
BERLIN / JENA/EISENACH. Es ist halb vier in der Nacht, als sich die vielen Männer und wenigen Frauen im Saal 1128 des Bundesrats die Hand geben. Fast elf Stunden haben sie verhandelt – Langzeitarbeitslose wollen sie motivieren, die Sozialkassen entlasten und Bürokratie kappen. Sie wollen die größte und beste Sozialreform seit Bestehen der Bundesrepublik: Hartz IV lautet ihr Titel. Was die Politiker in jenem Morgengrauen Ende 2003 besiegeln, ist eine Ausgeburt an Komplexität, wie sie die Republik noch nicht gesehen hat. Von unterschiedlichen Modellen zur Betreuung von Langzeitarbeitslosen ist die Rede. Von neuen Behörden, von Kommunen und der Bundesagentur für Arbeit, die in so genannten „Arbeitsgemeinschaften“ kooperieren sollen. Und von einer Ausnahme davon, dem „Optionsmodell“. Seit Anfang 2005 ist Hartz IV in Kraft – und die Reform scheint sich zu verselbstständigen. Sie bringt mehr Bürokratie, sie kostet mehr Geld. Die neuen Instrumente erweisen sich als stumpf. Der Aufwand der neuen Behörden ist riesig, ihr Ertrag gering. Ob Hartz IV dem, was die Sozialreformer aus CDU und SPD vergangene Woche als „Unterschicht“ oder „Prekariat“ neu entdeckt zu haben scheinen, zu helfen vermag? Es gibt nicht viel, was dafürspricht. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement hatte es einst geahnt. Die Umsetzung von Hartz IV sei „die größte und wichtigste Baustelle Deutschlands“, sagte er mal. Sie ist es immer noch – eine Besichtigung. Ihre Sätze werden länger, die Pausen dazwischen auch. Die grauen Aktenordner, die Dorothea Nilles-Liebig anschleppt, werden immer dicker, die Zahlenreihen, die sie raussucht, immer länger. Nichts ist einfach, nichts lässt sich auf einen Nenner bringen, wenn Nilles-Liebig über ihren Job spricht: die Leitung der Arbeitsgemeinschaft Eisenach.
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