Historikerin Ute Frevert im Interview: "Es fehlt die Transparenz"

Historikerin Ute Frevert im Interview: "Es fehlt die Transparenz"

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Ute Frevert, 54, ist seit Januar 2008 Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Vorher war sie Professorin für deutsche Geschichte an der Yale University.

Die Historikerin Ute Frevert über Vertrauen als unverzichtbare Grundlage der Marktwirtschaft. Aus der WirtschaftsWoche-Serie "Die Zukunft des Kapitalismus".

WirtschaftsWoche: Frau Frevert, Sie haben über das Phänomen des Vertrauens in der modernen Geschichte geforscht. Was lässt sich daraus über die derzeitige Krise lernen?

Ute Frevert: Für mich ist es schon kurios, dass jetzt das Wort Vertrauenskrise in aller Munde ist. Es ist doch erst einmal eine Krise unserer Institutionen, deren interne Kontrollsysteme nicht funktioniert haben, weil man sich zu stark auf zweifelhafte Ratings und Versprechungen verlassen hat. Es gab Informationsmängel und wahrscheinlich auch den mangelnden Willen, richtig informiert zu werden.

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Das alles hat nichts mit Vertrauen zu tun?

Schon, aber es geht um Vertrauen auf ganz verschiedenen Ebenen: einmal das Vertrauen der Konsumenten gegenüber den Banken, denen sie ihr Geld anvertraut haben. Dann das fehlende Vertrauen der Banker untereinander, weshalb sie sich gegenseitig kein Geld mehr leihen. Und vor allem geht es um das Vertrauen in das ganze System, in seine Transparenz und Berechenbarkeit, in seine Fähigkeit zur Selbststeuerung.

Das Misstrauen gegenüber der gesamten Wirtschaftsordnung ist dabei wichtiger als das geschwundene Vertrauen zwischen Individuen?

Ja, langfristig schon. Wir Deutsche haben einen verschwommenen Vertrauensbegriff. Auf Englisch ist das klarer: Die Amerikaner reden jetzt von einer „crisis of confidence“, eine „crisis of trust“ wäre etwas anderes.

Was ist der Unterschied?

Der Soziologe Niklas Luhmann erklärt „confidence“ als die Erwartung, dass etwas in meinem Sinne passiert, ohne dass ich selbst damit zu tun habe oder es gezielt zu meinen Gunsten geschieht – also dass morgen die Züge der Deutschen Bahn fahren oder die Sonne wieder aufgehen wird. „Trust“ ist dagegen das Vertrauen, dass meinem Gegenüber mein Wohlergehen am Herzen liegt und er sich entsprechend verhält.

Liegt nicht hier das eigentliche Problem, die Menschen haben das Vertrauen in ihren Bankberater verloren?

Nein, es geht eher um Misstrauen gegenüber dem System, nicht gegenüber einzelnen Leuten. Der Unterschied zwischen dem Vertrauen in Personen und dem Vertrauen in Institutionen besteht ja auch darin, dass Vertrauen in einzelne Menschen langsam entsteht. Solche Beziehungen bauen sich nicht von heute auf morgen auf, und sie brechen in der Regel auch nicht durch ein einzelnes Ereignis zusammen. Confidence – also das Vertrauen in die Verlässlichkeit von Systemen – kann dagegen ganz schnell erschüttert werden. Institutionen funktionieren nur dann, wenn alle Beteiligten sich einigermaßen an Regeln halten.

Also setzt das Vertrauen in Institutionen voraus, dass andere sich an Regeln halten?

Nicht nur. Es sind auch Kontrollinstrumente vonnöten, welche die Einhaltung der Regeln ohne Drangsalierung begünstigen und für den negativen Fall Sanktionen einschließen.

Was heißt das konkret?

Wenn Regelvertrauen vorhanden ist, brauche ich dem einzelnen Menschen, der mich bei der Geldanlage berät, persönlich kein besonderes Vertrauen entgegenzubringen. Ich weiß eben, dass er zu einem System gehört, dessen Kontrollmechanismen funktionieren und das deshalb für mich vertrauenswürdig ist.

Die Zukunft des Kapitalismus

Die Zukunft des Kapitalismus

So sollte es zwar sein, so ist es aber nicht mehr. Sollte man nicht doch die diskreditierten Akteure von gestern durch andere ersetzen – Banker, Manager, ganze Unternehmen?

Sicher werden personelle Veränderungen nötig sein. Ich glaube aber, dass Veränderungen im System wichtiger sind. Es muss mehr interne Transparenz und Kontrollen geben – und ein gesteigertes Bewusstsein für Proportionen, für Maß und Risikoeinhegung. Und man sollte intensiv und folgenreich über persönliche Verantwortung nachdenken, vor allem bei den hochbezahlten Spitzenmanagern. Anders als frühere Eigentümer haften sie ja nicht mehr persönlich für ihre Entscheidungen, die ganze Wirtschaftssysteme in Mitleidenschaft ziehen. Hier gibt es ein Missverhältnis, das ein Gutteil der öffentlichen Irritation und Empörung in der gegenwärtigen Situation erklärt: Die Verantwortlichen setzen bei ihren hochriskanten Operationen allenfalls ihren Job aufs Spiel und finden rasch einen neuen, nicht aber ihr Millionenvermögen, ihre gesamte Existenz. Zur Selbststeuerung gehört, dass nicht nur Erfolge, sondern auch Misserfolge Konsequenzen haben.

Können Sie sich eine kapitalistische Wirtschaft ohne die Ressource Vertrauen vorstellen?

Nein. Das liegt ja schon an der hochdifferenzierten Arbeitsteilung, die den modernen Kapitalismus kennzeichnet. Nicht nur in der Finanzwirtschaft: Wenn der Marktteilnehmer nicht mehr selbst die Herkunft oder die Zusammensetzung des Produkts erkennen kann, das er kaufen soll, dann muss er dem Fachwissen und der Ehrlichkeit der Hersteller und Händler vertrauen. Sonst bricht der Markt zusammen.

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