Gesundheitswesen: "Rücklagen sind sinnvoll"

InterviewGesundheitswesen: "Rücklagen sind sinnvoll"

von Cordula Tutt

Der neue Vorsitzende der Gesundheitsweisen, Ferdinand Gerlach, erklärt, warum es nicht an Geld mangelt, sondern an neuen Ideen und an einer Orientierung an den Patienten.

WirtschaftsWoche: Herr Gerlach, die gesetzlichen Krankenversicherungen schwimmen im Geld. Verbessert das wenigstens die Versorgung der Versicherten?

Gerlach: Leider nicht. Die Kassen zeigen sich aktuell nicht sonderlich innovativ. Das liegt jedoch auch am Bundesversicherungsamt, der Aufsichtsbehörde. Wenn eine Versicherung etwa chronisch Kranke besser versorgen will, muss sie bereits zum Start eines neuen Konzepts gewährleisten, dass dieses keine Zusatzkosten verursacht. So funktioniert es aber nicht: Es gibt immer Anfangsinvestitionen. Einsparungen zeigen sich oft erst nach ein paar Jahren.

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Also horten Kassen das Geld?

Die Kassenbeiträge hängen an den Löhnen. Man kann damit rechnen, dass die Einnahmen bald zurückgehen, während die Ausgaben weiter steigen werden. Rücklagen sind insofern sinnvoll – solange sie maßvoll bleiben.

Warum werden die Ausgaben im Gesundheitswesen künftig steigen?

Ferdinand Gerlach Quelle: dpa

Ferdinand Gerlach

Bild: dpa

Da ist zum einen die Alterung unserer Gesellschaft, obwohl die Folgen meist überschätzt werden. Medizinischer Fortschritt kostet oft auch. Entscheidend ist aber, dass sich das steigende Angebot im Gesundheitswesen oft seine eigene Nachfrage schafft. Über Jahre sind viele neue Ärzte und Klinikangebote hinzugekommen.

Mediziner schaffen sich ihre Nachfrage, indem sie Therapien ansetzen, die ihrem eigenen Geldbeutel nützen?

Unser System setzt noch stark auf Anreize, die Menge belohnen. Bei uns werden etwa ständig mehr sogenannte Linksherzkatheter eingesetzt. Pro Einwohner sind das bereits doppelt so viele wie in der Schweiz. Das weist auf eine mögliche Überversorgung hin. Es gibt Bereiche, in denen zu viel diagnostiziert und therapiert wird.

Warum verhalten sich Ärzte so?

Ein Grund ist, dass neue Arbeitsverträge von Chefärzten inzwischen durchweg einen Bonus für wirtschaftlichen Erfolg enthalten. Das heißt, wenn sie mehr machen, etwa mehr operieren, werden sie finanziell belohnt. Überspitzt gesagt ist dies ein Anreiz, die Menschen krank zu halten.

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