In Gedenken an Egon Bahr : Wie Egon Bahr meinen Alltag veränderte

In Gedenken an Egon Bahr : Wie Egon Bahr meinen Alltag veränderte

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Der SPD-Politiker Egon Bahr im Willy-Brandt-Haus in Berlin.

Das SPD-Urgestein Egon Bahr ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Der frühere Bundesminister gilt als Architekt der deutschen Ostpolitik unter Kanzler Brandt. Ganz persönliche Erfahrungen unserer Autorin Cordula Tutt.

Manchmal dringt Politik erst nach Jahren oder Jahrzenten bis ins tägliche Leben vor. Mein Alltag heute würde ohne Egon Bahr anders aussehen. Ich bin in der Bundesrepublik aufgewachsen und lebe nun im Osten Berlins, umgeben von gelernten DDR-Bürgern und Zugezogenen. Ich habe Ost-Kitas mit Ganztagsbetreuung kennengelernt (manchmal schon für Babies ab acht Wochen). Ich schreibe Notizen ins „Muttiheft“. Der Name fürs Mitteilungsheft an Lehrerinnen und Erzieherinnen hält sich zäh, auch wenn Väter hineinschreiben, was sie fürs Klassenfest vorbereiten oder mal wieder ein Handschuh in der Schule liegengeblieben ist. Vor Jahren habe ich mit einer Polin die Wohnung geteilt.

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Mein Deutschland ist ostiger, größer und vielfältiger geworden als es das wäre, wenn es Menschen wie Egon Bahr nicht gegeben hätte. Der SPD-Politiker Egon Bahr ist nun im Alter von 93 Jahren gestorben. Er ist der unauffällige kleine Mann mit zurückgekämmtem Haar, der auf unzähligen Fotos von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) einen Schritt hinter diesem steht, immer als Ratgeber in Hörweite.

Mein Leben würde anders aussehen, wenn Bahr Anfang der 1960er Jahre nicht ein neues Denken gewagt hätte. Der Osten und der Westen waren damals Gegner, man nannte es „Kalten Krieg“. Wenn er es nicht geschafft hätte, erst Willy Brandt davon zu überzeugen, der damals noch Regierender Bürgermeister im geteilten Berlin war. Wenn er es nicht vermocht hätte, die Politik der sozial-liberalen Bundeskoalition der 1970er Jahre unter Brandt zu prägen.

Wichtige Lebensstationen des Egon Bahr

  • 1956

    Über den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, gelangt der Journalist Bahr zur SPD.

  • 1963

    Bahr stellt das Konzept „Wandel durch Annäherung“ vor.

  • 1966

    Brandt wird in der Großen Koalition Außenminister, Bahr geht als Sonderbotschafter in das Auswärtige Amt in Bonn.

  • 1969

    Bahr arbeitet im Kanzleramt dem ersten SPD-Kanzler Brandt zu. Mit Moskau und Warschau verhandelt er über Verträge zu einem Gewaltverzicht und einer Normalisierung der Beziehungen. Er sucht zudem die Annäherung an die DDR, um das deutsch-deutsche Verhältnis zu verbessern, unter anderem wird ein Transitabkommen geschlossen.

  • 1972

    Bahr wird Bundesminister für besondere Aufgaben und setzt vor allem Brandts neue Ost - und Deutschlandpolitik fort.

  • 1974

    Der größte Tiefschlag ist Brandts Rücktritt nach der Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume im Kanzleramt. Dennoch wird er wenig später im Juli unter Nachfolger Helmut Schmidt noch einmal Minister, für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

  • 1976

    Nach der Wahl scheidet er aus dem Kabinett aus. Er wird zunächst SPD-Bundesgeschäftsführer. Sein großes Thema ist aber bis heute die Abrüstungs- und Friedenspolitik geblieben.

„Wandel durch Annäherung“ war seine Formel, die er 1963 entwickelte. Das war mutig und hätte schief gehen können. Die Kritiker schrien damals, wer sich auf den Ostblock zu freundlich zubewege und Gespräche suche, der zeige nur Schwäche. Die CDU reagierte mit dem Slogan, Bahrsche Politik sei nur „Wandel durch Anbiederung“. Aber auch in der SPD, Bahrs eigener Partei, sahen viele nicht, dass Zuwendung statt Abschottung auch eine Stärke sein kann. SPD-Fraktionschef Herbert Wehner witzelte über den Erfinder der Ostpolitik: „Dies ist bahrer Unsinn!“ Mit h.

Schritt für Schritt näherten sich beide deutsche Staaten an. Der Bruch in Ost und West bestand weiter, doch es führten nun ein paar Brücken über die Schlucht. 1973 wurden beide deutschen Staaten in die Uno aufgenommen. Was als Methode erst den Ostblock zu stärken schien, führte letztlich dazu, dessen Schwächen zu offenbaren. Die Sowjetunion löste sich 1991 auf.  

Damals freilich hat bereits ein anderes Denken die deutsche Politik beeinflusst. Kanzler Helmut Kohl (CDU) strebte die schnelle Vereinigung Deutschlands und einen Beitritt der DDR-Länder zur Bundesrepublik an. Was die SPD so nicht wollte. Doch so wie in den 1970ern die regierende SPD mit der Ostpolitik richtig handelte, lag in der Zeit nach dem Bröckeln der Ost-West-Blöcke die Union in den 1990er Jahren richtig.

Der kleine Mann auf den Fotos der alten Bonner Republik hat also einige meiner Entscheidungen erst ermöglicht. Nicht nur das Internet, auch Politiker wie Egon Bahr haben mein Leben verändert.

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