Gleichheitsdebatte: "Der Markt ist längst außer Kraft gesetzt"

ThemaÖkonomen

InterviewGleichheitsdebatte: "Der Markt ist längst außer Kraft gesetzt"

von Dieter Schnaas

Warum ist Ungleichheit schlecht? Welche Freiheit wollen wir? Im Interview mit Sozialphilosoph Axel Honneth suchen wir Antworten auf Fragen, die Bestseller-Ökonom Thomas Piketty offen gelassen hat.

WirtschaftsWoche: Herr Honneth, in Amerika macht ein Buch des Ökonomen Thomas Piketty Furore. Es lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Leistung lohnt sich doch nicht, weil der Reichtum der Reichen schneller wächst als die Einkommen der arbeitenden Bevölkerung. Leider steht in dem Buch nichts darüber, warum soziale Ungleichheit ein Problem ist. Können Sie uns helfen?

Axel Honneth: Wir müssen unterscheiden. Ungleichheit als solche, also die Diskrepanz zwischen niedrigen Einkommen und riesigen Vermögen, schadet der sozialen Integration. Der Blick auf leistungslos Begüterte vermittelt vielen Bürgern das Gefühl, dass die eigene Anstrengung nicht ausreichend bestätigt und anerkannt wird. Wenn sich solche Gefühle zu Lebenseinstellungen und Mentalitäten verhärten, ist das schädlich für die Gesellschaft. In einer zweiten Hinsicht ist Ungleichheit ein Problem, wenn Lebenslagen geschaffen werden, die es einigen Schlechtergestellten nahezu unmöglich machen, noch an politischen Prozessen teilzunehmen oder kulturelle Errungenschaften zu genießen. Das ist in einigen westlichen Gesellschaften erkennbar der Fall.

Anzeige

Leistung lohnt sich nicht, Aufstieg ist unmöglich - was steht mit dem meritokratischen Prinzip auf dem Spiel?

Eine der großen Legitimationsgrundlagen moderner Gesellschaften. Schließlich war das Bürgertum im 18. Jahrhundert angetreten, die Reichtumsbildung von der Herkunft zu entkoppeln und abhängig zu machen von der individuellen Leistung. Seither gehört das meritokratische Prinzip zu den Grundpfeilern unserer Sozialordnung. Wenn nun laufend neue Nachweise dafür erbracht werden, dass es verletzt wird und dass seine Verletzung begründete, auf einem gesunden Gerechtigkeitssinn basierende Stimmungen des Neides und der Empörung hervorruft, dann scheint mir das auf eine Sozialkrise hinzudeuten.

Sozialkrise? Heute? Vor 150 Jahren hatten Schlechtergestellte Hunger. Heute Anspruch auf 750 Euro im Monat.

Die Erfahrung von Ungleichheit kennt weder historische noch absolute Maßstäbe. Es geht immer um relative Deprivation, um Ungleichheit im Vergleich zu den Bessergestellten in einer Sozialgemeinschaft.

Tauchsieder Thomas Pikettys strittige Kapitalismus-Formel

Der Ökonom Thomas Piketty hat ein Buch geschrieben, das die Branche elektrisiert und politischen Sprengstoff birgt: Ist das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit, eine Revolution oder nur kalter Kaffee?

Thomas Pikettys Buch wirft die Frage auf, ob Kapitalismus und Demokratie gemeinsam funktionieren können. Quelle: dpa/Montage

Ist die Ungleichheit des Bessergestellten Bill Gates ein Problem? Die eines Öl-Oligarchen? Oder sind beide Ungleichheiten gleichermaßen problematisch?

Beide sind problematisch, wenn auch nicht gleichermaßen. Mancher Reichtum verdankt sich dubiosen Quellen, ist moralisch verwerflich. So etwas hat es immer gegeben; so etwas wird es immer geben. Philosophisch interessanter ist der Fall von Bill Gates. Er verdankt die Masse seines Reichtums gesellschaftlichen Voraussetzungen, die wir alle - die amerikanischen Bürger - geschaffen haben. Ein Verdienst aber, der auf der Basis gemeinsamer Errungenschaften erworben wird und solche Maße annimmt, ist problematisch.

In den USA und Europa erzählt man sich noch immer gerne die Geschichte seiner liberaldemokratischen Marktwirtschaften, die ganz anders seien als die autokratischen Kapitalismen in China oder Singapur.

In solchen Selbstanpreisungen steckt viel Ideologie. Die demokratische Willensbildung und ihre Umsetzung in staatliche Entscheidungen ist längst nicht mehr so gut geschützt gegenüber externen Einflussnahmen wie noch vor 50, 60 Jahren. Ich habe im Gegenteil den Eindruck, dass unser ökonomisches Modell von autokratischen Systemen so weit nicht mehr entfernt ist. Sowohl mächtige Banken als auch internationale Konzerne haben inzwischen beängstigend viel Veto-Macht gegen staatliche Entscheidungen. Sie lassen sich von Staaten und Steuerzahlern retten, entziehen sich aber zugleich der Steuererhebung in den Ländern, in denen sie wirtschaften und rekrutieren ihre Arbeitskräfte dort, wo sie am billigsten sind... das alles sind alarmierende Zeichen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%