KommentarGrüne: Das Prinzip Hoffnung

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WirtschaftsWoche-Redakteurin Stefanie Augter

Die Party war von kurzer Dauer. Genau genommen: Nur wenige Sekunden lang. Von einer Hochrechnung zur nächsten – von CDU zu SPD – kippte die Stimmung im Berliner Postbahnhof. Ein Kommentar von Stefanie Augter aus Berlin.

In dem alten Backsteinbau wird normalerweise gerockt – und genau das hatten die Grünen bei ihrer Wahlparty auch vor. Doch auf die laute Schadenfreude beim schlechten CDU-Ergebnis folgte umso lauteres Stöhnen. Das Desaster der SPD machte alle grünen Hoffnungen auf Regierungsfreuden mit einem Schlag zunichte. 

Drittstärkste Kraft wollten die Grünen werden – und Schwarz-Gelb verhindern. Diese beiden Ziele hat die Öko-Partei bei der Bundestagswahl definitiv nicht erreicht. Spitzenkandidatin Renate Künast freut sich trotzdem über das „beste Wahlergebnis, das die Grünen in ihrer Geschichte jemals hatten." Zehn Prozent, ein zweistelliges Ergebnis, so stark wie nie und doch letzter Platz - nach der Linken. Das ist hart. Da tröstet es wenig, dass die Grünen vor dem Fischer-Ergebnis von 8,1 Prozent vor vier Jahren liegen.

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Die Spitzenkandidaten von Quelle: dpa

Die Spitzenkandidaten von "Bündnis 90/Die Grünen", Renate Künast und Jürgen Trittin

Bild: dpa

Spitzenmann Jürgen Trittin zeigte sich stolz auf seine Partei – und ziemlich sauer auf den Wunschpartner. "Wir haben grandios zugelegt, aber wir konnten nicht das ausgleichen, was andere katastrophal verloren haben." Es ist klar, wen er damit meinte: die SPD. Immerhin, eine schwarz-gelbe Regierung sei gut für die Stimmung in seiner eigenen Partei, fügte er am Rande grinsend hinzu. Es sei schließlich immer gut, ein klares Feindbild zu haben. Die Grünen geben sich selbstbewusst. Ablenken von dem eigenen Ergebnis, scheint die Devise.

Trotzdem: Der Weg der Grünen führt erst einmal in die Opposition. Trittin stimmte seine Anhänger auf einen harten Kurs ein: "Wir werden die Schwarzen und die Gelben vor uns hertreiben." Gegen die "Radioaktiven", wie er die Liberalen mit ihrer Atompolitik schimpft. Auch Parteichef Cem Özdemir schwor die Anhänger auf die Zukunft ein – und hat ein Ziel: 2013 rein in die Regierung. Der Berliner Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann hat schon eine Idee, wie die Grünen das schaffen könnten: "Die Ausschließeritis muss ein Ende haben".

Wirklich überraschend ist das Ergebnis der Grünen nicht. Denn die einzig reale Machtoption, die Ampel, an die sie sich bis zuletzt geklammert hatten, war durch die strikte Absage der FDP ziemlich obsolet geworden. Vergnügungssteuerpflichtig wäre eine solche rot-gelb-grüne Dreierveranstaltung ohnehin nicht geworden. Man hätte der FDP einen hohen Preis zahlen müssen und gehörig grüne Federn gelassen. In der Opposition regiert bei den Grünen nun das Prinzip Hoffnung. Auf eine rot-rot-grüne Perspektive. In vier Jahren - oder auch früher.

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