Götz Aly im Interview: "Knall der Generationen"

Götz Aly im Interview: "Knall der Generationen"

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Götz Aly, 60, studierte von 1969 bis 1971 Politologie und Geschichte in Berlin. Bekannt wurde er durch sein Buch "Hitlers Volksstaat". Jetzt erschein "Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück"

Der Historiker Götz Aly über die Krise von ’68 und das glückliche Scheitern der Studentenrevolte.

WirtschaftsWoche: Herr Aly, in Ihrem neuen Buch „Unser Kampf“ verfolgen Sie Analogien zwischen dem Aufkommen des Nationalsozialismus und der 68er-Generation. Wo sehen Sie Parallelen?

Aly: Die Studentenbewegung in Deutschland wurde in ihren Ausdrucksformen über die Generation der Eltern vom Nationalsozialismus geprägt. Nehmen Sie die Machtergreifungsfantasien eines Rudi Dutschke oder den Personenkult, den die Revolte gepflegt hat, ihre Fixierung auf starke Führerpersönlichkeiten…

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Aber die Studentenbewegung hatte doch ein Janusgesicht. Sie war stets beides: totalitär und antiautoritär, gewaltbereit und pazifistisch.

Sicher, aber das gilt ebenso für die nationalsozialistische Studentenbewegung von 1926 bis 1933. Das waren junge Leute, die im Geist der Jugendbewegung gegen Konventionen gekämpft und Professoren von ihrem Podest gehoben haben. Neu war allenfalls, dass die 68er-Studenten es sich leisten konnten, zu studieren und gleichzeitig Revolution zu spielen, ohne ein klares Berufsziel zu verfolgen. Wir lebten im Gefühl vollständiger Gesichertheit und Versichertheit. Man zählte sich zur Elite – und gönnte sich den Aufstand.

Was war das wichtigste Motiv für die Revolte?

Der unausgetragene, latent schwelende Konflikt mit den Eltern. Die allermeisten waren im Nationalsozialismus keine Verbrecher, aber Profiteure und Stützen des Systems gewesen; sie kamen als Geschlagene und Verwundete aus dem Krieg zurück – und waren unfähig zum Dialog mit ihren Kindern. Sie waren autoritär und hatten alle Autorität eingebüßt. Das hat zum Knall zwischen den Generationen geführt.

Hatten sich die Studenten den falschen Gegner ausgesucht?

Ganz sicher, die Aufklärung über Au-schwitz lief, auch die NS-Prozesse waren ja längst im Gang. Das Problem war, dass die Elterngeneration schwieg. Die Familien haben damals das kritische und selbstkritische Reden über die NS-Zeit nicht ertragen; das galt nach zaghaften Versuchen auch für die revoltierenden Kinder. Insofern steht „1968“ nicht für den Aufbruch einer Generation, sondern für das kollektive Ausweichen vor einem gesellschaftlichen Konflikt. Wenn so viel, so massenhafte Gewalt von Deutschland ausgegangen und auf das Land zurückgefallen war, musste sich ein seelischer Druck aufbauen, eine zunächst diffuse Destruktivität, die 1968 zur Explosion drängte. 

Dann war 1968 also ein Aufstand aus Schwäche: eine schwache Jugendgeneration traf auf schwache Eltern und einen gutmütigen Staat?

Unbedingt. Leute wie Kiesinger waren schwach, weil sie sich als frühere NSDAP-Mitglieder schuldig fühlten. Er versuchte den Volkszorn, der sich gegen die roten Studenten erhob, zurückzudrängen, er suchte den Dialog – und wurde von den radikalisierten Studenten zurückgewiesen.

Woher kam der plötzliche Umschlag von Unterstützung der Demokratie zu deren Ablehnung?

In der Tat zeigten alle demoskopischen Umfragen, dass die Studenten ein sehr viel positiveres Bild von der neuen Demokratie hatten als ihre Eltern. Doch wandelten sie sich in der Revolte vielfach zu Antiliberalen, zu Antidemokraten, zu autoritären Utopisten. Sie flüchteten in den Internationalismus, verwandelten den nationalsozialistischen Terror in einen allgemeinen „Faschismus“, den sie „im Herzen des Imperialismus“, vorzugsweise in Washington, vermuteten und bekämpfen wollten, aber nicht in der eigenen Familie und Nachbarschaft. Damit reduzierten sie die Frage nach der Schuld an den nationalsozialistischen Verbrechen: Wer das Monopolkapital in den Mittelpunkt seines Faschismus-Verständnisses stellt, spricht den Rest frei.

Hat die deutsche Studentenbewegung die mangelnde Akzeptanz des Kapitalismus und des unternehmerischen Erfolgs gefördert?

Wenn Deutsche geschichtlich an etwas leiden, dann ist es das merkwürdige Verhältnis, das sie zu den Prinzipien der Französischen Revolution pflegen. Den Begriff Freiheit schreiben wir Deutsche relativ klein, den der Gleichheit relativ groß. Gleichheit im Sinne der Französischen Revolution meint die Gleichheit des Bürgers vor dem Gesetz; wenn wir Deutsche jedoch von Gleichheit reden, meinen wir materielle Gerechtigkeit. Noch in ihren späteren Verzweigungen opferte auch die 68er-Bewegung die Ideen der Freiheit auf den Altären der Gleichheit.

Insofern halten Sie nicht nur den Stolz der 68er auf ihre Kulturrevolution für eine Übertreibung, sondern auch die Fixierung der Kritiker auf die 68er, die an allem schuld seien?

Die Vorstellung, dass maximal 200.000 wild gewordene Studenten in einem Land mit 60 Millionen Einwohnern alle Werte der Gesellschaft aushebeln könnten, ist absurd. Wenn sie das wirklich geschafft hätten, dann hat es diese Werte nicht wirklich gegeben. 1968 steht für eine Werteunsicherheit – gewiss. Aber es war eine Werte-unsicherheit fast aller.

Was bleibt von den 68ern?

Ich finde, dass man die 68er-Revolte endlich historisch einordnen und dann auch die Debatte beenden sollte. Die Reformen der Großen Koalition von 1966 bis 1969 und der sozialliberalen Koalitionen veränderten das Gesicht des Landes nachhaltig; die Ideen der Studentenbewegung sind glücklich gescheitert.

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