Greenpeace-Chef Gerd Leipold: "Unternehmen müssen Angst vor uns haben"

Greenpeace-Chef Gerd Leipold: "Unternehmen müssen Angst vor uns haben"

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International Executive Director Gerd Leipold of Greenpeace presents the organisation's Annual Report at a press conference in central London, Thursday August 16, 2001. The report marks the 30th anniversary of the campaigning environmental organisation. (AP Photo/Bridget Jones)

Greenpeace-Chef Gerd Leipold über Schwächen seiner Organisation beim Klimaschutz, Strategien gegen Konzerne und den Respekt vor grünen Managern.

WirtschaftsWoche: Herr Leipold, der Klimawandel schreitet schneller voran, als die größten Pessimisten angenommen hatten. Warum ist Greenpeace nicht auf den Barrikaden?

Leipold: Greenpeace ist sehr aktiv, zuletzt war das im Frankfurter Bankenviertel zu sehen. Der Schutz des Klimas ist unsere wichtigste Kampagne. Es geht um die Frage, wie wir zu Lösungen kommen. Wir setzen an vielen Stellen an, bei den Vorverhandlungen zur Klimakonferenz, bei Autoherstellern, bei den Entscheidungen zur Energiepolitik. Aber die Zeit drängt für das Klima, Protest allein reicht nicht mehr. Wir versuchen klarzumachen, dass der Weg aus der Wirtschaftskrise nur gelingt, wenn der Klimawandel aufgehalten wird. Beides lässt sich nur zusammen lösen.

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Lösungen? Das klingt nach langweiligen Studien. Haben sich die frechen Proteste erübrigt?

Keineswegs. Manche Unternehmen müssen Angst vor uns haben. Es ist unsere klassische Rolle, mit spektakulären Aktionen auf Probleme hinzuweisen. Das werden wir nicht aufgeben. Vor allem nicht in Ländern, wo das Problembewusstsein der Öffentlichkeit nicht so entwickelt ist wie bei uns, zum Beispiel in Asien, Lateinamerika und Afrika. Dort haben wir in den letzten Jahren massiv in den Aufbau von Greenpeace-Organisationen investiert. In den westlichen Industrienationen, wo die Umweltbewegung gut etabliert ist, werden wir verstärkt konkrete Lösungen entwickeln.

Woran denken Sie?

Zum Beispiel an den Schutz der Regenwälder, damit könnte man schon mal konkret anfangen. Deren Vernichtung trägt rund 20 Prozent zum weltweiten CO2-Ausstoß bei. Wird der Wald erhalten, dient das dem Klima, den Menschen, die dort wohnen. Wir erhalten auch viele Tier- und Pflanzenarten, darunter viele mögliche Arzneipflanzen. Die reichen Länder könnten die armen Länder dafür bezahlen, dass sie nicht abholzen, das wäre, verglichen mit anderen Maßnahmen, ein günstiger Klimaschutz. Und es wäre nur gerecht, denn die reichen G8-Staaten sind für 43 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich. Angesichts der Billion Euro, mit der das weltweite Finanzsystem stabilisiert werden soll, und der dreistelligen Milliarden-beträge, mit denen derzeit die Löcher bei den Banken gestopft werden, sind weltweit 10 oder 20 Milliarden Euro für ein solches Waldschutzprogramm schon fast Peanuts, um in der Sprache der Banken zu bleiben.

Der Klimawandel ist womöglich das größte Umweltproblem aller Zeiten. Ist das nicht eine Steilvorlage für Greenpeace?

Ja und nein. Der Klimawandel ist ein Megathema in der Öffentlichkeit. Das Thema entwickelt sich rasant, man muss schnell sein, damit man die Vorlagen erlaufen kann. Das ist gut so, und es bringt Aufmerksamkeit für unsere Positionen. Andererseits ist der Klimawandel ein Thema, das sich recht schwer fassen und vermitteln lässt. Das Thema ist komplex, oft liegen Ursache und Wirkung räumlich und zeitlich weit auseinander. Früher haben wir gegen die Verschmutzung von Flüssen gekämpft. Ein Foto von einem Abwasserrohr eines Chemieriesen erzählte im Prinzip die ganze Geschichte. Beim Klimaschutz werden Sie so ein Bild vergeblich suchen. Anders als beim Abwasserrohr ist hier nicht sofort einsichtig, wer eigentlich die Hauptschuldigen sind. Die Kraftwerkbetreiber? Die Autofahrer? Die USA? Oder doch eher China?

Sie haben vor einigen Wochen verkündet, dass Greenpeace künftig wieder stärker Unternehmen attackieren will. Welche Firmen müssen sich warm anziehen?

Es gibt Unternehmen wie Esso, die nichts gelernt haben, die auf Teufel komm raus Geld verdienen wollen. Solche Unternehmen müssen natürlich damit rechnen, ins Fadenkreuz von Greenpeace zu geraten. Es gibt andere Unternehmen, die zwar grün aussehen wollen, aber nicht wirklich viel dafür tun, auch sie müssen natürlich mit unserer Kritik leben. Ich will aber auch sagen, dass es aus unserer Sicht auch Unternehmen gibt, die es sehr ernst meinen mit dem Klimaschutz. Ich treffe häufig Chefs von Unternehmen, die mit großem Elan den Klimaschutz in ihr Unternehmen einbauen. Das klassische Bild, also hier die böse Wirtschaft, dort die guten Nichtregierungsorganisationen, das gilt heute sicher nicht mehr.

Das sind aber sehr versöhnliche Töne für einen Greenpeace-Chef.

Wir orientieren uns an der Realität, nicht an einer Ideologie. Wir können aber nach wie vor sehr unangenehm werden. Denn leider reagieren Unternehmen oft erst, wenn man sie richtig massiv angeht.

Auch in Krisenzeiten kennen Sie keine Gnade?

Nein. Gerade in Krisenzeiten muss man die richtigen Zukunftsentscheidungen treffen. Allerdings ist der Protest kein Selbstzweck. Wer mit uns konstruktiv reden will, der findet bei uns ein offenes Ohr. Manche unserer größten Kampagnen-Erfolge haben damit zu tun, dass wir in Gesprächen Unternehmen überzeugen konnten und dann unter Ausnutzung ihrer Marktmacht viel verändert haben. Wissen Sie, wir lehnen uns auch gerne zurück und schauen zu, wenn der Markt die Probleme schnell und wirksam löst. Leider ist das immer noch eher die Ausnahme.

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