Helmut Kohl und die CDU: Der Vierteljahrhundert-Parteivorsitzende

Helmut Kohl und die CDU: Der Vierteljahrhundert-Parteivorsitzende

, aktualisiert 17. Juni 2017, 08:26 Uhr
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FILE PHOTO - German Chancellor and chairman of the Christian Democrats (CDU) Helmut Kohl waves to supporters after his conservative party's official opening of the election campaign in Dortmund's sports arena, Westfalenhalle, August 23, 1998. REUTERS/Kai Pfaffenbach/File Photo

von Daniel DelhaesQuelle:Handelsblatt Online

Helmut Kohl hat die CDU geprägt wie sonst nur Konrad Adenauer und derzeit Angela Merkel. Was bleibt von dem Altbundeskanzler in der Partei, der er ein Vierteljahrhundert vorstand?

BerlinWer in den vergangenen Jahren die CDU näher beobachtet und mit ihren Vertretern gesprochen hat, der hörte kaum noch den Namen Helmut Kohl. Das Tagesgeschäft ließ kaum Zeit zum Durchatmen. Der Alt-Kanzler selbst vermochte es leider kaum noch, sich zu artikulieren. Dabei hätte er der Partei und auch dem Land an der einen oder anderen Stelle Orientierung geben können, so wie es Helmut Schmidt bis zu seinem Tod tat.

20 Jahre Konrad Adenauer, 25 Jahre Helmut Kohl, 17 Jahre Angela Merkel: Die CDU hat Erfahrung damit, dass ihre Parteivorsitzende viele Jahre wirken. Helmut Kohl prägte die CDU in besonderer Weise.

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Ausgewählte Weggefährten und Politiker aus seinem alten Landesverband, wie etwa die stellvertretende Bundesvorsitzende Julia Klöckner, besuchten ihn auch zuletzt noch regelmäßig. Klöckner schickte sich erst vergangenes Jahr an, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz zu werden und damit in die Fußstapfen des Staatsmanns Kohl zu treten, der ihr als Ratgeber zur Seite stand.

All die Besucher berichteten, dass Kohl sehr wohl das politische Geschehen in Deutschland und der Welt weiter beobachtete. „Helmut Kohl war nicht mehr der Sprache mächtig, aber Helmut Kohl hatte nicht seinen Kopf verloren“, sagt etwa der ehemalige Ministerpräsident Roland Koch, der 1983 Chef der Jungen Union war, als Kohl die Kanzlerschaft übernahm und sich selbst stolz einen bekennenden „Kohlianer“ nannte. Kohls Frau half ihrem Mann bei den Treffen dabei, seine Gedanken zu formulieren. So hatte er etwa auch noch in der Flüchtlingskrise den ungarischen Staatschef Victor Orban empfangen, dem er seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden ist.

Auch, wenn Kohl offiziell kein Ratgeber mehr sein konnte und wegen der Parteispendenaffäre nicht nur seinen Ehrenvorsitz verlor, sondern auch den Kontakt zu Angela Merkel und obendrein zu Wolfgang Schäuble, so lebte doch einiges von Kohl in der Partei weiter. Zum einen ist da das stürmische Rebellentum seiner Anfangsjahre, das auch die Jüngeren in der Partei zelebrieren, um Aufmerksamkeit zu erlangen und den Etablierten Beine zu machen. Kohl tat dies als junger Politiker, trat mit seinem ersten großen Machtzuwachs als Reformator der Union auf und sorgte so dafür, dass die CDU „die große Volkspartei der Mitte“ wurde, wie es Jürgen Rüttgers, einst Zukunftsminister unter Kohl und später Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, nennt. Die heutige Landesvorsitzende Klöckner erklärte, unter Kohls Führung sei die CDU „eine moderne Programm- und Volkspartei“ geworden und Rheinlandpfalz „Idee- und Talentschmiede der Republik“ gewesen.

Dies freilich ist die CDU heute nicht mehr. Im Gegenteil: Sie erscheint eher als Verwalter, denn als Gestalter mit einem klaren Kompass, der auch in unruhigen Zeiten den Weg ans rettende Ufer weist. Bevor Kohl Bundeskanzler wurde, diskutierte die CDU etwa die „neue soziale Frage“, um Kapital und Arbeit zu versöhnen. Auch heute wäre es an der Zeit, angesichts der Digitalisierung, Flüchtlingen und sinkenden Renten diese „neue soziale Frage“ zu diskutieren und zu beantworten. Damals war die CDU in der Opposition, heute regiert sie, da fällt weitsichtiger Reformeifer traditionell schwerer, auch unter Kohl war dies so. Dies sei zur Entschuldigung gesagt. Doch wäre eine neue Debattenkultur in einer Regierungspartei eine Lehre aus einer so langen Regierungszeit, wie Helmut Kohl sie mit seinen 16 Jahren erreicht hat und die Angela Merkel bei einer erneuten Kanzlerschaft im Herbst auch bei ihrem Eintrag in die Geschichtsbücher erreichen kann.


