Gewalt-Skandal in der Bundeswehr: „Es ist eine Schande“

Gewalt-Skandal in der Bundeswehr: „Es ist eine Schande“

, aktualisiert 29. Januar 2017, 16:34 Uhr
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Wegen zweifelhafter Aufnahmerituale in der Staufer-Kaserne bei Pfullendorf sind Ermittlungen gegen mehrere Soldaten eingeleitet worden.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Gewalt-Skandal von Pfullendorf erinnert an längst vergangene Zeiten bei der Bundeswehr. Während in der Kleinstadt über die Vorgänge noch gerätselt wird, stellen Politiker kritische Fragen an die militärische Führung.

Pfullendorf Die Anfahrt durch einen Wald endet vor schweren Eisentoren. „Militärischer Sicherheitsbereich, unbefugtes Betreten verboten!“ heißt es auf einem Schild, daneben steht zur Sicherheit nochmal „Stop“. Wer keine Berechtigung hat, in die Pfullendorfer Staufer-Kaserne hineinzufahren, kommt hier nicht weiter. Hinter den Toren soll es zu Gewalt-Exzessen gekommen sein, die die Bundeswehr erschüttern und Fragen aufwerfen.

Zum Beispiel: Wie konnten sexuelle Nötigung, Mobbing, Misshandlungen und Demütigungen an einem Elite-Standort lange weitgehend unentdeckt bleiben? Und: Hat die militärische Führung inklusive Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) angemessen reagiert und informiert? Bundestags-Fachpolitiker von SPD und Grünen meldeten am Sonntag schon mal Zweifel an. Der Verteidigungsausschuss des Bundestages soll der Sache demnächst auf den Grund gehen.

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Laut „Spiegel Online“, das den Skandal am Freitagabend publik gemacht hatte, gab es bereits 2015 erste Hinweise auf Verfehlungen bei der Ausbildung sowie Mobbing gegen Frauen in der Kaserne bei Sigmaringen. Wo eigentlich nationale und internationale Spezialkräfte für ihren Einsatz geschult werden sollen, kam es dem Bericht zufolge zu „sexuell-sadistischen Praktiken“ und Gewaltritualen.

Am Wochenende sind die Vorwürfe im Zentrum der Kleinstadt Thema Nummer eins. „Es ist eine Schande, was da passiert ist“, sagt eine Anwohnerin. Allerdings blieben die Soldaten des Ausbildungszentrums meist unter sich, in der Stadt bekomme man nicht viel von ihnen mit.

Ein Imbiss-Mitarbeiter in der schmucken Altstadt kennt einige Soldaten, die öfter bei ihm essen. Er warnt zwar vor einem Generalverdacht: „Nur weil ein paar Mist gebaut haben, müssen ja nicht alle gleich schlecht sein.“ Andererseits: „Wenn von der Leyen sich einschaltet, muss ja auch was dran sein.“ Die Ministerin nennt die Vorfälle „abstoßend“ und „widerwärtig“ - sie verletzten „auf das Schwerste die Grundsätze der Inneren Führung“.

Nicht nur in Pfullendorf schwirren Fragen umher, was sich hinter den Kasernenmauern an Unappetitlichkeiten abgespielt hat. Nach den „Spiegel“-Informationen wandte sich im Oktober ein weiblicher Leutnant aus dem Sanitätsbereich an den Wehrbeauftragten Hans-Peter Bartels und auch direkt an von der Leyen. Die Soldatin soll beschrieben haben, dass sich Rekruten bei der Ausbildung vor den Kameraden nackt ausziehen mussten. „Vorgesetzte filmten mit, angeblich zu Ausbildungszwecken“, heißt es. Auch von medizinisch unsinnigen, sexuell motivierten Übungen sei die Rede.

Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold erzählt nun, er sei im vorigen Sommer in der Staufer-Kaserne gewesen und habe das Gefühl gehabt, „dass dort nicht gut und verantwortungsvoll geführt wird“. Den Besuch beim jetzt abgelösten Kommandeur habe er erzwingen müssen. Der Offizier habe „mit massivem Druck und Tricks unterlaufen, dass ich die Personalvertretung unter vier Augen sprechen kann“. Arnold: „Ich bin im Bewusstsein gegangen: Irgendetwas läuft da nicht gut.“

Der Wehrbeauftragte Bartels findet am Wochenende in Interviews harte Worte zu den Gewaltexzessen: Die Dienstaufsicht habe versagt, und „um einen Neuanfang wird man nicht herumkommen“. In Pfullendorf habe es womöglich „noch Restbestände von einem Machoverhalten“ gegeben. Allerdings weist auch Bartels' noch druckfrischer Jahresbericht für den Bundestag im Kapitel 7 („Führung und Soldatenalltag“) diverse aktuelle Beispiele für krasses Fehlverhalten in der Truppe auf.

So ließ beispielsweise ein Leutnant „nach einem Rückmarsch von einer Schießausbildung seinen Zug Liegestütze und Kniebeugen absolvieren. Als zwei der Soldaten vor Erschöpfung zusammenbrachen, und einige Kameradinnen und Kameraden ihnen zu Hilfe eilen wollten, äußerte er wiederholt: „Lasst die liegen, die sind nur ohnmächtig, nicht tot!““ Auch unangemessener Umgangston wird in Bartels' Bericht belegt: In Eingaben hätte Soldaten aus verschiedenen Einheiten Äußerungen von Vorgesetzten wie „Du bist so dumm, erschießen sollte man dich“, „Dreckschwein“, „Schwachköpfe“ oder „Homos“ geschildert.

Schon mehrfach hat es Gewalt-Skandale in der Bundeswehr gegeben, zuletzt die entwürdigenden Aufnahme-Rituale der Gebirgsjäger im oberbayerischen Mittenwald im Februar 2010: Zu einem „Fuxtest“ für Neulinge gehörten das Essen roher Schweineleber und Alkoholkonsum bis zum Erbrechen. 2006 sorgten die Schilderungen obszöner Praktiken in einem Fallschirmjäger-Bataillon im pfälzischen Zweibrücken für Aufsehen. Und 2004 schockierten Misshandlungen in einer Ausbildungskompanie im westfälischen Coesfeld die Öffentlichkeit.

Der wohl schlimmste Fall liegt indes schon über 50 Jahre zurück: 1963 machte der „Schleifer von Nagold“ - wie Pfullendorf eine kleine Stadt in Baden-Württemberg - Schlagzeilen. Rekruten wurden mit brutaler Härte traktiert und menschenunwürdigen Schikanen ausgesetzt - bis zu Liegestützen über einem aufgeklappten Taschenmesser. Einer von ihnen, der 19-jährige Gerd Trimborn, überlebte die Tortur nicht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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