Grüne Regierung: Süddeutsche Unternehmer im Zwiespalt

Grüne Regierung: Süddeutsche Unternehmer im Zwiespalt

von Lothar Schnitzler

Katastrophe, Normalität oder Chance zum Neuanfang? Wie Unternehmer den Machtwechsel in Baden-Württemberg erleben. Eine Erkundungstour im Musterland des Mittelstandes.

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Markus Rudolph

So sehen Transportunternehmer in Filmen aus: groß, kräftige Unterarme, die blonden Haare raspelkurz, offenes Hemd. Dieser Mann hat anpacken gelernt. Nach der Bundeswehrzeit kaufte Markus Rudolph, damals gerade 22 Jahre alt, sich einen alten VW-Bus und fuhr als Lohnunternehmer im Auftrag von Luftfrachtspeditionen. Heute, 27 Jahre später, beschäftigt Rudolph 100 Mitarbeiter. 40 Laster rollen für die Firma Rudolph Trucking & Handling, erledigen meist Transporte von und zu den Flughäfen München, Frankfurt, Stuttgart oder Frankfurt-Hahn.

In seinem Büro im Frachtzentrum des Stuttgarter Flughafens am Rande des Rollfeldes wirkt Rudolph, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Die Geschäfte laufen gut, sehr gut sogar. Die Wirtschaftskrise, während der auch Rudolph Kurzarbeit anmelden musste, ist längst verdaut.

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Doch jetzt treibt den Gründer die Frage um, warum bloß die Bürger seines Landes „eine derart erfolgreiche Regierung“ abgewählt haben. Die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa, die allgemeine Arbeitslosenquote bei nur vier Prozent, Spitzenwerte beim Schulvergleich und dann die Abwahl – Rudolph versteht die Welt nicht mehr. „Es kann doch nicht alles falsch gewesen sein“, sagt Rudolph, „die CDU hat Baden-Württemberg doch schließlich zum führenden Wirtschaftsstandort in Europa gemacht.“ Und er fragt sich als Logistikunternehmer, ob die kommende Regierung das Straßennetz noch mehr vernachlässigen wird als die noch amtierende Landesspitze.

Musterland auf Abstiegskurs?

Seit der Wahl vom 27. März, die einen Schlusspunkt hinter 58 Jahren ununterbrochener CDU-Regierung setzte, stellen sich in dem Bundesland, das wie kaum ein anderes von blühenden Familienbetrieben geprägt ist, etliche Unternehmer diese Fragen. Wieso dieser Machtwechsel? Droht dem Musterland jetzt ein schleichender Abstieg?

Rund 60 Kilometer nördlich von Rudolphs Büro am Stuttgarter Flughafen sieht die Welt anders aus. Eigentlich sollten hier, in der Region Heilbronn-Franken, die Kritiker der neuen Regierung besonders bissig sein. Hier sind die wohl erfolgreichsten Mittelständler der Welt zu Hause, nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Weltmarktführer auf engstem Raum. Unternehmen wie die Schraubenhändler Würth und Berner sitzen hier. Mustang-Jeans werden hier genäht, Kaco baut Wechselrichterhersteller für Solaranlagen und Klafs Saunen aller Art.

Geteilte Meinung zu Grün-Rot

Doch über die neue Regierung im Ländle gehen die Meinungen der Unternehmer in den malerischen Städtchen wie Schwäbisch Hall, Künzelsau oder Öhringen auseinander. „Der Wirtschaftsstandort wird nicht leiden“, wiegelt Reinhold Würth, Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe aus Künzelsau, ab. Die Parteivorsitzenden seien schließlich loyale Baden-Württemberger und würden, ihrem Versprechen folgend, die Bürgergesellschaft pflegen und weiterbauen.

Auffallend viele Parteigänger der alten Regierung wollen sich äußern – auch aus Unternehmen, die sich wegen ihres Produktportfolios vor Rache nicht fürchten müssen. Selbst die Kritiker in der Musterregion schlagen eher vorsichtige Töne an. „Ich bin gespannt, ob Grün-Rot es schafft, den bisherigen Erfolgskurs für unser Land fortzusetzen“, sagt der Unternehmer Heiner Sefranek von Mustang aus Künzelsau. Auch der Chef des ebenfalls in Künzelsau ansässigen Würth-Konkurrenten Berner, Jörn Werner, will die Neuen an ihren Taten messen: „Die Zeit des Redens in der Opposition ist jetzt vorbei.“

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