Merkel hat viel von Kohl gelernt

Herausforderungen gibt es zu genüge, die allesamt nicht alternativlos zu beantworten sind. So gehört etwa der gläserne Bürger zu den neuen Fragen, auf die es neue grundsätzliche Antworten im Zeitalter von Big Data zu geben gilt. Die Partei debattiert nicht mehr ausreichend Politik entlang ihrer Grundsätze, beklagte bereits zum 70. Geburtstag der Partei Kurt Biedenkopf, einst unter Helmut Kohl in den 70er Jahren wichtiger Vordenker und dessen Generalsekretär. So vermisst er eine christliche Haltung der Partei in ihrem Familienbild oder bei der Hilfe für Menschen in Not, etwa Flüchtlingen, und stellt die Frage, ob etwa Digitalkonzerne wie Facebook und Google unsere Kultur bestimmen sollen.

Gewiss, die Zeiten ändern sich, wohl aber sind die Herausforderungen dieser Zeit mindestens so groß wie damals. So muss die CDU, aber auch die anderen Parteien, zeitgemäße Antworten geben. Dies wäre eine der Bitten, die Helmut Kohl sicher an die ihm gefolgten Politiker-Generationen gestellt hätte. Sorgen bereiteten ihm zuletzt die europäische Innenpolitik sowie die Herausforderungen, die aufgrund all der Krisenherde mitsamt den Flüchtlingsströmen von außen auf die Union drücken.

Es bleibt auch der Politikstil des Oggersheimers. Angela Merkel hat sich Kohl genau angeschaut, als sie unter dem Kanzler der Einheit als junge Ostdeutsche im Amt der Familienministerin, später als Umweltministerin den Bonner Politikbetrieb kennenlernte. Ein „Glücksfall für uns Deutsche“, sei Kohl gewesen, erklärte die Bundeskanzlerin am Freitagabend. Wohl wahr, denn ohne Kohls historisch versiertes Reaktionsvermögen wäre die Deutsche Einheit nie zustande gekommen. Es war Kohls Fähigkeit, den anderen Staats- und Regierungschefs die Angst vor den Deutschen zu nehmen, vor allem die Angst vor einem geeinten Deutschland.

Diese Aufgabe gilt es bis heute noch anzunehmen, wie die Fliehkräfte in Europa zeigen, die immer wieder mit dem Hinweis auf die Dominanz Deutschlands ausgelöst werden. „Das Geheimnis der Politik von Helmut Kohl lag darin, Zuwendung zu zeigen in Situationen, in denen man es in der Position des Stärkeren eigentlich nicht brauchte“, sagt Roland Koch.

„Er gab den anderen – insbesondere den Führern der kleineren Staaten in Europa, immer das Gefühl, dass er um die Bedürfnisse und die wechselseitigen Abhängigkeiten wusste und sie respektierte“, erklärt Koch weiter und sieht auch in der Politik Merkels Parallelen. „Dieses Grundprinzip gilt heute wieder, auch wenn wir Wladimir Putin und Angela Merkel nie gemeinsam in der Sauna sehen werden“. Grundsätzlich sei die menschliche Ebene „von erheblicher Bedeutung für politische Erfolge“.

Derzeit lässt sich dies im Umgang von US-Präsident Donald Trump mit anderen Staats- und Regierungschefs im schlechten Sinne gut beobachten. Kohl aber hat wie Adenauer all die Jahre die Freundschaft zu den Vereinigten Staaten geprägt und betont. Und so hält es auch die Volkspartei CDU weiter, selbst wenn sich das Verhältnis zu Präsident Trump derzeit schwer gestaltet. Die Verpflichtung gehört zur DNA der Partei, wie auch die Idee eines vereinten Europas zu den Werten der CDU gehört. So lebt etwas von Helmut Kohl weiter, auch wenn er sich mit der Parteispendenaffäre einen Bärendienst erwiesen und seinen Eintrag im Geschichtsbuch der Partei geschmälert hat.

Quelle:  Handelsblatt Online
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