Gesundheitswesen: Horror – eine Pflegekraft für 26 Patienten

Gesundheitswesen: Horror – eine Pflegekraft für 26 Patienten

, aktualisiert 05. Juli 2017, 20:20 Uhr
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Mit einem „Flashmob“ unter dem Motto „Pflege am Boden“ protestierten schon 2014 Fachkräfte in 60 deutschen Städten gegen schlechte Arbeitsbedingungen.

von Peter ThelenQuelle:Handelsblatt Online

Miserable Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und ein unsicherer beruflicher Status machen Deutschlands Pflegekräfte körperlich und seelisch krank. Das Ausmaß sei erschreckend, heißt es im Gesundheitsreport der BKK.

BerlinEr habe gewusst, dass es schlimm ist. „Aber dass Pflegekräfte in Deutschland so viel öfter als die Beschäftigten anderer Branche im Job arbeitsunfähig werden, habe ich mir nicht vorstellen können“ sagt Franz Knieps, Vorstandschef des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen. „Das Ausmaß ist erschreckend.“ Wenn man sich die Zahlen des Reports ansieht, kann man tatsächlich ins Grübeln kommen. Wie kann es sein, dass in einer Boom-Branche, wo der Fachkräftemangel jeden Tag  größer wird, krank machende Arbeitsbedingungen und Niedriglöhne noch immer so weit verbreitet sind und trotzdem immer mehr Frauen den Weg in diese Berufe suchen. Mehr als jeder zehnte Arbeitnehmer in Deutschland hat inzwischen einen Gesundheitsberuf, insgesamt 3,2 Millionen - etwas weniger als die Hälfte davon in der Pflege.

Während über alle Branchen seit 2013 die Beschäftigtenzahlen um 5,9 Prozent gestiegen sind, gab es bei den Fachkräften in der Altenpflege  einen Zuwachs von 14,2 Prozent und bei den Pflegehelfern sogar von 16,8 Prozent. In der Krankenpflege lagen die Zuwachsraten mit sieben Prozent für die Krankenhelfer und 4,7 Prozent für die Krankenpfleger deutlich niedriger. Das hat auch damit zu tun, dass die Krankenhäuser aus Kostengründen die Personaldecke straff halten, weiß Sylvia Bühler, Vorstandsmitglied bei der Gewerkschaft Verdi.

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Sie berichtete am Mittwoch in Berlin über eine Pflegekraft, die allein für eine ganze Abteilung zuständig war, sich irgendwann einfach nicht mehr zu helfen wusste und mit der Nummer 112 die Feuerwehr zu Hilfe holte. Ähnliches komme immer wieder vor, schildert sie und verdeutlich die Not an einer ganzen Kaskade von Zahlen: In Deutschland sei eine Pflegefachkraft pro Schicht für durchschnittlich 13 Patienten zuständig, in den Niederlanden für sieben. In der Nachtschicht sind es durchschnittlich 26. Die Beschäftigten in den Krankenhäusern machen notgedrungen Überstunden ohne Ende: Nach einer Erhebung von Verdi im vergangenen Jahr schieben die Beschäftigen in den Kliniken einen Berg von 35,7 Millionen Überstunden vor sich her, 32,5 pro Kopf. Vor allem in der Altenpflege werde schlecht bezahlt.

Mit 1.945 Euro brutto im Osten und 2.548 Euro brutto im Westen legen die Einkommen für eine Vollzeitstelle im Durchschnitt um 21 Prozent unter dem Niveau in der Krankenpflege. Auch bei Vollzeitarbeit drohe daher vielen Altenpflegekräften Armut im Alter. Zum Vergleich: Das Durchschnittsgehalt über alle Branchen liegt bei 3.462 Euro brutto. Bis zu 70 Prozent der Pflegekräfte arbeiten aber in Teilzeit, obwohl viele von ihnen lieber voll arbeiten würden. „Das wollen die Arbeitgeber aber oft nicht, weil Teilzeitkräfte flexibler einsetzbar sind.“

Das Schlagwort von der  kapazitätsorientierten Arbeitszeit, einst zur Beschreibung des flexiblen Arbeitseinsatzes auf Zuruf des Chefs im Einzelhandel erfunden, feiert in der Pflegebranche fröhliche Urstände vor allem in der Altenpflege. Ist es ein Zufall, dass in beiden Branchen der Frauenanteil unter den Beschäftigten besonders hoch ist? 46 Prozent aller Beschäftigten sind Frauen. In der Pflege sind es mehr als 80 Prozent. Im Einzelhandel sind es knapp 70 Prozent.

Hinzu kommt: Viele Pflegekräfte werden nur befristet eingestellt. Der Anteil der Leiharbeitnehmer ist zwar nicht höher als in anderen Branchen. Dafür ist ihre Bezahlung besonders schlecht und so müssen oft die schwereren Arbeiten erledigen. Generell ist die Arbeit in der Pflege körperlich und seelisch deutlich belastender als andere Tätigkeiten. In Deutschland sind sie laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) besonders schlecht im Vergleich zu anderen Industrieländern.


