Innovationsexperte Joachim Milberg: "Ernste Gefahr für den Standort"

Innovationsexperte Joachim Milberg: "Ernste Gefahr für den Standort"

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Joachim Milberg, 65, ist Präsident der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften (acatech) und neuer innovationspolitischer Berater der Bundesregierung.

Innovationsexperte Joachim Milberg über die Folgen der Finanzkrise auf die deutsche Forschungslandschaft und den globalen Wettbewerb um gute Ideen.

WirtschaftsWoche: Herr Milberg, Sie beraten künftig die Bundesregierung in Innovations- und Technologiefragen. Wie finden Sie es, dass Kanzlerin Angela Merkel und die Länder die Ausgaben für Bildung und Forschung bis 2015 auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts anheben wollen?

Milberg: Das Ziel ist richtig, und es ist ein wichtiges politisches Signal. Allerdings handelt es sich derzeit nur um eine Absichtserklärung. Mehr Investitionen in die Bildung sind bereits heute erforderlich. Und was die Ausgaben für Forschung und Entwicklung anbetrifft, so hat Deutschland das jetzt bekräftigte Ziel – drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahre 2010 – bereits vor acht Jahren im Rahmen der Lissabon-Strategie der EU anerkannt, das Ziel aber bislang nicht erreicht.

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Müssen wir nicht befürchten, dass viele Unternehmen in der aktuellen Krise auch an Forschung und Entwicklung sparen?

Wir müssen aufpassen, dass der positive Trend nicht kippt. Wir werben seit Jahren dafür, dass mehr junge Leute Ingenieur, Naturwissenschaftler oder Informatiker werden. Wenn sich die Einstellungschancen verschlechtern, darf sich niemand wundern, wenn die jungen Leute sich wieder von diesen Ausbildungs- und Studiengängen abwenden – und der Mangel in ein paar Jahren noch größer ist.

Vielleicht braucht man sie gar nicht mehr – weil in der Krise verstärkt F&E-Aktivitäten ins kostengünstigere Ausland verlagert werden.

An der Gesamtsituation ändert das aber nichts. Studien und Erhebungen belegen, dass uns der Nachwuchs ausgehen könnte, sollten wir keine Trendwende schaffen. Derzeit sind die Absolventenzahlen nicht bestandserhaltend. Rückläufige Absolventenquoten in den Ingenieurwissenschaften seit Mitte der Neunzigerjahre und dazu die demografische Entwicklung sind mittelfristig eine ernste Gefahr für den Technologiestandort Deutschland. Und ich glaube nicht, dass sich in großem Stil indische Softwareentwickler und chinesische Ingenieure anlocken lassen.

"Technikland Deutschland wird seine Probleme allein lösen müssen."

Was folgt daraus?

Das Technikland Deutschland wird seine Probleme allein lösen müssen, und damit sollten wir früh anfangen. Schon die Schule sollte Freude an Technik wecken. Das kann in einem eigenen Schulfach Technik oder zumindest in Technikinhalten im Schulcurriculum verwirklicht werden.

Die Finanzkrise könnte auch den Markt für Risikokapital austrocknen. Gibt es bald kein Geld mehr für High-Tech-Gründer?

Die Finanzierungsbedingungen haben sich in der Tat wesentlich verschlechtert. Das trifft Gründer besonders hart.

Welche Hilfen schlagen Sie vor?

Denkbar wäre eine Mixtur aus administrativen und steuerlichen Erleichterungen. Der Staat könnte auch als Erstanwender neuen Technologien den Marktstart erleichtern.

Wo steht denn der Innovationsstandort Deutschland im weltweiten Wettbewerb?

Im Maschinen- und Anlagenbau, der Automobilindustrie, der Medizin-, Material- und Umwelttechnik sind wir vorn mit dabei. Studien zeigen aber, dass unsere generelle Innovationsfähigkeit – gemessen an der Mentalität und den gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen – international nur im Mittelfeld liegt. Prinzipiell sind wir nicht gut genug im Vermarkten von Einzelerfindungen. Unsere Stärke sind eher komplexe technische Systeme und die Großtechnologie. Leider gibt es genau dagegen häufig gesellschaftliche Ressentiments. Das ist langfristig ein hohes Risiko: Wenn wir neue Technologien verpassen, haben wir in Nachfolgetechnologien, die möglicherweise sehr arbeitsplatzintensiv sind, keine Basis mehr.

Welche Länder sind uns voraus?

Deutschland gibt rund 2,5 Prozent des BIPs für Forschung und Entwicklung aus, China nur 1,3 Prozent. Doch diese Verhältniszahlen verzerren die wirklichen Größenverhältnisse: In absoluten Zahlen investierte Deutschland 2006 rund 60 Milliarden Euro, in China waren es rund 130 Milliarden Euro, in den USA mehr als 300 Milliarden Euro. Und China hat ehrgeizige Ziele. Das Ministerium für Wissenschaft und Technologie will die F&E-Ausgaben bis 2020 auf 2,5 Prozent des BIPs steigern.

Sie haben für Kanzlerin Merkel ein neues Konzept zur Innovationsberatung der Politik ausgearbeitet. Wie sieht es aus?

Neu ist die zentrale Rolle, die die Akademien in Deutschland spielen werden. Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften wird die Ausgestaltung eines Beobachtungs- und Analyseforums übernehmen. Es sollen besonders relevante technologische und gesellschaftliche Herausforderungen herausgearbeitet werden. Sind die entscheidenden Zukunftsfragen definiert, wollen wir den Dialog zwischen Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Wissenschaft organisieren und auch Handlungsempfehlungen geben.

Das klingt nach viel Palaver. Im Innovationsprozess ist aber Tempo gefragt.

Genau deshalb müssen die Menschen früh und umfassend informiert werden. Sonst kommen diffuse Ängste hoch, und die Gefahr ist groß, dass eine neue Technologie aus Unkenntnis heraus erst einmal abgelehnt wird. Das haben wir beim Aufkommen des Computers erlebt und erleben es heute etwa in der Gentechnologie.

Welches sind denn die vordringlichen Themen, die Sie der Kanzlerin ans Herz legen wollen?

Ganz oben auf der Agenda sehe ich neben dem Nachwuchsthema das Thema Energie- und Ressourceneffizienz. Das spielt nicht nur beim Klima- und Umweltschutz eine überragende Rolle, sondern auch bei der Frage, ob wir in Deutschland weiterhin rentabel produzieren können.

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