Industriestandort: "Was ist in Deutschland überhaupt noch möglich?"

Industriestandort: "Was ist in Deutschland überhaupt noch möglich?"

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Andreas Bruns, Initiative "Zukunft durch Industrie"

von Lothar Schnitzler

Andreas Bruns, Vorsitzender der neu gegründeten Initiative "Zukunft durch Industrie" über den zunehmenden Widerstand gegen Industrieprojekte, Stuttgart 21 und den Castor-Transporten.

wiwo.de: Herr Bruns, Sie und ihre Mitstreiter haben die Initiative „Zukunft durch Industrie“ ins Leben gerufen. Versteht sich die Initiative als Gegenbewegung zu den Grünen oder Bürgerbewegungen wie Greenpeace oder die Anti-Stuttgart-21-Demonstrierer?

Bruns: Nein, auf keinen Fall. Im Gegenteil: Wir suchen das Gespräch mit diesen Gruppen.

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Worum geht es denn?

Wir erleben zunehmend, dass viele Bürger eine ablehnende Haltung zu neuen Industrieansiedlungen, Energie- oder wie im Falle Stuttgart 21 zu Verkehrsprojekten einnehmen. Grund dafür sind unserer Meinung in erster Linie unzureichende Kommunikation und die hohe Komplexität der Projekte. Wir wollen die Diskussion nicht nur jenen überlassen, die industriellen Fortschritt generell ablehnen, sondern der Breite der Bevölkerung ermöglichen, sich auf Basis von verständlichen Fakten ein eigenes Bild zu machen. Die natürliche Distanz zur Industrie ist erst einmal bei vielen groß, weil sie weder als Arbeitnehmer, noch als Kleinunternehmer oder Kommunalpolitiker eine Beziehung zur Industrie haben.

Müssen wir jetzt damit rechnen, dass es künftig bei strittigen Projekten gleich zwei Demos gibt, eine der Gegner und eine der Befürworter?

Vor der Demo steht unserer Überzeugung nach Kommunikation und Dialog. Wer Für und Wider abwägen kann und den größeren Zusammenhang kennt, lässt sich weniger leicht emotionalisieren. Uns geht es auch darum, mit den industriekritischen Aktivisten ins Gespräch zu kommen, aber vorrangig geht es uns um die Schaffung eines besseren Industrieverständnisses in der Bevölkerung.

Ist  die Initiative eine Reaktion auf die Vorgänge um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21?

Klares Nein. Das liegt schon an unserem regionalen Fokus. Darüber hinaus fanden die ersten vorbereitenden Treffen zur Gründung schon lange vor den Demonstrationen in Stuttgart statt. Dennoch zeigt dieser Fall, dass Handlungsbedarf besteht, Industrieprojekte kommunikativ besser vorzubereiten. Dafür werden wir uns stark machen.. 

Hat Stuttgart 21 der Initiative denn zusätzlichen Auftrieb geben?

Was die Motivation anbetrifft auf jeden Fall. Wir fragen uns in diesen Tagen natürlich, was in Deutschland überhaupt noch an Industrie- und Verkehrsprojekten möglich ist. Autobahn- und Flughafenerweiterungen waren schon immer schwer durchsetzbar, jetzt auch Bahnhöfe und Gleisanlagen. Oder nehmen sie die Energieversorgung. Kernkraftwerke sind offensichtlich nicht erwünscht, Kohlekraftwerke auch nicht. Aber auch gegen Windkraftanlagen wird zunehmend demonstriert. Und erst recht die Bauarbeiten für das umfangreiche Starkstromnetz, welches für den Umstieg auf nachhaltige Energien unabdingbar ist, dürfte ohne verständliche Darstellung des gesamten Sachverhalts auf wenig Akzeptanz stoßen. Der Strom kommt nun mal nicht aus der Steckdose, sondern aus Großkraftwerken oder dezentralen, kleineren Anlagen und benötigt, um zum Verbraucher zu kommen, Strommasten und Kabel.

Was wollen Sie konkret machen?

Wir wollen uns für ein besseres Verständnis von Industrie als wirtschaftliches Rückgrat unseres Landes einsetzen. Und wir wollen zu mehr Transparenz beitragen und Zusammenhänge erklären. Damit können wir mehr Akzeptanz in der Bevölkerung schaffen.  Projekte müssen auch so kommuniziert und diskutiert werden, dass die Menschen nicht – sei zu Recht oder Unrecht -  das Gefühl haben, da sei hinter ihrem Rücken etwas ausgeheckt worden.

Wer steht hinter der Initiative „Zukunft durch Industrie“? Ist das mehr als nur ein Zusammenschluss von ein paar konservativen Ruhrbaronen?

Aber sicher, wir sind sehr breit aufgestellt. Der erste Anstoß zur Gründung der Schritt kam von dem langjährigen Regierungspräsidenten des Regierungsbezirks Düsseldorf, Jürgen Büssow….

….der SPD-Mitglied ist….

… - wir sind überparteilich- ..und zum Initiatorenkreis gehört auch Reiner Hoffmann, Chef der Industriegewerkschaft  Bergbau, Chemie und Energie in Nordrhein-Westfalen. Mit anderen Gewerkschaften gibt es erste Kontakte. Eingebunden sind auch die IHKs und Unternehmerschaften des Bezirks.

Bleibt die Initiative auf die Region beschränkt?

Wir sind regional ausgerichtet, sind aber offen für den überregionalen Dialog, gerade für den Fall, dass unsere Initiative auch in anderen Teilen des Landes Schule macht und wir unsere Erfahrungen einbringen können.

Ist Industrie nicht eine Sache von gestern? Braucht Deutschland noch so viel Industrie?

In den angelsächsischen Ländern hat man sich noch vor wenigen Jahren über das angeblich überindustrialisierte Deutschland lustig gemacht. Heute sehen wir, dass es Deutschland dank einer starken Industrie und eines starken Exports deutlich leichter fällt aus der Krise zu kommen als den USA oder Großbritannien, die ihre Wirtschaft stark auf Dienstleistungen ausgerichtet haben. Im Übrigen braucht auch ein großer Teil der Dienstleitungen eine industrielle Basis. Wenn die Industrie in Deutschland weg bricht, dann brechen auch Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor weg, zum Beispiel in der Softwarebranche, bei Anbietern von  Werkstoffanalysen oder von Ingenieurdienstleistungen. Solche Zusammenhänge wollen wir wieder stärker im Bewusstsein verankern.

Können Sie die Sorge der Menschen verstehen – zum die der Demonstranten bei Gorleben?

Ich kann die Verunsicherung der Menschen nachvollziehen. Die Endlagerung ist ein ungelöstes Problem, das uns noch lange beschäftigen wird. Das betrifft aber insbesondere auch Abfälle, die in den vergangenen 40 Jahren durch den Betrieb von Kernkraftwerken entstanden sind. Eine Blockade von Castortransporten löst allerdings die energiepolitische Fragestellung nicht. Hierzu muss man offen und transparent über den Energiebedarf der nächsten Jahrzehnte und dessen Deckung sprechen. Das ist unser Ansatz.

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