Guttenberg-Effekt: Wie ein Jungunternehmer erfolgreich Plagiate aufspürt

Guttenberg-Effekt: Wie ein Jungunternehmer erfolgreich Plagiate aufspürt

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Markus Goldbach

von Max Haerder

Die Software von Doktorand Markus Goldbach deckt Plagiate von Politikern und Studenten auf. Jetzt wagt er den Sprung in die Selbstständigkeit.

Am 18. Februar tritt Karl-Theodor zu Guttenberg in Berlin vor ein paar eilig aufgestellte Kameras. Noch ist er Selbstverteidigungsminister, schon bald wird er nur noch Privatmann sein. Seit zwei Tagen kursieren Vorwürfe gegen seine Doktorarbeit, Guttenberg weist sie „mit allem Nachdruck“ von sich, das Werk sei „in mühevollster Kleinarbeit“ entstanden. Markus Goldbach muss lachen, als er das Manöver im Fernsehen sieht. Eigentlich müsste er sich jetzt um seine eigene Promotion kümmern, stattdessen setzt er sich in Mainz sofort an seinen Laptop. Wer nur wenige Minuten später in eine Suchmaschine die Worte „Guttenberg“ und „Plagiat“ eintippt, der landet sehr schnell bei PlagScan.com. Und damit bei Markus Goldbach.

Er würde das so nie sagen, aber ein bisschen Dankbarkeit empfindet der 30-Jährige mit dem Altherrenbärtchen schon gegenüber dem Doktor und Minister a. D. Aus der Abschreib-Suchmaschine PlagScan, bisher seine Leidenschaft neben dem Beruf, wird ein kleines Unternehmen. Goldbach teilt sein Leben deshalb heute in zwei Hälften: die Vor-Guttenberg-Zeit und die Zukunft. Die politische Lichtgestalt, von der nur ein sich windender Kopist übrig blieb, privatisiert bald im amerikanischen Exil. Goldbach hingegen kann etwas wagen. Er hat Ende Juni seinen Vertrag an der Uni nicht verlängert, dafür sitzt er jetzt in einem frisch bezogenen Büro in einem Gründerzentrum in Köln.

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Seit dem Fall des Freiherrn frisst sich ein anonymer Schwarm von Internet-Nutzern wie Piranhas durch die Promotionen prominenter Politiker. Am Ende bleibt von den Werken selten mehr als der Einband und ein dürftiges Gerippe. Die EU-Abgeordnete Silvana Koch-Mehrin (FDP) musste den Dr. ebenso von der Visitenkarte tilgen wie ihr Parteikollege Jorgo Chatzimarkakis. Nun folgen die Plagiatsjäger der Spur des Kultusministers Bernd Althusmann (CDU) aus Niedersachsen.

Was als politische Verfehlung Einzelner begann, gefährdet den Ruf betroffener Universitäten. Doktorarbeiten sollen neue Erkenntnisse schaffen, manche aber sind nur Copy und Paste. Flächendeckende Kopierkontrolle fand bisher selten statt, schon gar nicht bei Haus- und Seminararbeiten. Das rächt sich nun. Damit ein „summa cum laude“ auch hält, was es verspricht, suchen Hochschulen fieberhaft nach technischer Unterstützung – und landen bei PlagScan. „Wo wir früher zwei Anfragen am Tag hatten, sind es mittlerweile 20“, freut sich Markus Goldbach.

Im Schwarm der Jäger

Er selbst hat Kognitionswissenschaften und Computerlinguistik studiert, seine unfertige Promotion behandelt die Hirnforschung. Er wisse halt, wie die Menschen so denken, sagt Goldbach und lächelt. Eine Zeit lang schwamm er selbst mit im Schwarm der Internet-Jäger, aber er zog sich bald wieder zurück. Transparenz ja, aber bitte keine Hetzjagden, sagt er. Usern der Aufdeckplattformen Guttenplag und Vroniplag stellte Goldbach seine Software aber weiter gratis zur Verfügung.

Denn schließlich haben die Plagiatsaffären der Web-Seite Aufmerksamkeit und damit ein Geschäftsmodell geschenkt. Als er 2007 mit seinem Partner, dem Informatiker Johannes Knabe, die Software entwickelt, sei es „Arbeit im Mondschein und ohne Profit“ gewesen. Diese Nächte sind vorbei: Von Schulen, die nur kurze Referate checken lassen wollen, nimmt PlagScan 99 Euro pro Jahr, wegen der überschaubaren Datenmengen. Unis müssen für die Suchdienste hingegen eher vierstellige Beträge in eine Jahreslizenz investieren. Entweder Lehrer und Professoren laden die Texte direkt auf der Seite hoch und erhalten spätestens einen Tag später das Prüfergebnis. Oder sie wählen die teure, aber schnellere Variante: Dann spielt PlagScan eine eigene Version auf den Uni- oder Schulserver.

Seit dem abstrusen Auftritt Guttenbergs haben sich die Umsätze bei PlagScan nahezu verdreifacht. Mittlerweile gehören rund 100 Institutionen zu den Kunden, nicht nur in Deutschland, hinzu kommen Tausende Einzelnutzer. Markus Goldbach hofft in diesem Jahr auf einen sechsstelligen Abschluss. Den Antrag auf Gründerförderung vom Bundeswirtschaftsministerium hat er abgeschickt, sogar schon Stellenausschreibungen vorbereitet. „Meine eigene Promotion kann warten“, sagt Goldbach. „Der Guttenberg-Effekt nicht.“ 

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