Eine sehr deutsche Geschichte: Der Vater ist Geistlicher, ein ebenso frommer wie belesener Theologe. Der Sohn erbt den Wissensdurst, aber nicht die Frömmigkeit. Er findet, es komme „nicht darauf an, was man glaubt, sondern dass man ein anständiger Mensch ist“. Es kommt zum Konflikt mit dem Elternhaus, und irgendwann folgt die Versöhnung. Der Sohn wird Naturwissenschaftler und bringt es zum hoch angesehenen Professor. Bis in die Gegenwart hinein sind die Sprösslinge evangelischer Pfarrhäuser aus der deutschen Wissenschaftsgeschichte nicht wegzudenken. Doch Mojib Latif, Professor für Meereswissenschaften an der Universität Kiel, ist Sohn eines islamischen Imam, der in den Fünfzigerjahren als Prediger von Pakistan nach Hamburg entsandt wurde. Der 1954 geborene Sohn wuchs kaum anders auf als die deutschen Nachbarskinder. „Meine Geschwister und ich waren damals die einzigen jungen Ausländer weit und breit“, erinnert sich Latif heute. Allenfalls der im Elternhaus erlernte Bildungshunger mag untypisch für die Nachbarschaft gewesen sein – vor allem aber der Ehrgeiz, es als Einwandererkind zu etwas zu bringen. Zuwanderer, die in Deutschland Karriere machen, gibt es schon lange. Trotzdem sind sie etwas Besonderes: Denn die öffentliche Diskussion wird bestimmt von der Masse der gescheiterten Migranten, der missglückten oder gar nicht erst versuchten Integration, von annähernd 25 Prozent Arbeitslosigkeit unter türkisch-stämmigen Jugendlichen, vom katastrophalen Abschneiden der Migrantenkinder in einem für sie wenig hilfreichen Schulsystem, von Abkapselung in kulturellen Parallelwelten einerseits und hässlicher Fremdenfeindlichkeit andererseits. Dass Kinder von Zuwanderern aus der Türkei in deutschen Gymnasien unterrepräsentiert sind, weiß die Nation spätestens seit dem Schock der Pisa-Studie von 2000 bis aufs Zehntelprozent genau. Kinder von Ausländern – das hatten die Pisa-Forscher neben vielem anderen ermittelt – müssen in Deutschland viel häufiger eine Klasse wiederholen als ihre Schulkameraden aus einheimischen Familien. In keinem vergleichbaren Land klafft laut „Pisa“ der Lernerfolg von Einheimischen und Zuwandererkindern weiter auseinander als in Deutschland. Umso interessanter sollten eigentlich die Geschichten von erfolgreichen Zuwanderern sein. Doch um die haben sich Bildungsforscher, Soziologen und Ökonomen bisher kaum gekümmert. Ein Defizit mit praktischen Folgen, wie die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) klagt: „In einer Zeit des globalen Wettbewerbs brauchen wir in unserem Land alle Talente und Begabungen – insbesondere auch das Potenzial der Migrantenkinder.“ Für die BDA heißt die daraus resultierende Forderung „Integration durch Bildung“. Das setzt bessere Schulen voraus, die Kinder mit fremdem kulturellem Background gezielt fördern und sie in Kontakt bringen mit Unternehmen, die an künftigen Arbeitnehmern interessiert sind. Auf diese Weise, stellt sich die BDA vor, ließen sich die Schulabbrecherzahlen verringern und mehr tüchtige Techniker und Kaufleute für deutsche Unternehmen gewinnen. Ein solches Programm dürfte aber kaum ausreichen, in Deutschland mehr Spitzenleute mit familiären Wurzeln im Ausland heranzuziehen. Die Unternehmer, Manager, Wissenschaftler mit Migrationshintergrund, die mit der WirtschaftsWoche über ihre Karrieren geredet haben, sind durch die Bank keine Produkte besonders guter Schulen. Etliche wollten gerade über ihre Schulzeit nur ungern sprechen, weil sie mehr trotz als wegen ihrer Erfahrung in der Schule später im Leben Erfolg hatten – wie viele Deutsche auch. Manche von ihnen sind auch gar nicht in Deutschland zur Schule gegangen, sondern kamen schon als junge Erwachsene ins Land, lange bevor von einer wirklich eindrucksvollen Karriere die Rede war.
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Zhengrong Liu ist dafür ein Beispiel. Er kam 1990 mit 22 Jahren und 300 Mark in der Tasche auf eigene Initiative zum Studieren nach Köln. Sein Pädagogikstudium verdiente sich der junge Chinese als Kellner und Sprachlehrer – und traf dabei auf deutsche Manager, die ihn anspornten, seine Begabung nicht zu verplempern und vernünftig Karriere zu machen. Die führte ihn über eine Zwischenstation bei einem deutschen Arbeitgeber im heimischen Shanghai wieder nach Deutschland zurück. Seit zwei Jahren ist Liu Personalchef der Bayer-Ausgründung Lanxess in Leverkusen und damit für 20.000 Mitarbeiter weltweit verantwortlich. So weit wie Liu haben es nur wenige von weit her kommende Ausländer in Deutschland gebracht – abgesehen von Größen in Showbusiness und Sport. Für die erfolgreichen Zuwanderer in Wirtschaft und Wissenschaft aber scheint Lius Weg in mindestens zwei Punkten typisch zu sein. Erstens nutzte der Chinese seine kulturelle Herkunft für den eigenen Aufstieg, blieb aber weiter an Deutschland orientiert. Und zweitens wusste Liu von Kindheit an, dass es im Leben auf Bildung und Anstrengung ankommt. Sein Vater war Chinesisch-Professor, seine Mutter Russisch-Lehrerin in Shanghai. Meist gibt die individuelle Familiengeschichte den Ausschlag, ob Zuwanderer reüssieren oder nicht. Hunderttausende Türken zogen seit den Sechzigerjahren nach Deutschland, aufgestiegen sind wenige. Vural Öger etwa, der große Reiseunternehmer, und Kemal Sahin, der global operierende Textilindustrielle, kamen beide als Studenten an deutsche Hochschulen. Was sie von ihren Landsleuten unterschied, war die eigene Vorbildung, aber vor allem die Bildungsbeflissenheit ihrer Väter: Ögers Vater war ein Offizier, der seinen Sohn nach Berlin schickte, damit der neben Betriebswirtschaft auch preußische Tugenden lernen möge; der Vater von Sahin war zwar ein einfacher Bauer, aber einer, der keine Mühe scheute, seinen Sohn über Stock und Stein in eine vernünftige Schule ins größere Nachbardorf zu schicken: erste, typische Schritte auf dem Weg zur Karriere. Kulturelle Prägung durch Familie und heimatliche Sitten bestimmen den Erfolg von Einwanderern und ihrer Kinder mehr als fast alles andere. Für die USA, das klassische Einwanderungsland, hat der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Sowell viele Belege darüber zusammengetragen, dass die ganz unterschiedliche wirtschaftliche und soziale Lage verschiedener ethnischer Gruppen wenig mit Rassismus und viel mit kultureller Prägung zu tun hat.








