Günter Verheugen im Interview: „Wir ziehen eine klare Furche“

Günter Verheugen im Interview: „Wir ziehen eine klare Furche“

Bild vergrößern

EU-Industriekommissar Günter Verheugen

EU-Vizekommissionspräsident Günter Verheugen über die Stärke der deutschen Industrie und eine Lösung im Streit um Autos und CO2-Emissionen.

WirtschaftsWoche: Herr Verheugen, am Freitag beschäftigen sich die Staats- und Regierungschefs beim EU-Gipfel mit der Wettbewerbsfähigkeit Europas. Wie zufrieden sind Sie mit den Fortschritten?

Verheugen: Unsere Wirtschaft hat sich stark erholt und kann sich vor dem Hintergrund der Turbulenzen besser behaupten als bei früheren Krisen. In den vergangenen zwei Jahren sind in Europa über sechs Millionen Arbeitsplätze entstanden, bis 2009 kommen nach unserer Rechnung noch einmal fünf Millionen dazu. Die Arbeitslosigkeit wird auf den niedrigsten Stand seit Mitte der Achtzigerjahre zurückgehen.

Anzeige

Worauf führen Sie das zurück?

An erster Stelle auf den erfolgreichen Wandel der europäischen Industrie, insbesondere der deutschen. Sie hat in den vergangenen 15 Jahren einen tief greifenden Strukturwandel durchgemacht und ist heute stärker denn je. Über Jahre hat die deutsche Wirtschaft Prügel von der Politik bezogen, musste sich den Vorwurf gefallen lassen, kalt und herzlos zu sein, nur noch an Shareholder Value zu denken. Der Ausdruck „vaterlandslose Gesellen“ fiel gerne. Jetzt sehen wir aber eine Trendumkehr wie aus dem Lehrbuch. Gesundete Unternehmen wachsen, erzielen Gewinn wie noch nie in ihrer Geschichte und schaffen Arbeitsplätze in Deutschland. Im direkten Vergleich mit der verarbeitenden Industrie in den USA kann sich Europa sehr gut sehen lassen.

Können Sie das belegen?

Ein klarer Beweis ist der Auftrag des US-Verteidigungsministeriums an Airbus. So einen Deal hätte ich vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten. Aber das US-Verteidigungsministerium hat angesichts knapper Kassen erkannt, dass der europäische Anbieter das bessere Produkt hat.

In den USA wurden postwendend protektionistische Töne laut. Besorgt Sie das?

Unbestreitbar gibt es im US-Kongress starke protektionistische Reflexe, wie wir das in Europa auch kennen. Wir haben aber das Glück, dass die Europäische Kommission...

...der Sie angehören...

...unabhängiger ist gegenüber Stimmungsschwankungen in der öffentlichen Meinung, unabhängiger auch, als es eine nationale Regierung in Europa sein könnte. Wir können also ordnungspolitisch eine klare Furche ziehen.

Da würde Ihnen die deutsche Automobilindustrie aber energisch widersprechen. Sie sieht sich massiv benachteiligt durch die Pläne zum Abbau von CO2-Emissionen.

Der Vorwurf, allein die deutsche Autoindustrie werde benachteiligt, ist nicht gerechtfertigt. Meine These ist die: Die deutschen Autohersteller kommen mit den erhöhten Anforderungen noch am leichtesten zurecht, gerade weil sie im oberen Segment produzieren. Sie können die Technologie finanzieren, die jetzt gebraucht wird. Im Automobilsektor setzt sich Technik von oben nach unten durch. Die großen Autos werden also schnell auch die saubersten sein.

Also viel Aufregung um nichts?

Ich bin mir sicher, dass am Ende eine brauchbare Lösung auf dem Tisch liegen wird. Eine, die gut sein wird für das gesamte Spektrum der europäischen Autoindustrie. Ich mache mir da keine Sorgen.

Wie könnte eine solche Lösung aussehen?

Die vorhandenen Stellschrauben müssen so gedreht werden, dass die Wirklichkeit der Industrie, ob in Tschechien, Italien, Frankreich oder Deutschland, abgebildet wird, damit Innovationen nicht abgewürgt, sondern angespornt werden. Die Diskussion in Rat und Parlament wird sich nach meiner Meinung darauf konzentrieren, zu welchem Datum die neue Regelung eintritt, ob Innovationen jenseits des Motors zur Verminderung von CO2 ausdrücklich anerkannt werden und wie hoch die Strafzahlungen ausfallen. Wenn man berücksichtigt, dass ein Auto sieben Jahre Entwicklungszeit benötigt, dann wird allerspätestens 2015 jedes in Europa neu auf den Markt kommende Auto Weltspitze sein.

Die Kommission will mit der Beimischung von Biosprit fünf Gramm Emissionen pro Kilometer einsparen. Ist das realistisch?

Biokraftstoffe aus Pflanzen, die zur Ernährung bestimmt sind, haben eine negative Umweltbilanz. Sie sparen auf der einen Seite CO2, um auf der anderen welches zu produzieren. Das ist Unsinn. Wir sollten auf Biokraftstoffe setzen, die wirklich nachhaltig sind. An solchen Biokraftstoffen wird derzeit intensiv gearbeitet.

Auch die energieintensiven Branchen der Industrie sorgen sich um die EU-Klimapolitik.

Ich teile die Sorgen der energieintensiven Industrie in Europa. Die Sorgen, die laut werden, kommen von Unternehmen, die nicht aus Europa abwandern wollen. Sie wollen bleiben, wenn wir es ihnen möglich machen. Aus ökologischen und ökonomischen Gründen ist es wichtig, sie hier zu halten. Mir ist klar, dass eine bloße Absichtserklärung einem Vorstandsvorsitzenden für seine Unternehmensstrategie nicht ausreicht. Damit kann er gegenüber seinem Aufsichtsrat keine Investitionsentscheidung für Europa rechtfertigen. Deshalb müssen diese Unternehmen Planungssicherheit bekommen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%