Gewerkschaften : Die Zeit der Defensive ist vorbei

Gewerkschaften : Die Zeit der Defensive ist vorbei

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Die Zeit der Defensive ist für die Gewerkschaften vorbei. In der Politik sind sie wieder gefragte Ratgeber - der Koalitionsvertrag von Union und SPD hat gleich reihenweise originäre Gewerkschaftsforderungen übernommen.

von Bert Losse

Deutschlands Gewerkschaftsführer können sich am „Tag der Arbeit“ so selbstbewusst wie seit Jahren nicht präsentieren. Die Bundesregierung liest ihnen jeden Wunsch von den Augen ab  – und auch die jahrelange Mitgliedermisere im DGB neigt sich dem Ende entgegen.

Pünktlich zum „Tag der Arbeit“ ist in den Vorstandsetagen der deutschen Gewerkschaften eine rege Reisetätigkeit ausgebrochen. Michael Sommer, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), reist von Berlin zum Domshof nach Bremen, um dort auf der zentralen Mai-Kundgebung des Dachverbands gegen prekäre Beschäftigung und Niedriglöhne zu wettern. IG Metall-Chef Detlef Wetzel zieht es von Frankfurt zum Kölner Heumarkt, Kollege Michael Vassiliadis (IG BCE) redet in München. Verdi-Boss Frank Bsirske hat sich für seinen Auftritt die Bankenmetropole Frankfurt ausgesucht. Was ihre Auftritte eint: An diesem 1. Mai können sich die Spitzenfunktionäre von IG Metall und Co. selbstbewusst wie seit Jahren nicht mehr auf den Marktplätzen und Rednertribünen der Republik präsentieren.

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Die Zeit der Defensive ist für die Gewerkschaften vorbei. In der Politik sind sie wieder gefragte Ratgeber - der Koalitionsvertrag von Union und SPD hat gleich reihenweise originäre Gewerkschaftsforderungen übernommen. Der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro ist unter Dach und Fach, die Rente mit 63 ebenso, demnächst sollen die weitere Einschränkung der Zeitarbeit, ein Gesetz zur Tarifeinheit und die drastische Ausweitung der Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen folgen.  Eine Mitgliederumfrage der Wirtschaftsverbände „Die Familienunternehmer-ASU“ und „Die Jungen Unternehmer-BJU“ für die WirtschaftsWoche ergab: Rund 65 Prozent der mittelständischen Unternehmer sehen aktuell einen „hohen“ oder gar „sehr hohen“ Einfluss der Gewerkschaften auf die Politik der Bundesregierung ­ - 20 Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr.

Und was für die Gewerkschaften fast noch wichtiger ist als die Avancen der Politik: Die über 20 Jahre dauernde Schrumpfkur bei den Mitgliedern neigt sich dem Ende entgegen. Bis Ende 2013 haben die acht DGB-Gewerkschaften zwar nochmal 8500 Mitglieder verloren, ein minimales Minus von 0,14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Rückgang ist mittlerweile aber vor allem durch Sterbefälle bedingt, in den Betrieben, also bei den „arbeitenden“ (und zahlenden) Mitgliedern, stabilisieren sich vielerorts die Zahlen oder steigen sogar. Da Facharbeiter deutlich höhere Beiträge zahlen als Rentner (nämlich ein Prozent ihres Bruttoeinkommens), steigen dadurch die Beitragseinnahmen. Auch die desaströs niedrige Zahl junger Mitglieder geht ­ wenn auch langsam – nach oben. Bei der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) etwa sind derzeit weniger als neun Prozent der Mitglieder jünger als 25 Jahre, obwohl nach Angaben der Gewerkschaft jedes Jahr rund 70 Prozent der neuen Azubis einen Mitgliedsantrag unterschreiben.

Umfrage Mittelständler beklagen hohen Einfluss der Gewerkschaften auf Politik

Der Einfluss der Gewerkschaften auf die Politik hat sich nach Einschätzung mittelständischer Unternehmen drastisch erhöht.

Streik Quelle: dpa

Netto legte 2013 – aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor - vor allem die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zu (plus 1,32 Prozent), auch die Polizeigewerkschaft (0,52 Prozent), die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (0,35 Prozent), Verdi (0,1 Prozent) und IG Metall (0,16 Prozent) waren im Plus. Unter dem Strich negativ bleibt die Mitgliederbilanz bei der IG Bau (minus 3,14 Prozent), der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG (minus 2,12 Prozent) und der IG BCE (minus 0,78 Prozent).

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Ein Problem haben die Gewerkschaften dabei immer noch nicht lösen können – die extrem ungleiche Verteilung der Mitgliederschaft.  Einem hohen Organisationsgrad in großen Konzernen – bei VW etwa sind über 90 Prozent der Mitarbeiter organisiert – oder in sterbenden Branchen wie dem Steinkohlebergbau (Organisationsgrad: nahe 100 Prozent) stehen weiße Flecken in aufstrebenden neuen Branchen wie der IT-Sparte und den Erneuerbaren Energien gegenüber. Speziell Verdi, wo über 1000 Berufe organisiert sind, muss sich zudem der wachsenden Konkurrenz aggressiver Spartengewerkschaften erwehren, deren Klientel sich von einer Massen-Gewerkschaft nicht vertreten fühlt. Und daran dürfte sich auch bis zum 1. Mai 2015 wenig ändern.

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