
Als der promovierte Maschinenbauingenieur Klaus Stadler* 1995 bei Hoechst in Frankfurt anheuerte, gratulierten ihm die stolzen Eltern zur Lebensstellung. Von den Turbulenzen, in die er durch die Zerschlagung des Konzerns hineingeraten würde, ahnte er damals nichts. In den folgenden elf Jahren erlebte Stadler acht verschiedene Organisationsstrukturen und Geschäftsleitungen. Er musste mit ansehen, wie Mitarbeiter entlassen wurden, war selbst auch immer wieder von Kündigung bedroht. Mit jeder Umorganisation musste er wieder von vorn anfangen, musste sich neu beweisen, neu positionieren. „Unglaublich, was das Zeit und Energie gekostet hat“, sagt er. Arbeitstage von 12 bis 14 Stunden wurden die Regel. Heute pendelt Stadler zwischen zwei Wohnorten, führt eine Wochenendbeziehung und will deshalb keine Kinder. Aber seinen Job, den hat er noch. Auch für hoch Qualifizierte verlaufen die Karrieren in Deutschland heute viel holpriger als früher. Vorbei die Zeiten, als man nach dem Studium bei der Deutschen Bank oder bei Siemens einen Job annahm und gleich am nächsten Tag mit der Bank die Finanzierung des Eigenheims regeln konnte – weil der Job sicher und die Gehaltssteigerung vorhersehbar war. Heute macht sich in der Mitte der Gesellschaft Verunsicherung breit: Nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung machen die gesellschaftlichen Umwälzungen 63 Prozent der Befragten Angst, 49 Prozent fürchten um ihren Lebensstandard und 46 Prozent empfinden ihr Leben als ständigen Kampf. „Die Angst kriecht die Bürotürme hoch“, sagt Stefan Hradil von der Universität Mainz. Kein Zweifel: Der Druck der Globalisierung hat nun auch die deutsche Mittelschicht erreicht. Während früher vor allem einfache Industriejobs von der Verlagerung in Billiglohnländer betroffen waren, werden im Zeitalter des Internets zunehmend auch höher qualifizierte Tätigkeiten in Verwaltung oder Forschung und Entwicklung an billigere Standorte verlegt. Und die Jobs, die hier bleiben, werden permanent auf Kosten und Effizienz überprüft. Ökonomisch ein sinnvoller Prozess, weil er den Konsumenten bessere und billigere Produkte beschert. Doch für die betroffenen Arbeitnehmer wird die Arbeitswelt zunehmend unsicherer und unberechenbarer. Richtig zum Problem aber wird das erst, weil sich die deutsche Politik bisher unfähig zeigt, die Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt so zu gestalten, dass der größeren Unsicherheit für die meisten Arbeitnehmer auch größere Chancen gegenüberstehen. Weil die Politik Strukturreformen scheut, nehmen die Kosten des Sozialstaats zu, zu dessen Finanzierung der Fiskus vor allem die Mittelschicht schröpft. Im Zangengriff von Globalisierung, Steuerstaat und Reformstau wachsen Unmut und Politikverdrossenheit. Schon kursieren Befürchtungen, Deutschland könnten seine Mittelschichten ganz abhandenkommen. Ein neues Bild der Sozialstruktur macht die Runde: Waren die Einkommensgruppen früher wie eine Zwiebel geschichtet, mit dicker Mitte und schmalen Enden, wandelt sich das Bild zur Sanduhr: Eine große Unterschicht und eine wachsende Oberschicht, die Mitte dünnt aus, der Sand rieselt nach unten. Empirisch gesehen ist das Ganze bisher noch mehr kollektives Unbehagen als objektive Tatsache. Die Zahlen zeigen nur eine schwache Tendenz zur Sanduhr-Gesellschaft, die Anteile der relativen Einkommenspositionen blieben in den vergangenen 15 Jahren ziemlich stabil. Zwar nahm der Anteil der Wohlhabenden seit 1991 leicht zu, auch stieg die Armutsquote von 9,3 auf 10,6 Prozent. Aber der Anteil derer, die knapp unterdurchschnittliche oder mittlere bis gehobene Einkommen verdienen, blieb über die Jahre mit rund 53 Prozent konstant.
