Görlachs Gedanken: Die absurde Zukunftsangst der Deutschen

kolumneGörlachs Gedanken: Die absurde Zukunftsangst der Deutschen

Kolumne

Nehmen Roboter Arbeitsplätze weg? Selbstverständlich, das bringt der technologische Fortschritt eben mit sich. Doch die omnipräsente Zukunftsangst ist keine Lösung.

Sonntagabend: Bei Anne Will wird über Roboter und Künstliche Intelligenz diskutiert - und dabei tritt großes Elend zu Tage. Die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust wird geschürt. Ein Psychiater erklärt, warum digitale Medien für Kinder schlecht und daher dringend zu verbieten seien. Internet-Aktivist Sascha Lobo und FDP-Chef Christian Lindner argumentieren dagegen. Deren Tenor ist, dass man Wandel gestalten solle und nicht durch Dämonisierung des Neuen eine Art Vakuum schaffe, in dem der Ruf nach Wandel nicht mehr hörbar sein würde.

Alexander Görlach ist Affiliate der Harvard University. Quelle: Lars Mensel / The European

Alexander Görlach ist Affiliate der Harvard University, wo er im Government Department zum Konzept des Abendlands arbeitet. Er ist ferner Senior Fellow des Carnegie Council for Ethics in International Affairs, Kommentator für die New York Times und Herausgeber des Online-Magazins www.saveliberaldemocracy.com.

Photo Credit: David Elmes, Harvard University

Bild: Lars Mensel / The European


Zur selben Zeit bereitet sich der EU-Digitalkommissar Günther Oettinger auf die Amtsübernahme im Haushaltsressort vor. Der schwäbische Politik war zuletzt unangenehm aufgefallen durch Forderungen, die seinen aktuellen Aufgabenbereich, die digitale Wirtschaft, quasi über Nacht verschwinden lassen würde: Das Verschicken von Links, den Bausteinen des World Wide Web, solle nicht mehr möglich sein. Die Agenda des Digital-Politikers sieht ohnehin so aus, als hätten die Vorstandschefs der deutschen Zeitungsverlage sie gemalt. Diesen liegt der digitale Wandel, wie manch anderer Branche auch, schwer im Magen. Die Politik soll es richten und wenn man den Wandel schon nicht aufhalten kann, dann will man ihn wenigste torpedieren und solang nach hinten rausschieben wie es nur irgend möglich ist.

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Hilfe, ein Roboter klaut meinen Job!

  • Bedrohte Jobs

    Dass die Zeichen der Zukunft auf digital stehen - geschenkt. Doch ein Journalist der britisch-amerikanischen Webseite Mashable hat darüber einen Artikel veröffentlicht, welche Jobs schon im nächsten Jahr von Robotern ersetzt werden könnten. Das Ergebnis ist überraschend: Ein Blick in die Gegenwart zeigt, dass die Zukunft oft schon da ist.

  • Reinigungskraft

    Sie heißen Scooba 230 oder Braava 380: Roboter, die selbstständig den Boden saugen oder wischen, gibt es schon seit ein paar Jahren. Aber bei aufwendigen Reinigungen, wie zum Beispiel das Entfernen von Bakterien und Keime, war der Mensch bislang unersetzbar. Doch das ändert sich zunehmend. In einem kalifornischen Krankenhaus ist bereits ein Putzroboter im Einsatz, der gezielt zur Bekämpfung von Keimen programmiert wurde. Mithilfe von UV-Licht befreit er das Hospital von Bakterien und Schimmel.

  • Lehrer

    Ob E-Learning oder Moocs: Die größten Bildungstrends der letzten Jahre fanden nicht in den Klassenräumen statt, sondern im Internet. Doch dass der Beruf des Lehrers aussterben könnte – daran haben bislang nur die wenigsten gedacht. In einer Schule im US-amerikanischen Connecticut, lernen Kindern mit Robotern – und das sehr erfolgreich. Zwar kann der Roboter noch keinen Lehrer ersetzen, aber er bringt immerhin die Qualifizierung eines Lehr-Assistenten mit.

  • Sportler

    Der vierfache Weltfußballer Lionel Messi kann ihn nicht bezwingen. Drei Mal nimmt er Anlauf und schießt mit voller Wucht auf das Tor – doch der Torwart hält den Ball. Jedes Mal. Doch nicht Manuel Neuer, Iker Casillas oder Gianluigi Buffont bewachen das Netz, sondern ein sonderlich grinsender Roboter. Jetzt arbeiten japanische Wissenschaftler an einem Roboter, der neben dem Fangen auch Werfen, Rennen und sich richtig positionieren kann. Das wäre dann der erste Roboter, der in der Lage wäre, in einer Mannschaft mit anderen Menschen zu spielen.

  • Pfleger

    Kranke zu pflegen kann nicht nur psychisch belastend sein, sondern auch körperlich. Etwa um den Patienten aufzuhelfen, sich umzudrehen oder umzubetten. In einem Krankenhaus in Singapur erledigt das nun ein Roboter. Das wohl intelligenteste Bett der Welt unterstützt den Patienten bei den Bewegungen und schätzt selbstständig die Geschwindigkeit ein.

  • Verkäufer

    Wer im US-amerikanischen San Jose den Orchard Supply Hardware Store betritt, wird von einer rollenden weißen Säule namens OSHbot begrüßt. Der Roboter hat ein kleines Display mit integrierter Kamera, in das die Kunden ihre Wünsche äußern können. Zum Beispiel, indem sie eine bestimmte Schraube vor die Kamera halten. OShbot identifiziert die Schraube und führt den Kunden dann direkt zum entsprechenden Regal. Auch über die Lagerbestände weiß er zu jeder Zeit Bescheid.

