
In der ersten Reihe sitzen Ehefrau und Schwester, auf dem Podium thronen Vater und Sohn. Eine Art Familientreffen. Doch ein Familientreffen der besondern Art: Lakshmi Mittal und sein Sohn Aditya sind die Herrscher über den größten Stahlkonzern der Welt. Sie sind nach Paris gekommen, um die größte Übernahme in der Geschichte der Stahlindustrie voranzutreiben: Mittal Steel will den von Franzosen dominierten Rivalen Arcelor kaufen. Für 19 Milliarden Euro. Familie Mittal genießt das Blitzlichtgewitter Mitte dieser Woche in dem voll besetzten Saal des Pavillon Gabriel, genau gegenüber des Elysée-Palasts, dem Sitz des französischen Staatspräsidenten. Vater Lakshmi erzählt in indisch gefärbtem Englisch von seinem Besuch bei Frankreichs Wirtschaftsminister Thierry Breton. Der sei „sehr besorgt“ wegen der Fusion. Bei finanziell heiklen Fragen tritt Sohn Aditya Mittal ans Pult. Er ist für die Konzernfinanzen verantwortlich und sieht trotz seines dunkelblauen Anzugs wie ein 15-Jähriger aus. Selbstbewusst, aber nüchtern antwortet der blendend aussehende junge Mann in perfektem, leicht amerikanisch gefärbtem Englisch auf Fragen der geladenen Gäste.
Wenig später im nahe gelegenen Hilton. Arcelor-Chef Guy Dollé will der Welt erklären, warum er Mittals Offerte ablehnt. Dollé, ein älterer Herr mit grauem Schnauzer, eröffnet seine Präsentation mit einer Spitze: „Mein Sohn ist nicht dabei.“ Er macht sich lustig über den Familien-Clan, der ein Sammelsurium an Stahlunternehmen zusammengekauft habe. „Wir passen nicht zusammen“, sagt Dollé. „Wir sind Parfüm, und die sind Eau de Cologne.“ Die Arroganz werden sich europäische Unternehmen nicht mehr lange leisten können – auch Arcelor nicht: Am Dienstagabend musste der stellvertretende Vorstandschef Michel Wurth in Frankfurt zugeben: „15 Prozent unserer Aktionäre sind uns sicher.“ Damit stünden 85 Prozent der Offerte von Mittal positiv gegenüber. Dabei ist Indien mit seinem chaotischen Gewimmel auf den Straßen, dem schreienden Elend in vielen Provinzen im Bewusstsein der Europäer noch immer als Entwicklungsland verankert, bestenfalls als Heimat billiger Software-Kulis oder bunter Filme aus Bollywood. Aber die haben weltweit Fans, und die Computerprogrammierer sind auch nicht mehr so billig, sondern gefragte Fachleute von Weltrang. Die Attacke Mittals auf Europas größten Stahlhersteller ist der Beginn eines neuen Kampfs der Kulturen und zugleich ein Lehrstück der Globalisierung. Neben China ist Indien die zweite ungestüm aufstrebende Wirtschaftsmacht Asiens, die vor allem Europäern das Fürchten lehren wird. Wenige Jahrzehnte wird es aller Voraussicht nach noch dauern, dann hat Indien Deutschland als drittgrößte Wirtschaft der Welt überholt. Wendige und innovative Unternehmen aus allen erdenklichen Branchen von Informationstechnik bis Biotech, von Autozulieferern bis Pharma- und Stahlindustrie erobern die Weltmärkte und suchen nach Übernahmezielen. Auch in Deutschland. „Das 21. Jahrhundert soll das indische Jahrhundert werden“, sagt Indiens Premierminister Manmohan Singh.













