Gewerkschaften: Konkurrenz für Verdi

Gewerkschaften: Konkurrenz für Verdi

von Bert Losse

Verdi laufen die Mitglieder in der Versicherungsbranche davon - ein neuer Konkurrent lockt mit einem reizenden Angebot. Er hat es vor allem auf die Angestellten der privaten Krankenversicherungen abgesehen - aus gutem Grund.

Die jährliche Bekanntgabe ihrer Mitgliederzahlen ist für die Gewerkschaften seit Jahren ein eher unerquicklicher Termin. Und so mühte sich Michael Sommer, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), jüngst redlich, den abermaligen Verlust von (netto) 60 000 bis 80 000 zahlenden Kunden zu erklären. Es sei 2010 gelungen, „die Mitgliederzahlen zu stabilisieren“, befand Sommer.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kann er damit nicht gemeint haben. Dort ist die Mitgliederzahl um rund zwei Prozent geschrumpft und hat mit 2,1 Millionen einen Tiefstand erreicht. Wenn sich im September rund 1000 Verdi-Delegierte im Leipziger Kongresszentrum zu ihrem Gewerkschaftskongress treffen, steht der Organisation eine heiße Debatte über Organisationsmängel und schwindende Bindungskraft ins Haus – zumal sie sich jetzt auch noch einer neuen Konkurrenz im eigenen Lager erwehren muss. Vor wenigen Wochen hat sich in Gießen die Neue Assekuranz-Gewerkschaft (NAG) gegründet, die nun unter den 225 000 Beschäftigten des deutschen Versicherungsgewerbes auf Mitgliedersuche geht.

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Schon zuvor musste sich die heterogene Großorganisation Verdi, deren Mitglieder mehr als 1000 verschiedene Berufe ausüben, mit renitenten Wettbewerbern herumschlagen. Als da wären: der Marburger Bund, die Pilotenvereinigung Cockpit, die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo und der Beamtenbund-Ableger DBB Tarifunion im öffentlichen Dienst. Die Freude über den neuen Wettbewerber hält sich denn auch sehr in Grenzen: Die NAG-Gründung sei „ein großer Fehler, denn sie führt zu einer gewerkschaftlichen Spaltung im Versicherungsgewerbe, die nur den Arbeitgebern nutzt“, schimpft Uwe Foullong, Mitglied des Verdi-Bundesvorstands und Fachbereichsleiter Finanzdienstleistungen.

"Täglich neue Anmeldungen"

Negativer Trend

Negativer Trend

Waltraud Baier sieht das völlig anders. Die 60-jährige Versicherungskauffrau ist die Vorsitzende der NAG. Sie war viele Jahre stellvertretende Betriebsratschefin bei der Hamburg-Mannheimer und saß in diversen Aufsichtsräten des Munich-Re-Konzerns. Den Anstoß für die Neugründung gaben nach ihren Angaben nicht nur als zu niedrig empfundene Tarifabschlüsse, sondern auch politische Differenzen. „Viele Beschäftigte fühlen sich von Verdi schlecht vertreten – vor allem in der privaten Krankenversicherung“, sagt Baier. „DGB und Verdi wollen die Abschaffung der PKV. Damit stellen sie sich gegen die Interessen von 50 000 Beschäftigten.“

Verdi-Mann Foullong lässt das nicht gelten. „Verdi plädiert für ein geregeltes Nebeneinander von GKV und PKV“, sagt er, und „für diese Position werben wir auch im DGB“. Dort aber haben die Privatkassen wenig Freunde. Im Dezember erst präsentierte der Dachverband ein neues Gutachten, das eine Bürgerversicherung fordert. Das Geschäftsmodell der PKV soll drastisch beschnitten werden. Ein Mitglied der Gutachtertruppe war Verdi-Vorstandsfrau Ellen Paschke.

