
Handelsblatt Online: Linde-Chef Wolfgang Reitzle hat einen Euro-Austritt Deutschlands ins Gespräch gebracht. Überrascht Sie, dass er offenbar der einzige Chef eines Dax-Konzerns ist, der so denkt?
Hans-Olaf Henkel: Woher wollen Sie wissen, dass nicht noch mehr so denken? „Unter vier Augen“ erzählt man mir Ähnliches schon seit langem. Ich habe selbst zu spüren bekommen, dass das Rütteln am Einheits-Euro von unseren Vorständen, Wirtschaftsredakteuren und Politikern als politisch inkorrekt angesehen wird. Insofern kann ich ein Lied davon singen. Deshalb ist es für einen Ex-Unternehmenschef wie mich einfacher über Alternativen zu reden und zu schreiben als für einen aktiven Vorstandsvorsitzenden wie Reitzle.
Im letzten Juni gehörte er noch zu den Unterzeichnern der Jubelanzeige, die Cromme veranlasst hat! Dass er nun der erste der Dax-Vorstände ist, der wagt, öffentlich über Alternativen zu sprechen, wundert mich allerdings nicht. Ich kenne ihn als unabhängigen analytischen Geist, und er hat immer wieder Mut bewiesen. Er wird nicht der Letzte sein, der sich auch öffentlich Gedanken über Alternativen zum Einheits-Euro macht.
Ist für Sie ein Austritt Deutschlands aus dem Euro-Raum ein realistisches Szenario?
Ich unterscheide immer gern zwischen dem, was meiner Meinung nach passieren wird und dem, was passieren müsste. Ich fürchte, der Euro wird noch lange weiter existieren, weil er in zunehmendem Maße von deutschen Steuerzahlern alimentiert wird. Ein einseitiger Austritt Deutschlands ist politisch so lange nicht vorstellbar, wie die gesamte politische Klasse weiter den Wählern vormacht, dass es keine Alternativen gibt. Auch deshalb ist Reitzles Intervention bedeutsam.
Ein gemeinsamer Austritt mit anderen Ländern, die eine ähnliche Finanz- und Wirtschaftskultur haben („Nord-Euro“) ist eher denkbar als die Wiedereinführung der D-Mark, vor allem, wenn die Initiative von anderen „Nordländern“ ausgeht, die unbefangener an die Sache als die Deutschen herangehen. Sie kann aber auch von einem „südlichen“ Land ausgehen, weil zunehmend erkannt wird, dass der Euro dort zu stark geworden ist und die Wirtschaft ohne eine Abwertung des Euro nicht mehr auf einen grünen Zweig kommt.
Die deutsche Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren vom Euro profitiert, jetzt profitiert sie auch von der Euro-Krise. Ein schwächerer Euro hilft, unsere Exporte in Länder außerhalb des Euro-Raums zu steigern. Das spricht doch für den Verbleib Deutschlands im Euro.
Richtig, unsere Exporteure profitieren zurzeit von einem zu schwachen Euro, genau so wie die südlichen Länder unter seiner Stärke leiden. Nur, was ist das für ein groteskes Exportförderungsprogramm, was den deutschen Steuerzahler und seine Kinder für die Folgen dieser Politik in Haftung nimmt?
Was halten Sie denen entgegen, die sagen, dass die Nachteile für Deutschland ohne den Euro immens sind, weil eine Aufwertung der D-Mark oder einer anderen Alternativwährung zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, zu Exporteinbrüchen und einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit führen würde?
Damit habe ich mich intensiv befasst. Natürlich hat das kurz- und mittelfristig negative Folgen. Aber vergessen wir nicht, wir sind inzwischen auch Importvizeweltmeister geworden. Etwa 45 Prozent unserer Exporte werden vorher importiert. Die Preise für diese Vorleistungen, aber auch für Öl und Gas, würden erst einmal sinken und damit wäre der Aufwertungseffekt schon mal halbiert. Dann würden die beiden Zentralbanken den „Nord-Euro“ und den „Euro“ ja nicht von der Leine lassen, sondern könnten den Wechselkurs kontrolliert anpassen.
Wir hätten nicht das gern beschworene “Schweizer Szenario“ zu fürchten, zumal die Schweiz ein Währungsfluchtland ist – auch für Deutsche – , sondern könnten uns eher auf das „Schwedische Szenario“ einstellen. Schweden ist dem Euro nicht beigetreten und hat Aufwertungseffekte erfahren, wie wir sie auch zu erwarten hätten. Der schwedischen Industrie geht es gut und den Konsumenten auch, denn dort war die Inflation niedriger als im Euroraum.
Auf den wichtigsten Aspekt hat Herr Reitzle hingewiesen: die deutsche Industrie war zu D-Mark-Zeiten auch deshalb wettbewerbsfähig, weil sie durch den ständigen Aufwertungsdruck immer produktiver, effizienter und kreativer sein musste als die Konkurrenz. Dieser disziplinierende Effekt ist jetzt nicht mehr da. Der weiche Euro ist zu einem süßen Gift für die deutsche Industrie geworden.
Welche Zukunftschancen räumen Sie dem Euro unter den gegebenen Umständen ein?
Der Euro wird gerettet, dafür die Eurozone schwer beschädigt. Die Politik wird den Euro „retten“, koste es – vor allem die Deutschen – was es wolle. Profitieren werden die EU-Länder, die das Glück hatten, nicht dabei gewesen zu sein und nun auch nicht mehr hinein wollen, aber vor allem unsere wahren Konkurrenten: China, Südostasien, Amerika.
Steigen die Chancen für den Erhalt des Euros, wenn Griechenland die Währungsunion verlässt?
Schon Ihre Frage lässt erkennen, dass sich was ändert. Vor einigen Monaten noch hatte der BDI den damaligen Ministerpräsidenten Papandreou bei seiner Jahrestagung eine „standing ovation“ gegeben, und jetzt scheinen immer mehr meiner Ex-Kollegen der Meinung zu sein, Griechenland müsse raus. Das wäre aber schon im Mai 2010 die richtige Antwort gewesen. Wir hätten uns damit den Abriss der „no-bail-Out“-Klausel, also der Brandmauer zwischen dem deutschen Steuerzahler und ausgabefreudigen Politikern anderer Länder, und riesige Bürgschaften ersparen können.
Wenn Griechenland jetzt geht, ist vielleicht ein Sturm auf die Banken in Portugal und Italien die Folge. Niemand kann das voraussehen! Das endet dann irgendwann mal bei Frankreich. Die Herabsetzung Frankreichs Bonität reißt auch Deutschland wieder etwas tiefer in eine Transfer-, Schulden- und Inflationsunion. Nein, besser wäre es, wir würden zusammen mit Finnland, Holland usw. selbst das Heft in die Hand nehmen und gehen. Den verbleibenden Euroländern würde die Abwertung des Euro gut tun, uns langfristig auch. Dafür würde es sich auch lohnen, ein teures Austrittsticket zu lösen, um diesen Ländern bei der Restrukturierung ihrer Banken unter die Arme zu greifen.













