Grundsicherung: Wenn das eigene Geld nicht zum Leben reicht

Grundsicherung: Wenn das eigene Geld nicht zum Leben reicht

, aktualisiert 06. August 2015, 13:29 Uhr
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Knapp 512.000 Menschen erhielten im März 2015 bundesweit Leistungen der Grundsicherung im Alter. Insbesondere Frauen sind auf die Hilfe angewiesen.

In Deutschland sind immer mehr Menschen auf die staatliche Grundsicherung angewiesen, belegen die neusten Zahlen. Dabei trifft es insbesondere Rentnerinnen in den alten Bundesländern.

Immer mehr Menschen in Deutschland bekommen Grundsicherung. Vor allem Rentnerinnen im Westen sind auf diese Form der Sozialhilfe angewiesen, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mitteilte. Künftig werde die Altersarmut im Osten deutlich zunehmen, sagte die Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, Ulrike Mascher, voraus. „Es rollt eine Lawine der Altersarmut auf uns zu“, warnte der Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, Ulrich Schneider. „In den nächsten 10 bis 15 Jahren werden immer mehr Menschen ohne hinreichende Rentenansprüche das Rentenalter erreichen.“

Grundsicherung können sowohl Menschen im Rentenalter bekommen, als auch jüngere Erwachsene, deren Erwerbsfähigkeit dauerhaft gemindert ist. Der festgelegte Bedarf betrug im März 2015 durchschnittlich 758 Euro brutto im Monat. Netto waren es im Schnitt jedoch nur 460 Euro, weil das Einkommen zum Teil abgezogen wird.

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Armutsgefährdung in Deutschland

  • Wie viele Menschen in Deutschland sind arm?

    Wer in Deutschland allein mit weniger als 979 Euro netto im Monat auskommen muss, gilt nach der EU-Statistik als armutsgefährdet. Bei einer vierköpfigen Familie liegt die Grenze bei 2056 Euro im Monat. Nach dieser Rechnung sind 13 Millionen Menschen in der Bundesrepublik von Armut bedroht. Der Anteil an der Bevölkerung von rund 16 Prozent ist seit Jahren relativ stabil. Armutsforscher Hans-Ulrich Huster warnt jedoch: „Etwa die Hälfte davon hat keine Chance mehr, da raus zu kommen.“ Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ergänzt: „Wir haben immer mehr Erwerbstätige, aber trotzdem schützt dies nicht mehr vor Armut.“

  • Was ist Armutsgefährdung?

    Die Statistiker sprechen von „Armutsgefährdung“ oder einem „relativen Armutsrisiko“. Nach der Definition der EU-Statistik ist von Armut bedroht, wer von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung seines Landes lebt. „Armut“ ist nach Ansicht des Armutsforschers Christian Arndt „ein Zeichen dafür, dass etwas Wesentliches zum Wohlergehen fehlt“. Dies betreffe aber nicht alle, die über ein Einkommen unterhalb der „Armutsrisikoschwelle“ verfügten. „So ist dies sicher nicht der Fall für einen Studierenden mit geringem Einkommen, kann aber sehr wohl für ein schwerwiegendes Problem für eine alleinstehende Rentnerin sein.“

  • Wie schneidet Deutschland im EU-Vergleich ab?

    Mit einer Armutsgefährdungsquote von 16,1 Prozent schneidet Deutschland 2013 um 0,6 Prozentpunkte besser ab als der Anteil aller EU-Länder zusammen. Allerdings fehlen für den exakten Mittelwert noch einige Zahlen, etwa die von Irland und Kroatien. Besonders hoch ist der Anteil der von Armut bedrohten Menschen in Griechenland (23,1 Prozent), Rumänien (22,4 Prozent) und Bulgarien (21,0 Prozent). Am niedrigsten ist das Armutsrisiko in der Tschechischen Republik (mit einem Anteil von 8,6 Prozent), Island (9,3 Prozent), den Niederlanden (10,4 Prozent) und Norwegen (10,9 Prozent).

  • Wer ist in der BRD besonders von Armut bedroht?