    Ein Video von Oshbot: http://www.mercurynews.com/business/ci_26815593/robots-helping-customers-at-san-jose-orchard-supply

  • Concierge

    In einem Hotel in der US-amerikanischen Stadt Cupertino, mitten im Tech-Paradies Silicon Valley gelegen, begleitet ein Roboter namens SaviOne, die Gäste des Drei-Sterne-Hotels Aloft in ihre Zimmer. In diesem Jahr befand sich das Projekt noch in der Testphase, ab 2015 soll eine kleine Armee von Robotern die Gäste der Starwood-Hotelkette, zu der auch das Aloft gehört, glücklich machen.

  • Schauspieler

    Schauspieler müssen sich jede Rolle hart erkämpfen, bei so gut wie jedem Casting ist die Konkurrenz groß. Und künftig wird sie noch größer. In diesem Jahr wurde eine Rolle in der Theateraufführung von Franz Kafkas „Die Verwandlung“ von einem Roboter gespielt. Gregor Samsa, der sich eines Morgens in ein Ungeziefer verwandelt sieht, wacht in der neuen Interpretation als Roboter auf.

    Video: http://www.newsplay.de/video/Newsplay/International/video-Theater-Experiment-Roboter-spielt-Kafka-wissenschaft-technik-forschung-Frankreich-804828.html

  • Pilot

    In einem Flugzeug ist schon viel automatisiert – doch so ganz ohne Piloten aus Fleisch und Blut ging es bislang nicht. Das will das Advance Institute of Science and Technology in Südkorea ändern. Pibot ist ein Roboter mit Armen, Beinen und einem Kopf. Und soll ein Flugzeug durch schwierige Manöver fliegen. Im nächsten Jahr wird das wahrscheinlich noch nicht möglich sein, zumindest nicht im normalen Passagierverkehr. Aber Pibots Zeit wird kommen, und wahrscheinlich schneller als heute gedacht.


Klar ist, dass Deutschland und Europa mit dieser Geisteshaltung in der Welt von morgen nicht weiter werden bestehen können. Das europäische Zeitalter neigt sich einem Ende zu, wenn seine Protagonisten in Brüssel und den Hauptstädten der Union die Einstellung eines Günther Oettinger an den Tag legen. Der Wohlstand Deutschlands beruht auf Vorreitertum in Sachen Technologie. Der Status Quo ist herausgefordert durch den digitalen Wandel: neue Akteure können neu erworbenes Wissen nutzen, um sich vor die Giganten von einst zu setzen und sie zu schlagen. In der Alten Welt herrscht Protektionismus, der das Gewachsene vor den Einfällen des Neuen und Innovativen beschützen soll.

Digitale Dienstboten Wie digitale Dienstboten uns den Alltag erleichtern

Roboter verkaufen Kaffeemaschinen, bringen Frühstück aufs Hotelzimmer, tragen den Müll nach unten – und das ist erst der Anfang. Ein Ausflug in die Welt der hilfreichen Maschinen.

Roboter übernehmen unliebsame Aufgaben Quelle: Getty Images


Die Diskussion ist, das war bei Anne Will zu besichtigen, vor allem von Angst geprägt. Die Frage, ob Roboter Arbeitsplätze wegnehmen, ist ohnehin schon falsch, weil reißerisch gestellt. Das Automobil hat die Kutsche und das Pferd ersetzt. Ob da Arbeitsplätze weggebrochen sind. Sicher. Sind neue entstanden? Ja. Nun kann man hier aus der Geschichte lernen und versuchen, genau wie Lobo und Lindner sagen, diesen Wandel durch exzellentes Verstehen zu gestalten. Wie ist es um dieses Ringen um Verstehen bestellt? Nun, in vielen Fällen, in denen in Medien über Künstliche Intelligenz und Roboter gesprochen wird, zeigt die Bildauswahl Arnold Schwarzenegger in seiner Rolle als Terminator, eines Bud Spencer aus Blech mit Stimmungsschwankungen. Passend zur Haltung Günther Oettingers trägt der Untergang Europas das Gesicht Arnold Schwarzenegger. Wenn es um Roboter geht, dann kann doch der Bezugsrahmen für die gesellschaftliche Debatte nicht eine Aktionfilmreihe aus Hollywood sein.

Intelligente Technik 45 Prozent würden Roboter-Chef akzeptieren

Bots, künstliche Intelligenz, Roboter: Wenn man US-Unternehmen glaubt, gehört die Zukunft den Maschinen. Schon jetzt lohnt sich der Einsatz smarter Technologien. Vom Roboter-Boss sind wir aber noch weit entfernt.

Industrie 4.0 in Made in Germany Quelle: dpa


Als Anne Will Christian Lindner vorstellte, da durfte natürlich nicht der Hinweis darauf fehlen, dass er einmal ein Start-Up gegründet hat, was nicht zu einem großen Erfolg wurde. Auch wenn Frau Will meint, dass man auch einmal scheitern dürfe, zeigt die einfache Erwähnung ohne zwingenden Zusammenhang, dass man sich genau das eben in Deutschland immer noch nicht leisten kann. Unternehmerisches Wagnis wird so zum Stigma erklärt. Das ist ebenfalls ein Kennzeichnen verängstigter Gesellschaften. Deutschland wird, wenn die Sendung von Anne Will hier das tatsächliche Diskursniveau des Landes spiegelt, die anstehende Aufgabe nicht meistern können. Im Moment stellt uns kein Roboter ein Bein, sondern wir stellen es uns selber.

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