Glaubt man Baier, ist das Interesse an der NAG groß. „Wir bekommen täglich neue Anmeldungen.“ Als sie und ihre Mitstreiter die NAG Mitte November gründeten, hatte die Gewerkschaft die Größe eines Kegelclubs (zwölf Mitglieder). Zwei Monate später ist die Zahl allein durch Flüsterpropaganda „dreistellig“. Dazu zählen einflussreiche Betriebsräte wie Marco Nörenberg, Chef des Gesamtbetriebsrats der Ergo Versicherungsgruppe, und Klaus Roth, Ex-Betriebsratsvorsitzender beim Krankenversicherer DKV. Insgesamt haben Beschäftigte aus zehn Unternehmen bei der NAG unterschrieben; etwa ein Drittel davon kommt von Ergo. Bis Ende 2011 soll die Mitgliederzahl vierstellig sein. Unzufriedene Verdianer ködert die NAG mit dem Angebot einer Doppelmitgliedschaft: Wer bei der NAG eintritt, muss bei Verdi nicht austreten.

Keinerlei Kooperation

In Kürze wollen sich die Kontrahenten zum ersten Mal treffen. Doch werde es „keinerlei Kooperation geben“, stellt Foullong vorsichtshalber klar. Mehr noch: Bei Aus- und Übertritten sollen die Kollegen durch „Rückkehrgespräche“ wieder auf den rechten Weg gebracht werden.

Allerdings hat die NAG laut Baier vor allem Zulauf von Kollegen, die zuvor gar nicht organisiert waren. Hält dieser Trend an, käme Verdi in arge Argumentationsnot. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad im Versicherungsgewerbe ist mit rund zehn Prozent miserabel. Jeder zusätzliche Beitragszahler könnte mithin die Schlagkraft der Gewerkschaften in der Branche stärken.

Mittelfristig will die NAG sogar dem DGB beitreten – vor allem, so lästert man bei Verdi, um in den Genuss des kostenlosen Mitglieder-Rechtsschutzes zu kommen. Allerdings gibt es da ein Problem: Verdi müsste der Aufnahme zustimmen.

Glaubt man Baier, ist das Interesse an der NAG groß. „Wir bekommen täglich neue Anmeldungen.“ Als sie und ihre Mitstreiter die NAG Mitte November gründeten, hatte die Gewerkschaft die Größe eines Kegelclubs (zwölf Mitglieder). Zwei Monate später ist die Zahl allein durch Flüsterpropaganda „dreistellig“. Dazu zählen einflussreiche Betriebsräte wie Marco Nörenberg, Chef des Gesamtbetriebsrats der Ergo Versicherungsgruppe, und Klaus Roth, Ex-Betriebsratsvorsitzender beim Krankenversicherer DKV. Insgesamt haben Beschäftigte aus zehn Unternehmen bei der NAG unterschrieben; etwa ein Drittel davon kommt von Ergo. Bis Ende 2011 soll die Mitgliederzahl vierstellig sein. Unzufriedene Verdianer ködert die NAG mit dem Angebot einer Doppelmitgliedschaft: Wer bei der NAG eintritt, muss bei Verdi nicht austreten.

In Kürze wollen sich die Kontrahenten zum ersten Mal treffen. Doch werde es „keinerlei Kooperation geben“, stellt Foullong vorsichtshalber klar. Mehr noch: Bei Aus- und Übertritten sollen die Kollegen durch „Rückkehrgespräche“ wieder auf den rechten Weg gebracht werden.

Allerdings hat die NAG laut Baier vor allem Zulauf von Kollegen, die zuvor gar nicht organisiert waren. Hält dieser Trend an, käme Verdi in arge Argumentationsnot. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad im Versicherungsgewerbe ist mit rund zehn Prozent miserabel. Jeder zusätzliche Beitragszahler könnte mithin die Schlagkraft der Gewerkschaften in der Branche stärken.

Mittelfristig will die NAG sogar dem DGB beitreten – vor allem, so lästert man bei Verdi, um in den Genuss des kostenlosen Mitglieder-Rechtsschutzes zu kommen. Allerdings gibt es da ein Problem: Verdi müsste der Aufnahme zustimmen.

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