Hartmut Meine im Interview: "Sehr hohe Erwartungen"

Hartmut Meine im Interview: "Sehr hohe Erwartungen"

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Hartmut Meine, 56, ist IG-Metall-Bezirksleiter für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt und Aufsichtsrat des Autozulieferers Continental

Der niedersächsische IG-Metall-Chef Hartmut Meine über die Macht der Familienunternehmer und die kommenden Tarifverhandlungen.

WirtschaftsWoche: Herr Meine, Schaeffler übernimmt Continental, und der Porsche-Clan schnappt sich VW – sind Sie gerade ein bisschen gestresst von Familienunternehmen?

Meine: Sagen wir mal so: Es fällt schon auf, wenn so kurz nacheinander zwei Familienunternehmen mit strategischem Anspruch bei Dax-Konzernen einsteigen. Das ist eine auch für uns als Gewerkschaft neue Entwicklung, die man vor wenigen Jahren so gar nicht debattiert hätte. Man hat ja eher vermutet, Dax-Konzerne sind im Visier der Hedgefonds oder von Private-Equity-Investoren. Dass jetzt Familienunternehmen auf sehr ähnliche Weise bei Dax-Konzernen einsteigen, ist schon bemerkenswert, und wir müssen analysieren, ob dieser Trend sich fortsetzen könnte.

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Conti-Chef Manfred Wennemer trat am Mittwoch zurück. Ein Verlust für Conti?

Herr Wennemer hat gegenüber den Arbeitnehmern in den letzten Jahren einen radikalen Konfrontationskurs gefahren. Die Brutalität des Kaufens und Gekauftwerdens hat jetzt auch ihn eingeholt. Insofern kann ich mir kaum vorstellen, dass die Beschäftigten den Rücktritt von Herrn Wennemer bedauern. Ein kompetenter Nachfolger ist gut beraten, mit den Gewerkschaften und den Betriebsräten konstruktiv zusammenzuarbeiten. Hier bieten sich neue Chancen für die Arbeitnehmer bei Conti, aber auch für das Unternehmen.

Sie sprachen sich als Conti-Aufsichtsrat anfangs gegen Schaefflers Einstieg aus. Sind Sie mit der nun gültigen Vereinbarung zufrieden?

Ja, die friedliche Einigung zwischen der Continental AG und der Schaeffler-Gruppe ist ein tragfähiger Kompromiss, den die Arbeitnehmervertreter mittragen. Mit der Investorenvereinbarung sind für die Arbeitnehmer wichtige Eckpunkte verbindlich geregelt worden. Die von den Gewerkschaften geforderten Garantien werden von der Schaeffler-Gruppe bis mindestens 2014 garantiert.

Schaeffler gilt nicht gerade als Anhänger paritätischer Mitbestimmung. Was erwarten Sie?

Die paritätische Mitbestimmung im Aufsichtsrat der Continental AG ist gesichert, das hat Schaeffler der Arbeitnehmerseite garantiert. Der Continental-Konzern bleibt in seiner Struktur erhalten. Eine Zerschlagung wird es nicht geben. Darüber hinaus garantiert die Schaeffler-Gruppe den Verbleib des Konzernsitzes in Hannover und steht für den Erhalt der Standorte. Auch die Flächentarifverträge und die Mitgliedschaft in den Arbeitgeberverbänden werden bis 2014 garantiert. Das ist eine gute Basis für eine konstruktive Zusammenarbeit.

In Ihren Verhandlungen über die Mitbestimmung bei der Porsche-Holding ist die IG Metall nicht so erfolgreich – oder warum will VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh jetzt wieder gegen die Porsche Holding vor Gericht ziehen?

Es ist in den letzten Tagen wieder Öl ins Feuer gegossen worden, deshalb will ich jetzt kein weiteres dazukippen. Nur so viel: Die angebotene Vereinbarung für die Mitbestimmung in der Porsche-Holding ist nicht akzeptabel. Es kann nicht angehen, dass 12.000 Porsche-Beschäftigte so viel Rechte haben wie 326.000 VW-Beschäftigte. Das muss jetzt zügig gelöst werden.

Bei VW ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad so hoch ist wie bei keinem anderen Dax-Konzern. Fürchten Sie um Ihren Einfluss?

Wir sind in jedem Falle selbstbewusst. Jeder, der bei Volkswagen auf Management-Ebene operieren will, muss die Realität zur Kenntnis nehmen und sich mit der IG Metall und den Betriebsräten arrangieren. Wer meint, dass er das ohne IG Metall und ohne Betriebsräte kann, sollte sich das sehr gut überlegen

Und, wie klappt das mit dem aktuellen VW-Chef Martin Winterkorn?

Sehr gut! Der sieht die Chancen, die für ein Management darin liegen, uns zuzuhören. Er akzeptiert die IG Metall und den Betriebsrat, hört ihm zu, und die Zusammenarbeit klappt wirklich gut.

In der kommenden Woche wollen Sie mit dem VW-Vorstand über Tarifthemen verhandeln. Worum soll es genau gehen?

Wir haben zwei Themen: Das eine ist die Bezahlung der Leiharbeitskräfte bei VW und seinen Tochtergesellschaften. Das andere der Tarifvertrag für Auto 5000...

...die VW-Tochtergesellschaft, die 4200 Jobs für Arbeitslose geschaffen hat, in der die Mitarbeiter im Gegenzug für weniger Geld arbeiten als die Kollegen, die dem VW-Haustarifvertrag angeschlossen sind. Was liegt da im Argen?

Gar nichts, Auto 5000 ist ein Erfolgsmodell. Es war sogar erfolgreicher als ursprünglich geplant, und das verursacht jetzt neue Probleme, die wir lösen müssen.

Welche denn?

Anfangs wurde dort das Modell Touran gefertigt, das ist hervorragend eingeschlagen. Dann wurde entschieden, dass auch der Tiguan dort gefertigt wird, der läuft sogar noch besser, als alle Optimisten in der Vertriebsplanung geglaubt haben. Jetzt ist Auto 5000 an der Kapazitätsgrenze, und das hat dazu geführt, dass zum Beispiel auf einer Montagelinie, die nicht zur Auto 5000 gehört, abwechselnd Golf und Tiguan gefertigt werden. Es gibt hier also keine saubere Abgrenzung zwischen den unterschiedlich bezahlten Mitarbeitern mehr.

Was heißt das für VW?

Wir glauben, dass es auch für das Unternehmen sinnvoll ist, die Auto 5000-Beschäftigten in die VW AG zu integrieren.

Sie wollen den Auto 5000-Tarifvertrag komplett loswerden und die Mitarbeiter in den teureren Volkswagen-Haustarifvertrag integrieren?

Ganz genau. Wir haben ja 2006 den Haustarifvertrag von VW abgesenkt in Richtung Flächentarifvertrag. Die Unterschiede sind deshalb nicht mehr so gewaltig, wie sie mal waren. Das wird kein Selbstläufer, Konflikte schließe ich nicht aus.

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