Pflege belastet körperlich und seelisch

Und das hat Folgen, die sich in der Arbeitsunfähigkeitsstatistik der Betriebskrankenkassen widerspiegeln: Die meisten Fehltage pro Beschäftigten gibt es bei den Beschäftigten in Pflegeheimen und Altenheimen mit rund 24 Tagen, in Krankenhäusern mit 18 Tagen und in der sozialen Betreuung mit 20 Tagen. In der gesamten Wirtschaft fallen pro Jahr und Kopf 16,1 Arbeitsunfähigkeitstage an. Neben Muskel- und Skeletterkrankungen sind es vor allem psychische Störungen, die in der Pflegebranche weit häufiger vorkommen als in der übrigen Wirtschaft. In der Gesamtwirtschaft haben nur 14,6 Prozent einen befristeten Job, in der Krankenpflege sind es 23 Prozent und in der Altenpflege ein Drittel.  Meistens handelt es sich um junge Arbeitnehmer in der Ausbildung  oder der Probezeit. Auch hier sind die Fehlzeiten auffallend hoch. Das gilt erst recht für die 2,1 Prozent Leiharbeitnehmer in der Altenpflege. Sie fallen besonders oft in Folge von Arbeitsunfällen aus.

Der BKK-Bundesverband hat in einer repräsentativen Umfrage unter Beschäftigten versucht, herauszufinden, wie diese selbst ihre Lage einschätzen. Mehr als ein Drittel der Beschäftigten in Heimen bewerten ihre Arbeitsfähigkeit als mäßig bis schlecht

Etwas weniger als ein Drittel der Beschäftigten gibt dieses negative Urteil im Gesundheitswesen über sich ab. In der Gesamtwirtschaft hat nur jeder Fünfte eine derart schlechte Meinung von seiner Arbeitsfähigkeit. Bei den Pflegekräften fällt die Selbsteinschätzung noch schlechter aus: Zwei Fünftel der Altenpflege- und der Krankenpflegekräfte halten ihre Arbeitsfähigkeit für mäßig bis schlecht. Das wundert es nicht, dass sich nur jeder vierte in der Kranken- und Altenpflege zutraut, seinen Beruf bis zur Rente auszuüben.

Aber was kann man dagegen tun? Verdi-Vorstand Sylvia Bühler sieht hier eindeutig den Gesetzgeber gefordert. Er muss schneller und durch strengere Vorgaben als bisher dafür sorgen, dass in Kliniken und Pflegeeinrichtungen deutlich mehr Pflegepersonal eingestellt wird.  Bei den Krankenkassen stößt die Forderung nach starren Personalvorgaben grundsätzlich auf Kritik. So hat sich der GKV-Spitzenverband nur sehr unwillig vom Gesetzgeber zwingen lassen, in den kommenden Jahren mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft zumindest Personaluntergrenzen auszuhandeln. BKK-Chef Franz Knieps teilt noch aus seiner Zeit als Chef der zuständigen Abteilung im Gesundheitsministerium diese Bedenken gegen starre Vorgaben.

Trotzdem, so sagt er  heute, sehe er inzwischen keinen anderen Weg, das Problem der chronischen Arbeitsüberlastung in der Pflege anzugehen. „Am Ende sind es ja auch die Kranken- und Pflegebedürftigen, die das ausbaden müssen“, sagt Knieps. Mehr Einrichtungen, die sich nach den Tarifverträgen richten, die für den Pflegebereich geschlossen wurden, würden auch helfen, sagt Bühler. „Überall da, wo Tarif gezahlt wird, läuft es besser.“ Aber vor allem  in der Altenpflege sind die Einrichtungen, die sich an einen Tarifvertrag binden, in der Minderheit. Regelmäßig sorgen Heime für Schlagzeilen, weil sie eine betriebliche Interessenvertretung systematisch zu verhindern und gewählte Betriebsräte unter fadenscheinigen Gründen zu kündigen versuchen.

Doch die Betriebskrankenkassen wollten am Mittwoch nicht nur schlechte Stimmung machen. Sie hatten deshalb auch Christine Rieffel-Braune eingeladen vom Vorstand der Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Das Unternehmen mit inzwischen 19.000 Beschäftigten bundesweit gibt es seit 150 Jahren. Es handelt sich um die größte diakonische Einrichtung in Europa mit hohem Ansehen, auch wenn es dunkle Kapitel gab – etwa die Zwangssterilisierung zur Zeit des Nationalsozialismus oder die brutalen Erziehungsmethoden in Fürsorgeeinrichtungen nach dem Krieg. Bei den Stiftungen gibt es einen eigenen Tarifvertrag mit überdurchschnittlichen Vergütungen. Sogar einen Betriebsrentenanspruch erhält jeder Mitarbeiter. Bei der Gestaltung der Arbeitszeit werde auf die verschiedenen Lebensphasen der Beschäftigten Rücksicht genommen. „Das gilt für die Zeit der Kindererziehung. Aber wir suchen auch nach Lösungen, wenn unsere  Pflegekräfte mit der Pflege von Angehörigen zu Hause höher belastet sind als im Job“, erläutert Rieffel-Braune die Philosophie ihres Unternehmens. Selbst Sabbaticals gewähre das Unternehmen den Mitarbeitern. Das klingt sehr nach schöner heiler Welt. Doch auch Verdi-Fachfrau Bühler fand lobende Worte für das Unternehmen. Dort lehne man sich immerhin bei der Bezahlung an die einschlägigen Tarifverträge an, stellte sie anerkennend fest.

Quelle:  Handelsblatt Online
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