Gewerkschafter Michael Vassiliadis: "Historisch neue Situation"

Gewerkschafter Michael Vassiliadis: "Historisch neue Situation"

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Michael Vassiliadis

von Bert Losse

Viele Arbeitnehmer befürchten, dass sie nichts vom Boom haben. Der Chef der Chemiegewerkschaft sieht hier vor allem die Politiker gefordert.

WirtschaftsWoche: Herr Vassiliadis, trotz des Booms steigen die Reallöhne in Deutschland nur wenig. Ist das der Preis, den die Arbeitnehmer für ihre persönliche Jobsicherheit zahlen?

Vassiliadis: Richtig ist: Wir erleben in Deutschland eine historisch neue Situation. Auf die schlimmste Krise der Nachkriegszeit folgt nach überraschend kurzer Zeit ein unerwartet starker Aufschwung. Solche extremen Schwankungen kann die Tarifpolitik nicht ohne Weiteres nachzeichnen.

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Und wie geht es weiter?

Angesichts der derzeitigen Entwicklung müssen die Gewerkschaften Verteilungsfragen wieder stärker in den Mittelpunkt der Tarifpolitik stellen. Der Tarifabschluss in der Chemieindustrie im März hat das getan, für die 550.000 Beschäftigten gibt es 4,1 Prozent mehr Geld, das ist ein sehr ordentlicher Zuschlag. Im Übrigen steigen die Effektivlöhne derzeit in der Wirtschaft stärker als die Tariflöhne. Unternehmen, denen es richtig gut geht, legen freiwillig was drauf.

Zum Beispiel?

Bei BASF etwa kommen die Beschäftigten 2011 einschließlich aller internen Zulagen und Beteiligungssysteme auf gut 15 Monatsgehälter. Wir haben nichts dagegen, wenn sich andere Unternehmen daran ein Beispiel nehmen. Angesichts der immer volatileren Konjunktur sollten Mitarbeiterbeteiligung und betriebliche Bonisysteme für die Beschäftigten ausgebaut werden – aber nur zusätzlich zu guten Tarifverträgen.

Trotzdem haben nicht wenige Arbeitnehmer das Gefühl, der aktuelle Aufschwung komme bei ihnen nicht wirklich im Portemonnaie an.

Das liegt in unseren Branchen nicht an den Löhnen, sondern an der Schere zwischen Brutto und Netto. Da ist die Politik gefragt, nicht die Gewerkschaft. Wir sollten auch nicht nur auf die Prozentzahlen gucken. Denn der reale Zuwachs ist natürlich abhängig von der zugrunde liegenden Lohnhöhe. In der deutschen Chemieindustrie etwa sind die Löhne so hoch wie kaum irgendwo anders in der Welt. Und wir sollten nicht vergessen, dass wir in den vergangenen Jahren viele qualitative Verbesserungen für die Beschäftigten durchgesetzt haben, die auch Geld kosten. In der Chemieindustrie gibt es mittlerweile weitreichende Regelungen etwa zur betrieblichen Altersvorsorge und zur Übernahme von Auszubildenden.

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