulationsanfällig, vor allem dort, wo es Sprünge beim Entgelt gebe. „Wenn ein Krankenhaus für 171 Beatmungsstunden 10.000 Euro mehr bekommt als für 170 Stunden, dann ist doch klar, das ein Patient auch schon einmal eine Stunde länger an dem entsprechenden Gerät hängt“, sagt Kober. Spielraum für „Erlöskosmetik“ biete auch der Austausch von Haupt- und Nebendiagnosen. Durch solche Tricks, so der Stuttgarter, entstünde „den Kassen ein gigantischer Schaden“.

Doch keiner hat behauptet, das System sei perfekt – es ist ein lernendes System. Nicht von ungefähr prüft das Inek-Team pro Jahr 10.000 eingereichte Änderungsvorschläge, 2000 bis 3000 Umbauten der Software im Jahr sind normal. Und ohne Kontrolle funktioniert auch die Welt der Fallpauschalen nicht. „Die Krankenkassen prüfen regelmäßig Krankenhausrechnungen“, sagt Heimig, „um Auswüchse zu begrenzen.“ Bald soll es zu den Fallpauschalen auch eine wissenschaftliche Expertise geben, vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen.

Inzwischen finden auch viele Gesundheitsexperten aus dem Ausland das deutsche Modell interessant. Seit Monaten reisen Besucher aus aller Welt ins beschauliche Siegburg bei Bonn, wo das Inek in einem schlichten Bürogebäude untergebracht ist. Dort studieren sie die hiesigen Fallpauschalen. Die Schweiz, deren Gesundheitswesen hierzulande gerne als Vorbild gepriesen wird, hat Teile des Systems bereits gekauft. Die Chinesen haben schon einen Vorvertrag unterzeichnet. Experten aus Zypern, Großbritannien und Irland waren auch schon da. Was der unerwartete deutsche Exportschlager den deutschen Beitragszahlern bringt, verschweigt Heimig lieber. Eine sechs- oder siebenstellige Summe sei bei einem derartigen Verkauf schon drin, heißt es in der Szene.

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