Guttenberg-Rücktritt: Der Ikarus aus Oberfranken

KommentarGuttenberg-Rücktritt: Der Ikarus aus Oberfranken

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Henning Krumrey, Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche

von Henning Krumrey

Wer um 11.15 Uhr auf den Nachrichtenkanälen hin- und her schaltete, fühlte sich Jahrzehnte zurückversetzt: Kein aktuelles Bild aus dem Bendlerblock, und nur auf n-tv drang eine ernste Stimme aus dem Äther. Diesmal hieß es aber nicht „das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt“, sondern es sprach der bis dahin aktuelle Hausherr, der Bundesminister der Verteidigung. Karl-Theodor zu Guttenberg verkündete den „schmerzlichsten Schritt meines Lebens“. Er habe die Bundeskanzlerin darüber informiert, „dass ich mich von meinen politischen Ämtern zurückziehen werde und um meine Entlassung gebeten“. Nur der n-tv-Reporter war so schlau gewesen, per Handy wenigstens den Ton zu seinem Sender zu übertragen, nachdem das Verteidigungsministerium Live-Kameras verboten hatte.

Der Rücktritt ist noch kein Schlusspunkt unter Guttenbergs Promotionsaffäre, aber er soll zum Befreiungsschlag für ihn selbst und für die Unionsparteien werden. Guttenberg sah den Rückhalt schwinden, als immer mehr Parteifreunde von ihm abrückten – und immer mehr hochrangige, wie der Bundestagspräsident, amtierende und frühere Ministerpräsidenten und die Kabinettskollegin Annette Schavan.

Guttenberg wurde zur Belastung, die auch in andere Politikfelder ausstrahlte – und auf andere Personen, insbesondere die Kanzlerin Angela Merkel selbst. Denn Merkels flapsige Bemerkung, sie habe keine wissenschaftliche Hilfskraft eingestellt, sondern einen Minister, brachte erst die Forschergemeinde so richtig in Wallung. Der offene Widerspruch etlicher – auch prominenter - Professoren, die Unterschriftensammlung von Doktoranden mit 20 000 Unterzeichnern lenkten den Blick auf die Merkelsche Bildungsoffensive. Wie sollte die Kanzlerin noch von der „Bildungsrepublik Deutschland“ sprechen? Wie sollte die Forschungsministerin noch die Exzellenzinitiative der Hochschulen betreiben oder Stipendien verteilen? Und schließlich geriet auch die Chefin selbst immer stärker in die Kritik. Gern zeigten Fernsehsender eine Ansprache Merkels zum „Tag des geistigen Eigentums“, in der die Regierungschefin Plagiate gebrandmarkt hatte. Ideenklau sei „kein Kavaliersdelikt“.

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Rücktrittsgründe sind bald vergessen

Verteidigungsminister Quelle: dpa

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg steigt aus einem Eurofighter

Bild: dpa

Für die Unionsanhänger ist der Rückzug ihres Stars ein Schlag. Denn gerade konservativ-bürgerliche Wähler hatten erstmals seit Langem wieder eine Identifikationsfigur in den Reihen der CDU/CSU entdeckt. Guttenbergs kometenhafter Aufstieg beruhte ja auch darauf, dass er nicht so bayerisch wie andere CSU-Kollegen daherkam, deshalb auf keinerlei Vorbehalte in der Schwesterpartei CDU traf. Nur so waren die enormen Beliebtheitswerte möglich. Zudem schwamm er mit dem Beschwören des politischen Andersseins im Vergleich zu "den“ Politikern auf einer Welle der parteiübergreifenden Sympathie, die vor einiger Zeit auch Horst Köhler getragen hatte, den präsidialen Anti-Politiker.

Guttenberg, der sich in seiner Rücktrittserklärung zwar als Mitspieler im Mediengeschäft, nun aber vor allem als Opfer der Medien gab, hat durchaus Chancen, in der Beliebtheit wieder oder weiter – je nach Umfragen-Institut – zu steigen. Denn nachdem nun das laut verlangte Opfer gebracht ist, werden die Umstände des Rückzugs bald in Vergessenheit geraten. Und vielen Konservativen wird es erscheinen, als hätten die Medien, angestachelt von der Opposition, das Idol nur deshalb zur Strecke gebracht, weil zu Guttenberg so beliebt war.

Sein abschließender Satz, er danke der "großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung, den vielen Mitgliedern der Union und insbesondere den Soldatinnen und Soldaten, die mir bis heute den Rücken stärkten, als Bundesverteidigungsminister nicht zurückzutreten“, baut genau auf diese Stimmung auf. Der historische Bezug drängt sich auch hier auf. Es klingt fast wie bei der Dolchstoßlegende nach dem ersten Weltkrieg: Karl-Theodor zu Guttenberg, im Felde der Umfragen unbesiegt.

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