Historiker Wehler im Interview: Deutscher Wiederaufstieg nach 1949: "Das gab es vorher nie"

Historiker Wehler im Interview: Deutscher Wiederaufstieg nach 1949: "Das gab es vorher nie"

Bild vergrößern

Die Flagge der Bundesrepublik Deutschland weht seit 60 Jahren.

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler über die Ursachen und Nachwirkungen des deutschen Wiederaufstiegs.

WirtschaftsWoche: Herr Professor, warum ist die Geschichte der Bundesrepublik zur Erfolgsstory geworden?

Wehler: Weil sich ein neuer Staat, der unter schwierigen Bedingungen gegründet wurde, überraschend in kurzer Zeit politisch, sozial, ökonomisch so entwickelte, dass er schon nach wenigen Jahren als Muster an Stabilität galt. Ich habe seit den Fünfzigerjahren in Amerika und England immer wieder Männer kennengelernt, die nach 1945 als Offiziere in Westdeutschland gewesen waren. Die sagten alle, nach diesem schrecklichen Krieg würde es mindestens eine Generation dauern, mindestens 30 Jahre, bis Deutschland wieder in Gang kommt – wenn überhaupt. Und dann ist Deutschland wieder in Gang gekommen...

Anzeige

...durch die Gründung der Bundesrepublik?Wirtschaftlich nicht. 1948 und 1949 gingen die Arbeitslosenzahlen hoch. Die Lebenshaltungskosten stiegen. Aber dann kam 1950 der Koreakrieg.

Die USA und ein paar Verbündete kämpften gegen das kommunistische Nordkorea, das den Süden überfallen hatte. Was hatte das mit der jungen, schwachen Bundesrepublik zu tun?Dieser Krieg zwang wichtige Länder, sich wieder auf Kriegsproduktion umzustellen. In die Lücke, die so auf dem Weltmarkt entstand, ist der westdeutsche Außenhandel hineingestoßen. Die deutschen Exporteure waren 1954/55 wieder in der Weltspitze.

Das soll der Hauptgrund sein, dass die Bundesrepublik seitdem so viel stabiler und erfolgreicher ist als alles, was wir aus der deutschen Geschichte sonst kennen?Sicher kann man sagen, das ist ein ökonomistisches Argument.

Also eines, das die Bedeutung der Wirtschaft überschätzt.Ja, aber das Besondere ist eben die einzigartige Hochkonjunkturperiode von 1950 bis 1971, das Wirtschaftswunder. Einen so langen Aufschwung, mit Wachstumsraten von bis zu acht, neun Prozent jährlich hat es vorher in der westlichen Wirtschaftsgeschichte nicht gegeben.

Und darum ist Bonn nicht Weimar, wie ein berühmter Spruch damals lautete?Ja. Das individuelle Einkommen der Erwerbstätigen vervierfachte sich zwischen 1950 und 1970. Das ist nach den Weltkriegen, der Weltwirtschaftskrise, dem Nachkriegselend ganz unerwartet. Mit großen sozialen Folgen: Das klassische Industrieproletariat erodiert, der Aufstieg in die unteren bürgerlichen Mittelklassen beginnt. Ein Arbeiter, der 1950 um die 200 D-Mark im Monat verdient, bekommt 1970 schon 1000 D-Mark. Das heißt, er kann nach zwei Jahren anstelle des Fahrrads ein Motorrad kaufen. Ein paar Jahre später kommt der Urlaub in Bayern oder schon in Italien dazu, um 1960 der erste gebrauchte VW. In den Sechzigerjahren kann ein Industriearbeiter in ein mithilfe einer Baugenossenschaft gebautes Vorort- Häuschen ziehen. Das ist eine ganz andere Erfahrung als die früherer Generationen.

Wie konnte es überhaupt zu diesem Wirtschaftswunder kommen?Da gibt es eine internationale Debatte der besten Ökonomen und Wirtschaftshistoriker. Von den konkurrierenden Thesen überzeugen mich zwei: Zum einen die Rekonstruktionsthese, die in den Sechzigerjahren der ungarische Ökonom Ferenc -Jánossy entwickelt hat. Er wies darauf hin, dass der Krieg nur 24 Prozent der deutschen Industrie zerstört hat. Wenn drei Viertel eines riesigen Apparats erhalten bleiben, und es kommen neue Investitionen, Arbeitskräfte und Know-how hinzu, erreicht die Wirtschaft irgendwann den Pfad, den sie ohne Krieg eingeschlagen hätte. Übrigens verweist gerade diese These auch auf das Versagen der DDR. In Ostdeutschland war höchstens zwölf Prozent des Produktionsapparats zerstört. Die DDR hätte also eine viel bessere Ausgangsposition gehabt – wenn sie nicht den verrückten Stalin’schen Weg des Aufbaus einer Schwerindustrie eingeschlagen hätte.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%