_

Hartz-IV-Urteil: "Fördern und Fordern"

von Bert Losse

Höhere Hartz-IV-Sätze freuen die Betroffenen, aber lösen das Problem nicht. Helfen kann nur eine breit angelegte Bildungsoffensive - und die konsequente Anwendung des Prinzips "Fördern und Fordern". Ein Kommentar von WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse.

WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse
WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse

Das Verfassungsgericht hat gesprochen, und es kam, wie alle erwartet hatten: Das alte Hartz-IV-System ist tot, die Regierung muss bis zum Jahresende eine komplette Neuberechnung der Regelsätze für Langzeitarbeitslose und deren Kinder vorlegen. Das Haushaltseinkommen gerade von sozial schwachen Familien dürfte danach deutlich höher liegen als derzeit.

Anzeige

Viele feiern dies als sozialpolitischen Erfolg. Aber lösen höhere Regelsätze wirklich das Armutsproblem? Die Antwort lautet: nein. Fast 45 Milliarden Euro fließen jährlich aus dem Steuertopf an Hartz IV-Empfänger, ohne dass sich deren Job-Perspektiven nennenswert verbessern. Wenn jetzt noch geschätzte zehn Milliarden dazu kommen, was ändert das? „Ein Kernproblem des deutschen Arbeitsmarktes besteht in falschen Erwerbsanreizen, die durch das bestehende Steuer- und Transfersystem gesetzt werden. Sie führen dazu, dass insbesondere gering Qualifizierte zur Problemgruppe am Arbeitsmarkt geworden sind, weil sich reguläre Arbeit für sie häufig nicht lohnt“, heißt es in einer Arbeitsmarktanalyse des Instituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn.

Bildung wichtiger als höherer Regelsatz

Ja, es stimmt: Im reichen Deutschland gibt es auch bittere Armut. Aber das zentrale Problem ist, dass sich diese über Jahre hinweg systemimmanent verfestigt hat. Im Januar 2010 lag die Zahl der Hartz-IV-Empfänger bei 6,75 Millionen. Angesichts der angespannten Arbeitsmarktsituation dürften die Zahlen weiter nach oben gehen. Denn in den kommenden Monaten rutschen nach und nach Arbeitslose nach unten durch, die in der Krise ihren Job verloren haben und bei denen nun das zwölfmonatige Arbeitslosengeld I ausläuft.

Doch leider dreht sich die Debatte in diesen Tagen einzig und allein ums Geld, nicht aber darum, wie man es schafft, dass Millionen Transferempfänger ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten und ihren Kindern ein normales Leben bieten können. Fakt ist: Über die Hälfte der arbeitslosen Hartz IV-Empfänger hat keine abgeschlossene Berufsausbildung, mehr als jeder fünfte noch nicht mal einen Schulabschluss.

Hier, und nirgendwo sonst, ist der Hebel, um die Misere wirkungsvoll zu bekämpfen. SPD-Kanzler Gerhard Schröder und sein Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, dem heute zu Recht viele nachweinen, ersannen in ihrer Agenda 2010 damals das Prinzip "Fördern und Fordern". Dahinter stand die Idee, Arbeitslose zu qualifizieren, dafür aber auch sehr nachdrücklich Eigeninitiative und Engagement bei der Suche nach einem Job einzufordern. Dieses Prinzip ist bisher nur lückenhaft umgesetzt worden. Ich behaupte: Wenn der Staat dafür sorgt, dass ein Hartz-IV-Empfänger einen Schul- oder Berufsabschluss nachmacht, nutzt das den Betroffenen für ihr Leben mehr als jede Regelsatzerhöhung.

Zu diesem Artikel
15 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 04.04.2010, 17:47 UhrAnonymer Benutzer: psst

    Was hier im Lande fehlt sind Arbeitsplätze u. an der bildung liegt es schon mal gar nict, wenn selbt Hochqualifizierte keinen Job finden,
    so sieht das nämlich aus!
    Zitat:Fakt ist: Über die Hälfte der arbeitslosen Hartz iV-Empfänger hat keine abgeschlossene berufsausbildung, mehr als jeder fünfte noch nicht mal einen Schulabschluss.

    Diese Aussage halte ich für absoluten blödsinn, danach müßten ja
    drei Millionen von den 6,5 keinerlei Abschluß haben.

    Erstaunlich, dass man das in so einer Zeitung liest.

  • 16.02.2010, 11:55 UhrAnonymer Benutzer: Fritz

    Hartz iV soll nur von den eigentlichen Problemen ablenken - Kernproblem ist der unsinnige Afghanistan Krieg , die Milliarden-
    bankenpleite auf Kosten des Steuerzahlers, Unnötige Subventionen
    an Opel u.v.a. , die kommende Europleite durch Griechenland, Spanien,italien usw. was eigentlich wieder ein bankenproblem und
    somit ein Steuerzahlerproblem darstellt - der HRE und bayernLb Sumpf - wie lächerlich und billig ist die Diskussion ob Hartz iV Kinder Schulausflüge finanziert bekommen - uns fehlen Politiker
    mit Format - Westerwelle sollte in die " bütt " und dort bleiben

  • 13.02.2010, 13:14 UhrAnonymer Benutzer: oh weiha

    Statt zu wenig Arbeitsplätze als fix gegeben hinzunehmen, müssen wir uns mal überlegen, wie wir sie erhöhen können. Mit neuen ideen, einem motivierenden Umfeld für Kreative, Unternehmer und Leistungswillige.
    Statt nur festzustellen dass auch Akademiker heute keine Arbeit mehr haben, müssen wir uns mal überlegen, welche Leistungen die Menschen hier und in der Welt brauchen und wünschen, damit die Akademiker (und alle anderen bisher Arbeitslosen) gezielt dafür fit gemacht und motiviert werden können, diese Leistungen zu erbringen.
    Plötzlich hat man wesentlich weniger Arbeitslose, die Lohnnebenkosten können somit sinken und die Löhne auf ein leistungsgerechtes Niveau steigen.
    Dann lohnt sich Arbeit im Vergleich zu Arbeitslosigkeit auch, wenn man den noch verbliebenen Arbeitslosen trotzdem ein würdiges Arbeitslosengeld zahlt.
    Aber wir müssen endlich verstehen, das Lebensqualität von erschaffter Leistung kommt.
    Also müssen wir unser Leistungspotential ausnutzen.
    Überlegen, wie man Arbeitslose in Arbeit bringt.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Alternativen gesucht
Alternativen gesucht

Der Euro wird mit jedem Tag mehr zum Verhängnis für Europa, wirtschaftlich wie politisch. Wann endlich werden...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.