    „Armut ist immer noch weiblich“, sagt die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher. Frauen aller Altersgruppen sind stärker von Armut bedroht als Männer. Besonders betroffen sind Alleinerziehende und Frauen im Rentenalter. Und: Fast 70 Prozent der Arbeitslosen sind armutsgefährdet. Nach Einschätzung von Armutsforscher Hans-Ulrich Huster haben auch Menschen mit Migrationshintergrund und alleinlebende junge Leute unter 30 Jahren ein erhöhtes Risiko.

  • Steigt die Zahl der Armen in Deutschland?

    Das Armutsrisiko hat nach Darstellung des Volkswirts und Armutsforschers Christian Arndt zwischen 1999 und 2005 stark zugenommen. Seitdem aber nicht mehr. In der seit 2008 erhobenen EU-Statistik stieg die Quote für Deutschland von 15,2 Prozent auf 16,1 Prozent. „Hier könnte man einerseits von einer Manifestation des Armutsrisikos sprechen. Die Botschaft ist aber die, dass das Armutsrisiko im Gegensatz zu einigen anderen Ländern nicht weiter zugenommen hat.“ Armutsforscher Hans-Ulrich Huster stellt fest: „Die Reichen werden reicher. Das Einkommen der Armen sinkt relativ gesehen zu den Einkommen der mittleren und oberen Einkommensbezieher.“

  • Was fordern Fachleute?

    Der für 2015 geplante Mindestlohn ist nach Einschätzung des Sozialverbands VdK und des Paritätischen Wohlfahrtsverband ein richtiger Schritt. „8,50 Euro ist aber hart auf Kante genäht, das ist genau für einen Alleinlebenden die Armutsschwelle“, sagt der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider. Armutsforscher Hans-Ulrich Huster betont: „Nicht der Facharbeitermangel ist das Problem, sondern dass wir uns zu wenig darum kümmern, dass die Jugendlichen, die da sind, eine entsprechende Ausbildung bekommen.“

Schätzungsweise 1,004 bis 1,009 Millionen Menschen bekamen diese staatliche Unterstützung im ersten Quartal 2015. Ende 2014 waren es 1,002 Millionen - der höchste Stand seit Beginn der Statistik 2003.

Die exakten Zahlen für die ersten drei Monate des laufenden Jahres konnte die Behörde aber noch nicht nennen, weil aufgrund eines Softwarefehlers bei einigen Meldestellen insgesamt nur rund 995.000 Empfänger angegeben worden waren. Das sind schätzungsweise 10.000 bis 15.000 zu wenig, wie die Statistiker errechneten. Bislang war die Grundsicherung jährlich von den Landesämtern erfasst worden, seit Jahresanfang wird sie vierteljährlich zentral vom Bundesamt erhoben.

„Dass die Zahlen zwischen Dezember und März relativ konstant geblieben sind, ist wenig überraschend“, sagte Schneider. „Innerhalb von drei Monaten bewegt sich in der Regel nicht so viel. Der langfristige Trend zeigt jedoch ungebrochen nach oben.“

61 Prozent der Bezieher von Grundsicherung im Alter waren Frauen (März 2015). In den alten Bundesländern waren 34 von 1000 Frauen und 28 von 1000 Männern auf das Geld angewiesen. In den neuen Ländern - einschließlich Berlin - erhielten sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen im Rentenalter jeweils 19 von 1000 diese Unterstützung.

Soziale Lage Wächst die Armut in Deutschland wirklich?

Wachsende Armut trotz Rekordbeschäftigung und steigender Löhne? In einem Jahresgutachten zur sozialen Lage warnt ein Verband vor Defiziten in der Sozialpolitik. Es gibt aber auch skeptische Töne zu der Einschätzung.

Trotz der vergleichsweise guten wirtschaftlichen Lage wird die Kluft zwischen Reich und Arm aus Sicht der Wohlfahrtsverbände immer größer. Quelle: dpa

„Die Zahlen der Grundsicherung verdecken ein bisschen die tatsächliche Situation“, sagte die Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, Ulrike Mascher. Denn immer mehr über 65-Jährige übernähmen einen Minijob, um der Grundsicherung zu entkommen. „Viele alte Frauen scheuen sich auch, Grundsicherung zu beantragen, oder haben Sorge, dass ihre Kinder herangezogen werden.“ Probleme mit Mietzahlungen seien dann oft der Auslöser, doch diese staatliche Leistung zu beantragen.

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