Grüne: Neuer Parteichef: Ober-Öko Özdemir

Grüne: Neuer Parteichef: Ober-Öko Özdemir

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Cem Özdemir: neuer Chef bei den Grünen

Der anatolische Schwabe hat’s geschafft: Cem Özdemir ist Parteichef der Grünen und damit Deutschlands erster Politiker aus einer Zuwandererfamilie in einem solchen Amt. Der Integrationsbeweis aus Fleisch und Blut soll künftig die Öko-Partei verkörpern – keine leichte Aufgabe, wie der Parteitag in Erfurt zeigt.

Cem Özdemir – der Name ist Programm. Er sei „Inländer“, schrieb der Deutschtürke einst. Ob der anatolische Schwabe allerdings auch bei den Grünen wirklich heimisch ist, bleibt auch nach seiner Wahl zum Parteichef ungewiss. Fest steht: In den Talkshows der Republik ist der als „deutscher Obama“ verehrte Politiker ein gern gesehener Gast. Markant sind nicht nur seine Sätze, sondern auch seine Haarpracht – riesige Koteletten im Stil des späten Elvis Presley. Das frühere Maßanzug-Model kann sich gut in Szene setzen, werbewirksame Auftritte für die Partei traut ihm deshalb jeder zu. Doch wohin der telegene 42-Jährige mit seiner Ausstrahlung die Partei führen will - das ist vielen seiner Parteifreunde unklar.

Schließlich wollte Özdemir das Amt erst gar nicht, schlimmer, er traute sich das Führen einer Partei nicht zu. Dann ließ er sich doch zur Kandidatur drängen. Nach einer kurzen Phase der Konkurrenz schied Mitbewerber Volker Ratzmann aus – weil der künftig lieber auf Papa als auf Parteiboss macht. Als einziger Kandidat für das bei den Grünen wenig einflussreiche und deshalb kaum begehrte Amt hätte Özdemir nun jede Unterstützung seiner Parteifreunde verdient. Stattdessen verweigerten ihm die Baden-Württemberger jüngst das Bundestagsmandat – und düpierten ihn so kurz vor seiner Wahl. Dieses Desaster könnte sich jetzt zu seinem Vorteil gewendet haben.

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Doch der studierte Diplompädagoge raffte sich wieder auf. Seine Wahl zum Parteichef ist ein Durchbruch – nicht nur für ihn selbst. Erstmals in der deutschen Geschichte führt ein Zuwanderer eine Partei. Özdemir war 1994 das erste Kind türkischer Eltern im Bundestag, er war immer schon mehr Symbol als Politiker. Schließlich konnte er eine schöne Geschichte erzählen, die des kleinen Cem, der sich aus dem Provinznest Bad Urach in die große Politik vorkämpfte. Doch seine Präsenz in den Medien geriet in immer deutlicheren Kontrast zu seinem politischen Einfluss. Özdemir wurde Opfer seines eigenen Erfolges.

Dann der Skandal: 2002 musste Özdemir auch sein Mandat verzichten. Ein Kredit des PR-Beraters Moritz Hunzinger und die private Nutzung von Dienstflug-Bonusmeilen brachten die Partei gegen ihn auf. Zwar hatten auch andere Grüne Dreck am Stecken, doch der erklärte Sündenbock hieß Özdemir. Seine politische Bewährungszeit saß er abseits der großen Bühne im Europäischen Parlament ab und überzeugte dort durch harte Arbeit sowie Ehrgeiz. Mit seiner aus Lateinamerika stammenden Frau und seiner dreijährigen Tochter lebt er im Berliner Stadtteil Kreuzberg, mitten im linksalternativ-türkisch-kurdischen Biotop der Hauptstadt.

Der Schwabe gilt als Realpolitiker der ersten Stunde, der auch weniger populäre Positionen vertritt. Als die Mehrheit der Grünen sich noch hinter links-ideologischen Barrikaden verschanzte, träumte er bereits mit Unionspolitikern von gemeinsamen Projekten. Sein Vorgänger im Amt, Reinhard Bütikofer, hält große Stücke auf ihn – unter anderem, weil Özdemir schon 1993 erkannte, dass der drohende Völkermord in Bosnien nur durch militärische Gewalt zu verhindern sei. Auch auf dem Afghanistan-Parteitag von Göttingen im vergangenen Herbst unterstützte Özdemir den Antrag von Daniel Cohn-Bendit für einen Tornado-Einsatz der Bundeswehr.

Doch je näher der Parteitag rückte, desto mehr verschwand seine Meinung in einer Nebelwand aus Worten. Auf einmal war schwer zu sagen, ob er für oder gegen den deutschen Afghanistan-Einsatz ist. Er bekannte sich einerseits zur Marktwirtschaft, hielt aber Hausbesetzungen für ein adäquates Mittel im Kampf gegen Spekulantentum. Aus Angst, irgendwo anzuecken, wurde Özdemir zum Vertreter des Sowohl-als-auch. Der erste „Unisex-Politiker Deutschlands“, wie der "Spiegel" spottete.

Dann brach Özdemir, womöglich auf der Suche nach Profil, auch noch ein Tabu der Grünen. Im "Handelsblatt" ließ er durchblicken, dass er sich den Neubau von effizienten Kohlekraftwerken vorstellen kann, wenn das die CO2-Bilanz aufbessert. Zwar denken inzwischen einige Grüne so – laut sagen würden sie es aber nicht, denn das widerspricht dem Parteiprogramm. Auf einmal sah es so aus, als wolle Özdemir nicht nur das Amt sondern auch eine neue Politik. Die Parteiführung pfiff ihn zurück, sofort erklärte Özdemir das Gesagte zum großen Missverständnis. 

Das Wahlergebnis von 79,2 Prozent - nicht wesentlich schlechter als das von Claudia Roth (82,7 Prozent) - zeigt, dass die Partei hinter ihm steht. Özdemir beweis schon am Wochenende zuvor Basisnähe, als er zusammen mit der Parteispitze gegen den Atommüll-Transport in Gorleben demonstrierte. Seine Sache sind solche Belagerungen zwar nicht, aber er machte gute Miene zum blöden Spiel. Schließlich fällt seine Amtsantritt eine schwere Zeit: Die Grünen müssen darum kämpfen, wieder mitzuregieren – und erkennen schmerzhaft, dass die FDP ihnen dabei den Rang abläuft. Zudem ist die Partei selbst gespalten zwischen einem starken Lager der Fundis und den Realos, die sich nun Reformer nennen. Ein Integrationsspezialist wie Özdemir scheint da genau der richtige Mann.

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