Illner-Talk zur Euro-Krise: „Nehmt doch unser Pfund!“

Illner-Talk zur Euro-Krise: „Nehmt doch unser Pfund!“

, aktualisiert 09. Dezember 2011, 10:41 Uhr
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Illner-Talk zur Euro-Krise

Quelle:Handelsblatt Online

An einem vielleicht historischen Abend diskutierten der enorm gelassene Klaus von Dohnanyi, der ewige Wahlkämpfer Markus Söder und ein äußerst britischer Brite bei Maybrit Illner verblüffend sachlich über die Euro-Krise.

BerlinAngela Merkel zaudert ständig, regiert aber auch viel zu dominant; die amerikanischen Ratingagenturen arbeiten gegen den Euro und haben völlig recht mit ihren Warnungen - wer auch nur sporadisch aktuelle Medien verfolgt, weiß, dass zu diesen und vielen verwandten Problemen im Moment alle Meinungen oft relativ fundiert vertreten werden und bis auf weiteres ja auch nicht widerlegbar sind. Kleine Überraschung gestern Abend im ZDF bei Maybrit Illner: Die mal wieder marktschreierisch auf RTL2-Alliterations-Niveau betitelte Ausgabe "Merkel, Macht und Märkte - Deutschland bald auf Ramschniveau?" bündelte viele Argumente dazu in sinnvoller Form.

Die Tagesordnung begann mit der Ratingagenturen-Frage. Wenige Minuten zuvor erst hatte der Programm-Trailer zur ZDF-Eigenwerbung angekündigt, dass in der Markus-Lanz-Show im Anschluss Rainer Brüderle auftreten wird, da bescheinigte Dirk Müller diesem auch schon, mit seiner Ratingagenturen-Kritik Recht zu haben. Unternehmen wie Standard & Poor's seien "keineswegs demokratisch legitimiert" und arbeiteten "mit großer Nähe zur amerikanischen Politik", sagte der aus vielen Talkshows bekannte "Mister Dax".

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Klaus von Dohnanyi, sowohl als "Grandseigneur" der SPD wie auch als "Merkel-Freund" angekündigt, plädierte für Gelassenheit und strahlte diese zumindest selbst gleich aus. Es dürften in Europa bloß keine gesetzlichen Konsequenzen mehr an Entscheidungen der Ratingagenturen geknüpft werden. Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen und mit 39 Jahren bereits fast so graumeliert wie Dohnanyi, demonstrierte die von Oppositionsvertretern in Talkshows auch eher selten geübte Kunst des Differenzierens (Ratingagenturen müssen zwar Macht verlieren, dürften aber nicht zum Sündenbock gemacht werden).

Bloß Markus Söder, seit November frischgebackener Finanzminister Bayerns, packte die Chance, Wahlkampf zu machen, beim Schopf. Zumindest Bayern würde das beste Rating verdienen. Dennoch: So sachlich wurde das Thema nicht oft im Fernsehen behandelt; zwischendurch hatte man auch von der chinesischen Ratingagentur erfahren, von der man selten hört, und von der US-amerikanischen Gesetzgebung, die nichtamerikanische Agenturen entscheidend benachteiligt.


Charamante Französin

Anschließend erweiterte Maybrit Illner die Runde nach ihrer immer etwas rätselhaften Gäste-Dramaturgie um die beiden übrigen Teilnehmer: die französische Fernsehjournalistin Anne Mailliet und den Briten David Marsh. Beim Besprechen des Deutschlandbildes im restlichen Europa kamen vom Volker-Kauder-Aufreger-Zitat "Auf einmal wird in Europa deutsch gesprochen" bis zu Maggie Thatchers Handtasche aus den 1980er Jahren alle Standard-Bausteine entsprechender Debatten zu Ehren. Und dennoch war es unterhaltsam und aufschlussreich, schon weil auch die ausländischen Gäste Nationalklischees mit Leben füllten.

Sehr charmant erklärte die Französin Mailliet, warum das in ihrer Heimat wachsende "Lager der Souveränisten" derzeit gerne auf die Deutschen schimpfe. Mit einer Selbstironie, von der deutsche Talkshowzuschauer im Allgemeinen nur träumen können, brachte der Brite Marsh Humor in die Show ("Wenn Ihr wirklich wolltet, würden wir Euch unser Pfund anbieten!").

Außerdem skizzierte er die Haltung der Briten zum Euro, die gespaltener sei als es scheine. Was allerdings Markus Söder nicht überzeugte. Der wollte Marsh kurz darauf am liebsten persönlich für die Inhalte der jüngsten englische Parlamentsdebatte zum Euro verantwortlich machen - was zumindest idealtypisch zeigte, wie sehr bei sämtlichen Euro/EU-Diskussionen politische Haltungen und nationale Zugehörigkeit durcheinander geraten. Später zeigte sich Söder dann auch von Marshs lockerer Sprache inspiriert ("Es sind ja reihenweise Regierungen gepurzelt").

Mailliet kam leider kaum mehr zu Wort. Dafür schaltete sich Marsh umso öfter ein und redete in ungefähr jeden zweiten Redebeitrag hinein. Inhaltlich nannte er es "eine Binsenwahrheit, dass Deutschland sich übernimmt", äußerte aber auch Respekt für Angela Merkels Politik, die sich als relativ gemeinsamer Nenner der Runde herauskristallisierte. Allein der Grüne Schick kritisierte sachlich, ohne jedoch ausgreifende Alternativen zu entwickeln, die Kanzlerin. "Alles richtig, was Sie jetzt versuchen zu sagen", gab ihm sein Sitznachbar Dohnanyi mit, dessen Gelassenheit im Lauf des Abends gar noch anstieg. Der SPD-Veteran kleidete sein Merkel-Lob unter anderem in die Worte, dass in der "äußersten Komplexität" der Situation zwar "nichts perfekt" sei, aber die Kanzlerin "relativ vernünftig" damit umgehe.


Brüssel-Schalte verheißt nichts Gutes

In etwa das kann man zumindest Maybrit Illner bescheinigen. Mit der komplizierten Thematik ging ihre Talkshow recht vernünftig um. Und das ist in der im Moment unvernünftig überfüllten deutschen Talkshowlandschaft keine Selbstverständlichkeit.

Gegen Ende verblüffte Müller seine Mitdiskutanten mit ein paar eher makroökonomischen Thesen. Seinen Vorschlag, Staatskredite statt von privaten Banken am besten nur noch von der EZB vergeben zu lassen, erkannte Dohnanyi als von ihm in einem längst vergriffenen Buch schon einmal entwickelte Idee, über die er bereits mit Karl Schiller, dem Wirtschafts- und Finanzminister der 1960er und 1970er Jahre diskutiert habe. Irgendwann werde es genau so kommen, prophezeite er.

Bevor die Debatte sich aber zu sehr auf eine zeitentrückte Feelgood-Ebene verlagern konnte, wurde dann noch - absoluter Höhepunkt jeder aktuellen ZDF-Politiksendung mit Europa-Thema - der unentwegte Korrespondent Udo van Kampen live aus Brüssel zugeschaltet. Dass es "nicht gut aussieht für eine Einigung", dass es "in Richtung Spaltung" gehe, berichtete er. "Vielleicht ein historischer Tag", schlussfolgerte Illner. Das muss die Geschichte entscheiden. Zumindest wäre es dann - auch wenn die Titelfrage "Deutschland bald auf Ramschniveau?" komplett unbeantwortet blieb - für einen solchen eine relativ angemessene Talkshow gewesen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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