Doch die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Mittelschichten verändern sich grundlegend. So ist das Armutsrisiko der Hochschulabgänger zwar nach wie vor deutlich niedriger als bei anderen Bildungsabschlüssen. Es hat sich aber seit 1997 von 2,3 Prozent auf 5,2 Prozent mehr als verdoppelt. Auch die Zahl überschuldeter Haushalte hat sich gegenüber 1993 laut Schuldenreport der Verbraucherzentrale auf mehr als drei Millionen verdoppelt. Während es in Ostdeutschland überwiegend Arbeitslose trifft, sind es im Westen, so der Bericht, „vorrangig erwerbstätige mittlere Einkommensgruppen“. Für viele von ihnen ist auch der Traum vom Eigenheim geplatzt. So hat sich die Zahl der Zwangsversteigerungen von Immobilien seit 1995 fast vervierfacht. „Davon ist immer häufiger auch die Mittelschicht betroffen“, sagt Winfried Aufterbeck, Chef des Argetra-Fachverlags, der die Statistik erhebt. Und die Umstrukturierungen, die insbesondere die Mittelschicht betreffen, sind noch lange nicht zum Abschluss gekommen. Das bekommen zum Beispiel mehrere Hundert Beschäftigte von Unilever zu spüren, deren Arbeitsplätze, rund 60 davon in Hamburg, nach Osteuropa verschwinden. Der Lebensmittelkonzern lagert seinen europaweiten IT-Service und die weltweite Personalverwaltung an den Dienstleister Accenture aus, seine europäische Finanzbuchhaltung an IBM. Die Personalverwaltung für Unilever wird dann in Bukarest, die Finanzbuchhaltung in Prag erledigt. Das Offshoring-Potenzial ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft: In den nächsten 10 bis 15 Jahren, schätzt die Unternehmensberatung A.T. Kearney, dürften mehr als 100.000 Verwaltungsjobs in deutschen Unternehmen wegfallen. Das Volumen der ausgelagerten Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten, so die Berater von Booz Allen Hamilton, könnte sich bis 2020 sogar auf mehr als 150 Milliarden Dollar verzehnfachen (WirtschaftsWoche 48/2006). So dürfte das Gerangel um die knapper werdenden Aufstiegschancen weiter zunehmen – und auch die Gefahr, aussortiert zu werden. „Im Zweifelsfall nützt es nichts, gut ausgebildet und dynamisch zu sein“, sagt Heinz Bude von der Universität Kassel: „Schnell hat man aufs falsche Pferd gesetzt und gerät ins Hintertreffen.“ Die Verunsicherung der Mittelschicht hat weitreichende Folgen. Ein Haus kaufen, so wie früher die Eltern? „Für mich kein Thema“, sagt Gert Wörle*. Der 38-jährige Historiker hat seit dem Abitur nie länger als drei Jahre in der gleichen Stadt gewohnt. Als sein vorletzter Job in Frankfurt gekündigt wurde, war er froh, endlich einmal etwas in der gleichen Stadt zu finden – um dann ein Jahr später mit dem Unternehmen nach Berlin umzuziehen. Seine damalige Beziehung ging darüber zu Bruch. „Dieses ewige Nomadentum macht einen zum Dauersingle“, schimpft er. Damit liegt Wörle im Trend, sagt Soziologe Bude: „Nicht nur die Berufssituationen werden immer prekärer, sondern auch die Partnerschaften. Der Hort der Familie als Stabilitätsanker ist nicht mehr verfügbar.“ Paare, die trotz häufiger Ortswechsel und holpriger Karrieren zusammenbleiben, haben deshalb noch lange keine Kinder. Dafür ist nie die richtige Zeit, wenn die berufliche Situation permanent unsicher ist. Frauen, die sich trotzdem dafür entscheiden, aber im Job den Anschluss nicht verlieren wollen, stehen gleich vor der nächsten Schwierigkeit: Weil man ja mobil ist und die Großeltern oft weit weg sind, gilt es, eine passende Kindertagesstätte zu finden. Lange Wartelisten sind die Regel, eine Chance hat nur, wer sich frühzeitig anmeldet. „Da wirst du wie ein Bittsteller behandelt“, schimpft eine Siemens-Mitarbeiterin in München.













